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Propaganda am Nil: Ägypten feiert neuen Suezkanal

Von Sofian Philip Naceur, Kairo

Mit großem Pomp feiert Ägypten die Erweiterung des Suezkanals. Die staatliche PR-Maschinerie stilisiert das Projekt zum Heilsbringer für ein Land, das wirtschaftlich am Boden liegt. Zweifel sind angebracht.

Nach nur einem Jahr Bauzeit eröffnet Ägypten am Donnerstag offiziell den neuen Suezkanal. Er wurde auf einer Länge von 72 Kilometern parallel zur bestehenden Wasserstraße errichtet, um mehr und schnellere Durchfahrten zu ermöglichen. Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi erhofft sich von dem Projekt starke Impulse für die am Boden liegende Wirtschaft - und schlachtet die Einhaltung der geplanten Bauzeit propagandistisch aus.

Al-Sisi besichtigt den Kanal von oben.
Al-Sisi besichtigt den Kanal von oben.(Foto: dpa)

Die Vorbereitungen für die feierliche Eröffnungszeremonie in der Stadt Ismaelija an den Ufern des Kanals östlich der Hauptstadt Kairo laufen schon seit Wochen auf Hochtouren. In Kairo werden für die Videoübertragung der Zeremonie öffentliche Plätze und Regierungsgebäude mit überdimensionalen ägyptischen Nationalflaggen geschmückt. Der Tahrir-Platz im Herzen der Stadt, dem Symbol für Ägyptens Revolution 2011, erstrahlt in neuem Glanz. Renovierte Bürgersteige, frisch gestrichene Hausfassaden, Girlanden und Blumenbeete in der Mitte des Platzes lassen vergessen, dass der Tahrir zuvor nur eine schmucklose, graue Hauptverkehrskreuzung war.

Die neue Wasserstraße wird von der Polizei überwacht.
Die neue Wasserstraße wird von der Polizei überwacht.(Foto: dpa)

 Auf neu installierten Videoleinwänden an den Hauptstraßen der Stadt flimmern ununterbrochen Videos von der erfolgreichen Testfahrt dreier Containerschiffe im neuen Kanalbett, und Ägyptens Presse kennt kein anderes Thema mehr. Es wird vom "Jahrhundertbau" gesprochen. Der Kanal sei Ausdruck der wiedererlangten nationalen Stärke Ägyptens und werde der Wirtschaft des Landes auf die Beine helfen. Admiral Mohab Mamish, Chef der für den Kanalbetrieb zuständigen und de facto vom Militär kontrollierten Suez Canal Authority (SCA), setzte den Kanalausbau vergangene Woche mit übertriebenen Pathos gar mit dem Übergang des Landes von der Dunkelheit ins Licht gleich.

Wirtschaftlichkeit nicht erwiesen

Doch kann der Kanal wirklich das liefern, was sich Regierung und Präsident vom Ausbau versprechen? Kairo hofft auf eine Steigerung der jährlichen Einnahmen aus dem Kanal von derzeit rund 5,3 Milliarden US-Dollar auf über 13 Milliarden und eine Verdoppelung der den Kanal passierenden Schiffe bis zum Jahr 2023. Die an den Ufern geplante Sonderwirtschaftszone soll bis zu einer Million neuer Jobs schaffen, heißt es.

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Zweifel sind angebracht, liegen der Öffentlichkeit doch keinerlei Informationen oder Studien zur Wirtschaftlichkeit des Projektes vor, sagt Amr Adly vom Carnegie Middle East Center in Beirut. Umgerechnet fast acht Milliarden Euro soll der Ausbau gekostet haben. Auch der Nachrichten- und Wirtschaftsdienstleister Bloomberg zeigt sich betont skeptisch über die Erwartungen der Regierung: Der Welthandel müsse jährliche Wachstumsraten von neun Prozent erreichen, damit sich Kairos Berechnungen erfüllen, heißt es dort.  Die Anzahl der Schiffe, die den Suezkanal passieren, liege zudem derzeit 20 Prozent unter dem Wert von 2008. Der Kanal ist nicht ausgelastet. Wie Ägypten daher in nur neun Jahren die Kanaleinnahmen um rund 260 Prozent steigern will, bleibt rätselhaft.

