Wirtschaft

Protest an der Wall Street: "Amerika zerbröckelt"

(Foto: Reuters)

Seit Wochen protestieren New Yorker an der Wall Street. Das weltweite Finanzzentrum gilt ihnen als Symbol für den Niedergang der US-amerikanischen Mittelschicht, für wachsende Armut und zunehmende Ungerechtigkeit in den USA. Einer der Demonstranten ist Rey Clarke. Ihm geht es um eine bessere USA.

n-tv.de Wie würden Sie die Bewegung "Occupy Wall Street" beschreiben?

Rey Clarke: Ich denke, dass sich darin die aufgestaute Frustration über die jahrelangen Vergehen der Wirtschaft und die Gesetzlosigkeit der Finanzwirtschaft entlädt. Das geschieht in einer ansonsten behäbigen Öffentlichkeit, deren Wissendurst normalerweise von der elitären Rhetorik der Medien gestillt wird, denen es eigentlich darum geht, den ungerechten und ökonomisch ungleichen Status quo aufrechtzuerhalten.

Es geht also nicht nur um die Wall Street …

Die Finanzkrise und die neue amerikanische Armut sind doch die zwangsläufigen Folgen einer Entwicklung, die schon seit mindestens 30 Jahren andauert. Ich spreche von dem Einfrieren der Reallöhne, dem gewaltigen Ansteigen der Kreditkartenschulden, der maßlosen Höhe von Studien-Darlehen, der Fettleibigkeit, der Zerstörung unserer Umwelt, der mangelnden medizinischen Versorgung. Vor allem spreche ich aber von der Hybris der Wall Street und der Unternehmenselite, die einen Großteil des Bruttoinlandsprodukts geraubt oder zerstört haben. Seit dem Crash von 2008 verlieren Hunderttausende ihr Zuhause. Es gibt keine Anzeichen, dass sich diese Situation verbessert.

Die Demonstranten geben kein einheitliches Bild ab. Im Gegenteil: Sie scheinen sehr verschieden, der Protest sehr facettenreich zu sein.

Die Menschen kommen aus allen sozialen Schichten. Die meisten sind jung, andere sind älter. Einige gehören der Mittelklasse an, einige haben ihren Job verloren. Sie eint, dass sie ihre Stimme erheben. Es sind Menschen aller Hautfarben – obwohl die meisten weiß sind. In letzter Zeit gab es zwar Versuche, mehr Menschen anderer Hautfarben für die Proteste zu gewinnen. Doch unter dem Strich handelt es sich um eine ausgewogene Mischung von Menschen mit verschiedenen Bildungshintergründen.

Gibt es eine zentrale Botschaft, die von den Protesten ausgeht?

Die zentrale Botschaft ist: Wir stehen nicht mehr herum, während sich jemand unsere Häuser unter den Nagel reißt und unsere Gehaltsschecks kleiner werden. Während wir krank werden und uns den Arztbesuch nicht leisten können. Und das alles, während unsere Politiker behaupten, sie würden uns repräsentieren. Das ist eine Lüge. Sie dienen den Interessen der Finanzwirtschaft.

Halten Sie es für möglich, dass sich das bald ändert?

Das unglaublich Verstörende ist, dass wir keine Anzeichen von Veränderung sehen. Seit Jahrzehnten werden Gesetze im Sinne einer kleinen Minderheit gemacht. Sie folgen einer falschen Ideologie. Noch heute sehen Konservative und die meisten Republikaner Ronald Reagans Ansichten über Ökonomie als den einzig gangbaren Weg, um Konzerne und das ganze Land zum Blühen zu bringen. Mittlerweile ist aber klar, dass dieser Weg schon damals nicht funktioniert hat und heute nicht funktioniert. Im Grunde genommen hat uns diese groteske Ideologie in die tragische Lage gebracht, in der wir uns befinden.

Rey Clarke.
Rey Clarke.

