Wirtschaft
EZB-Chef Mario Draghi ist immer für Überraschungen gut. Diesmal auch?
EZB-Chef Mario Draghi ist immer für Überraschungen gut. Diesmal auch?(Foto: picture alliance / dpa)

"Super-Mario" ist am Zug: "Anleihekäufe haben nur begrenzte Wirkung"

Bei den Leitzinsen hat die Europäische Zentralbank (EZB) im Prinzip keinen Spielraum mehr nach unten. Damit bleibt ihr nur noch Anleihen, also Schulden, zu kaufen und damit weitere Liquidität in die Märkte zu pumpen. Hätte ein weiteres Ankaufprogramm für Wertpapiere Potenzial für einen Befreiungsschlag? Oder hat die EZB möglicherweise nur das Spekulantentum mit ihren Ankündigungen gefördert, wie Kritiker sagen? Die südeuropäischen Staaten können hoffen. Aber was hat Deutschland von so einem Programm? Christan Schulz, Volkswirt der Berenberg Bank steht Rede und Antwort:

n-tv.de: Wird die EZB am Donnerstag wieder intervenieren?

Christian Schulz: Ja. Die EZB wird wohl ab Jahresende Anleihen kaufen. Wir werden ein ABS-Programm (Assed Backed Securities) und wahrscheinlich auch ein Staatsanleihen-Programm sehen, so wie es die Amerikaner haben.

Die Lage in der Eurozone hat sich entspannt: In Spanien und Portugal greifen die Reformen. Dass es besser läuft, sieht man auch daran, dass die EZB jetzt längere Zeit die "Füße stillgehalten" hat. Warum will sie ausgerechnet jetzt wieder eingreifen?

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Ziel der EZB ist Preisstabilität. Und die ist für sie bei einer Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent gegeben. Aktuell liegt die Teuerung in der Eurozone mit 0,3 Prozent deutlich darunter. Hinzu kommt, dass wir aufgrund der Russland-Krise im Moment eine starke Wirtschaftsabschwächung im Kern der Eurozone und vor allem in Deutschland sehen. Für die Inflationsprognosen sieht es deshalb schlecht aus. Die Zinsen sind schon fast bei null Prozent. Deshalb erwägt sie jetzt ungewöhnliche, nicht traditionelle Maßnahmen - wie zum Beispiel Anleihekäufe.

Die EZB will unter anderem die Kreditvergabe an Unternehmen ankurbeln, um die Wirtschaft zu stärken. Ist die vermeintliche Kreditklemme tatsächlich der Grund für die schwächelnde Konjunktur oder fragen die Unternehmen vor allem in Südeuropa einfach zu wenig Kredite nach? 

Die aktuelle Abschwächung der Wirtschaft hat wahrscheinlich nichts mit den Krediten in der Peripherie oder der EZB-Politik zu tun, sondern eher mit Russland. Denn auch Deutschland schwächelt, und hier ist das Kreditangebot sicherlich nicht zu knapp und die Zinsen auch nicht zu hoch. Schaut man sich aber die Verzinsung von Krediten an Unternehmen an, gibt es eine große Spanne zwischen deutschen und italienischen oder spanischen Unternehmenskrediten. Die EZB beobachtet das schon lange mit großer Sorge. Ein Grund für die Schieflage könnte sein, dass sich die Banken in der Eurozone immer noch nicht gegenseitig trauen und deshalb kein Geld aus Deutschland in die Peripherie fließt. Ein anderer Grund könnte die niedrige Nachfrage nach Krediten aufgrund der Wirtschaftsschwäche sein. Die ist nicht nur in der Peripherie, sondern generell in der Eurozone, auch in Deutschland, schwach. Hier kann die EZB helfen: Wenn die EZB die Zinsen senkt oder durch Anleihekäufe dafür sorgt, dass die Zinsen sinken, dann springt möglicherweise auch die Nachfrage wieder an.

Die EZB überlegt, sogenannte "Asset Backed Securities", kurz ABS, zu kaufen. Worum handelt es sich dabei?

Das sind gebündelte, verbriefte Kredite. Die Banken verleihen an Haushalte und Unternehmen Geld - an Unternehmen für Investitionen, an Haushalte zum Beispiel für den Haus- oder Autokauf. Die Banken bündeln diese Kredite und "verbriefen" sie in einem Wertpapier. Dann verkaufen sie diese Kreditbündel an Investoren. Wenn sie das getan haben, werden aus solchen Krediten sogenannte ABS, Asset Backed Securities.

Da werden unangenehme Erinnerungen an die Häuserkrise in Amerika wach. Gibt es hier eine ähnliche Gefahr?

Christian Schulz, Volkswirt bei der Berenberg Bank
Christian Schulz, Volkswirt bei der Berenberg Bank

Die ABS haben einen großen Rufschaden in der Finanzkrise erlitten. In der Tat gibt es ein Problem: Der Investor am Ende weiß oft nicht genau, an wen das Geld ursprünglich verliehen wurde. In der Volkswirtschaft spricht man hier von einer "Informationsasymmetrie". In der Finanzkrise hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass viele der Kredite in diesen Papieren "faul" waren. Die Investoren wussten das nicht, sie erlitten deshalb große Verluste. Das heißt, wenn wir heute über ein ABS-Kaufprogramm der EZB sprechen, dann muss die Notenbank sicherstellen, dass die Kredite und die Wertpapiere eine hohe Qualität haben. Leider ist der Markt für solche Papiere sehr klein in Europa.