Westen liefert Waffen

Die politische Propaganda rund um die Kanaleröffnung sucht derweil ihresgleichen. Der Führung des Landes geht es dabei offenbar vor allem um politische Legitimität. "Das Regime muss der Öffentlichkeit dringend beweisen, dass es in der Lage ist zu handeln. Es versucht zu zeigen, dass es im Vergleich zu der von ihm im Juli 2013 gestürzten Muslimbruderschaft, aber auch im Vergleich zu dem 2011 entmachteten Expräsidenten Hosni Mubarak, in der Lage ist, Projekte umzusetzen. Das Regime will den Eindruck vermitteln es sei weniger korrupt als Mubarak, effektiver als Mubarak und technologisch fortschrittlicher als Mubarak", meint Adly.

Nahe Ismaelija wird noch gebaut.
Nahe Ismaelija wird noch gebaut.(Foto: REUTERS)

Die Baustelle nahe Ismaelija hingegen ist beeindruckend. "Vor einem Jahr war hier nichts als Wüste", erzählt Mohamed, ein Dockarbeiter der SCA. Heute ist die neue Fahrrinne ausgehoben. Dutzende Bagger säumen die Ufer der neuen Wasserstraße, die es zukünftig erlauben soll den bisher nur einspurig befahrbaren Kanal in beide Richtungen gleichzeitig zu nutzen. Baggerschiffe belgischer und holländischer Unternehmen heben weiterhin ununterbrochen das Kanalbett aus.

Derweil versucht die Regierung den Anschein von Sicherheit zu vermitteln. Soldaten und Panzer dominieren das Stadtbild von Ismaelija. Die Stadt gleicht einer Kaserne. Die gesamte Kanalzone ist Sperrgebiet. Ägyptens Armee hat hier das Sagen. Doch das sicherheitspolitische Umfeld des Kanals bleibt fragil. Im Nord-Sinai unweit des Kanals tobt seit fast drei Jahren ein Krieg zwischen Ägyptens Militär und radikalen Extremisten. Kairo versucht zu beschwichtigen, doch der Raketenangriff der Radikalislamisten auf ein ägyptisches Kriegsschiff im Mittelmeer vor rund drei Wochen sei "alarmierend", so ein Mitarbeiter einer ägyptischen Menschenrechtsorganisation, der anonym bleiben will.

Großes Interesse am Handelsweg

Was Ägypten mit dem Kanalausbau auf jeden Fall erreicht, egal ob die Einnahmen steigen oder nicht, ist die Absicherung internationaler Abhängigkeiten. Der Westen, aber ebenso Russland und China, haben Interesse an einem reibungslos geölten Handelsweg durch den Kanal – und guten Beziehungen zu den Machthabern in Kairo. Entsprechend wird al-Sisi hofiert.

Die USA lieferten pünktlich zur Zeremonie in Ismaelija acht F-16 Kampfjets. Frankreich lieferte Kampfflugzeuge und eine Fregatte. Deutschland bildet Ägyptens Polizei aus und schickt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zur Eröffnung.

In den letzten zwölf Monaten reiste al-Sisi zu Staatsbesuchen nach Spanien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Italien und Zypern und signierte dabei vor allem sicherheitspolitische Kooperationsabkommen. Und das trotz einer anhaltend katastrophalen Menschenrechtslage, einer teils absurd arbeitenden Justiz und der Tatsache, dass das Land auch zwei Jahre nach dem Sturz des islamistischen Expräsidenten Ägyptens Mohamed Mursi noch immer kein Parlament gewählt hat und Al-Sisi faktisch im Alleingang regiert.

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Quelle: n-tv.de

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