Es ist doch kein Geheimnis, dass die USA einem Wunschbild folgen: ein Haus, ein Auto, dann Kinder und ihre Ausbildung und so weiter und so fort. Aber wenn Mama und Papa nicht genug verdienen, um das bezahlen zu können, wie können sie dann diesen amerikanischen Traum verwirklichen, der ihnen versprochen wurde und an den sie vermeintlich glauben müssen? Es ist gar nicht so schwierig, den Zusammenhang zwischen Reaganomics und den steigenden Kreditkartenschulden zu sehen.

Was motiviert Sie, sich an den Protesten zu beteiligen?

Es geht hier um die Zukunft unseres Landes. Es ist erstaunlich, dass dieser Weg nach unten nun schon mein ganzes Leben andauert. Es scheint, als sei das System gerade erst kaputtgegangen. Doch tatsächlich funktioniert es seit Jahrzehnten nicht mehr. Und wenn wir weder Wall Street noch Wal Mart noch anderen Konzernen Paroli bieten, die die Welt ihrer Ressourcen berauben, dann bekommen wir eine Welt, in der wir nicht leben können.

Wir werden die Luft nicht atmen, das Wasser nicht trinken und die Fische nicht essen können. Unser vergifteter Planet wird eine vergiftete Wüste – nur damit ein kleiner Teil der Menschen profitiert, während der Rest von uns im Grunde Sklaven dieser Minderheit sind. Dabei bin ich fest davon überzeugt, dass wir sowohl über die Technologie als auch die Ressourcen verfügen, um uns allen eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen.

Die Proteste wurden von US-Medien und Politikern lange ignoriert. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Während der ersten Wochen waren die Proteste in den Medien tatsächlich nahezu unsichtbar. Erst seit kurzer Zeit berichten die großen Medien über die Situation in Downtown New York. Das mag daran liegen, dass die Proteste nicht in ihrem Interesse oder dem Interesse ihrer Eigentümer liegen.

Ich weiß nicht, wann genau sich diese Einstellung geändert hat. Aber ich vermute, dass es mit der Verhaftung von 700 Menschen auf der Brooklyn Bridge zusammenhängt. Das entspricht auch Forschungsergebnissen: Berichterstattung beginnt demnach häufig erst nach der Festnahme von Demonstranten – also von Menschen, die für ihre Sache ein hohes Risiko eingehen, damit für Aufmerksamkeit sorgen und die Sache in ein positives Licht setzen. Der Protest steht schließlich für eine Haltung gegen die Macht der Konzerne, die unser Leben kontrollieren.

Haben die Proteste bereits ihren Höhepunkt erreicht?

Im Gegenteil. Wir haben einen Wendepunkt erreicht. In nur vier Wochen haben sich die Proteste in dutzende, wenn nicht sogar hunderte andere Städte ausgedehnt – in den USA und in anderen Ländern. Die herrschende Elite sollte sich deshalb Sorgen machen.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman meint, Sie seien auf die richtigen Leute wütend.

Ich stimme Krugman zu. Oder wie es Schauspieler und Comedian George Carlin ausdrückte: Die Politiker sind bloß eine Front der Unternehmen, die uns und alles andere besitzen. Gewählte Volksvertreter schreiben zwar die Gesetze, doch sie werden beeinflusst von Unternehmen, ihren Lobbyisten und den unermesslichen Wahlkampfspenden.

Wie würden Sie die gegenwärtigen USA beschreiben?

Die amerikanische Gesellschaft zerbröckelt. Das Schulsystem ist marode, die Infrastruktur ist marode. Und das meiste Einkommen wird vom Finanzsektor erzielt, während unsere Industrie geradezu am Verschwinden ist. Fast jeder Amerikaner hat einen Berg von Schulden – sei es durch Kreditkarten, Ausbildung, Krankheit oder Hypotheken. Das Land funktioniert nicht richtig.

Präsident Barack Obama muss für Sie eine Enttäuschung sein…

Es ist schwer, meine Einstellung zu ihm zu beschreiben. Angenommen, unsere Wirtschaft wäre nicht zusammengebrochen: Hätte er dann Bedeutendes für unser Land erreichen können? Ich weiß es nicht. Denn bevor er sein Amt antrat, geschah Fürchterliches. Der Druck, unter dem er steht, könnte aber auch sein wahres Gesicht enthüllen.

Tatsache ist allerdings, dass die Republikaner sich nur einem Prozent der Bevölkerung verpflichtet fühlen – koste es, was es wolle. Und das ätzende, sarkastische Bild, das sie von Obama zeichnen, sagt mir, dass sie ihn und seine Politik wirklich fürchten. Manchmal denke ich, er sollte energischer, konsequenter sein. Doch er steht häufig alleine. Obama sagte einmal, dass er nur handeln kann, wenn die Menschen ihre Stimme erheben und Wandel verlangen. Nun gut. Hier sind wir, und wir fordern Veränderungen. Wir müssen nun sehen, wie er reagiert. 

Können die Proteste die USA verändern?

Die Proteste werden die USA verändern. Sie sind eine Antwort auf die Dinge, die seit dem Jahre 2008 augenfällig geworden sind. Die Menschen machen sich Sorgen und sind wütend. Und außer Wahlen gab es keine Möglichkeit, dem Zorn Ausdruck zu verleihen. Das hat sich jetzt geändert. Doch noch immer gibt es Menschen, die zu bequem sind, um Veränderungen zu verlangen.

Die Proteste gehen also weiter?

Ja. Und zwar so lange, bis es sichtbare Veränderungen gibt. Seit Jahren und Jahrzehnten verspricht Politiker nach Politiker der Mittelklasse und den Armen Verbesserungen. Doch dabei kommt nur wenig heraus. Die Mittelklasse wird seit langer Zeit immer kleiner. Jeder muss kämpfen. Die Öffentlichkeit ist sich mittlerweile aber im Klaren über das Spiel, das in Washington gespielt wird, und über die Rhetorik der Politiker.

Manche beschreiben die Proteste als Stimme einer verlorenen Generation.

Meine Generation, die ihr folgende und die ihr vorangehende sind Generationen der verlorenen Möglichkeiten. Wir haben so vieles verloren. Ein Beispiel: Die großen Konzerne ruinieren die wenigen kleineren Geschäfte, die es noch gibt. Im vergangenen August stellte McDonald's die Hälfte der Menschen ein, die in diesem Monat landesweit einen Job bekamen.

Mit steigenden Kosten für die Bildung und der neuen republikanischen Agenda, öffentlichen Schulen die staatliche Unterstützung zu entziehen, stehen wir bald ohne die nötigen Fähigkeiten da, um einen sinnvollen, anständig bezahlten Beruf zu finden.

Die von den Demonstranten angesprochenen Probleme zeigen also auf, wo die USA nicht funktionieren?

Der Kapitalismus hat viele Mängel. Es ist ein System, das auf den Markt ausgerichtet ist. Der Markt ist auf denjenigen ausgerichtet, der Geld hat. Wer kein Geld hat, ist draußen. Für viele Leute ist das so, wie es sein soll. Aber diese Leute sollten aus der Geschichte lernen.

Wer Macht hat, will die Macht behalten. Die herrschende Klasse will die herrschende Klasse bleiben. Es scheint ein unsichtbares System zu geben, das bestimmte Leute auf "ihrem" Platz festhält und keinen Raum für Verbesserungen zulässt. Eine Regierung ist aber nicht nur dafür da, Grenzen zu schützen, sondern auch die Armen und die Schwachen.

In Europa wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Sozialsysteme errichtet, um denjenigen zu helfen, die nicht selbst für sich sorgen können. Die USA brauchen so ein Netz. Vielleicht brauchen wir auch eine Deckelung von Reichtum, vielleicht höhere Steuern, damit das System wieder funktioniert. Kapitalismus kann funktionieren – wenn er sinnvoll reguliert wird. Die Regierung muss diese Rolle übernehmen. Wenn sie das nicht tut, haben wir keinen Kapitalismus, sondern Anarchie.

Wenn Sie für einen Augenblick träumen – wie sieht Ihr Land in naher Zukunft aus?

Ich sehe, wie wir dieses Desaster hinter uns bringen, sobald wir endlich diese globale Finanztragödie überstanden haben, vor der wir stehen. Danach haben wir ein ausgewogenes, gut balanciertes kapitalistisches System, in dem Gerechtigkeit herrscht.

Mit Rey Clarke sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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