In den Bilanzen der Banken soll durch die möglichen ABS-Käufe Platz für neue Kredite geschaffen werden. Wer garantiert, dass das Geld diesmal in der Realwirtschaft ankommt?

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Garantieren kann das niemand. Man kann nur hoffen, dass ein ABS-Ankaufprogramm den Markt für solche Verbriefungen belebt. Wenn das Interesse an dieser Wertpapierkategorie steigt, sollten Banken mehr Geld an Haushalte und Unternehmen verleihen. Diese können sie dann wieder in Wertpapiere packen und an Investoren, die vielleicht risikofreudiger sind als die Banken selbst, weiterverkaufen. Nun ist es allerdings so, dass der berühmte Kleinunternehmer in Spanien, Portugal oder auch in Deutschland, der Jobs schafft, eher selten die Basis für ein ABS ist. Die meisten ABS in Europa basieren entweder auf Immobilien oder auf Konsumkrediten, Autokrediten oder Kreditkartenschulden. Und wenn die EZB die Zinsen für diese Kategorien senkt, dann wird der gesamtwirtschaftliche Effekt gering ausfallen und sicherlich nicht den kleinen Unternehmen, die in Portugal und Spanien Jobs schaffen, viel helfen. 

Das Gesamtvolumen eines solchen ABS-Programms wird von Ökonomen auf etwas mehr als 100 Milliarden Euro beziffert - das sind gerade einmal ein Prozent der gesamten Kreditvergabe der Banken. Der Anteil wird noch kleiner, wenn die EZB nur qualitativ hochwertige Papiere im "Investment-Grade"-Bereich kaufen will. Zur direkten Intervention stünden der Notenbank dann nur 60 Milliarden Euro zur Verfügung. Das geht aus einer Berechnung der DZ Bank hervor. Zum Vergleich: Der Ankauf von Staatsanleihen in der Vergangenheit. Hier hat die EZB 200 Milliarden Euro "aufgesogen". Ist das ABS-Programm nicht ein Tropfen auf den heißen Stein?

Absolut. Ein großer Teil der ABS in Europa wird dazu noch in Großbritannien ausgegeben, das nicht Mitglied der Eurozone ist und damit sicherlich nicht für Wertpapierkäufe der EZB in Frage kommt. Der Markt für die "sicheren" Papiere, über die wir hier sprechen, ist wirklich klein. Das Programm wird höchstwahrscheinlich maximal einen zweistelligen Milliardenbetrag umfassen und das wird entsprechend keine große Wirkung haben.

Wozu dann so ein Programm?

Es kommt darauf an, was die EZB damit bezweckt. Wenn sie damit ein Signal wie 2012 setzen will, dann wird das Programm sicherlich enttäuschen. Wenn sie allerdings die Absicht hat, eine für die Wirtschaft langfristig wichtige Alternative für die Kreditvergabe zu schaffen, die Unternehmen unabhängiger von den Banken macht, ist das zu begrüßen.

Kritiker sagen, allein die Ankündigung der EZB habe dazu geführt, dass Investoren den europäischen ABS-Markt leer gekauft hätten - es habe eine Art "Frontrunning" stattgefunden. Ist die EZB mit ihrer Ankündigung über das Ziel hinausgeschossen?

Mir ist nicht bekannt, dass jemand interne Informationen aus der EZB gehabt hat und auf der Basis agieren und Gewinne machen konnte. Stand jetzt ist: Es gibt noch kein ABS-Programm. Es kann also durchaus sein, dass diejenigen, die darauf spekulieren, enttäuscht werden. Zudem ist das Interesse der EZB an diesem Markt seit dem Frühsommer des vergangenen Jahres bekannt. Wenn Investoren diesen Markt leer gekauft haben, dann hat die EZB ohne eine einzige ABS-Anleihe zu kaufen, im Prinzip ihr Ziel erreicht. Doch man sieht weder, dass die Neuemissionen am ABS-Markt massiv zugenommen hätten, noch einen großen positiven Effekt auf die Gesamtwirtschaft. Auch daran kann man sehen, dass die kurzfristige Wirkung eines ABS-Programms für die Gesamtwirtschaft höchstwahrscheinlich begrenzt ist.

In Deutschland gibt es keine Kreditklemme, die deutsche Konjunktur steht vergleichsweise gut da. Profitiert Deutschland auch?

Die Eurozone ist unser wichtigster Exportmarkt. Wenn die Wirtschaft der Eurozone schneller wächst, wenn die Länder ihre Defizite reduzieren können, wenn die Schuldenstände sich stabilisieren und dann anfangen zu sinken, dann ist das für die generelle Stabilität unserer Währung und unseres wichtigsten Exportmarktes entscheidend. Dazu kommt, dass Deutschland auch darunter leidet, dass es immer noch Fluchthafen für viele Gelder aus der Eurozone ist. Die Zinsen in Deutschland für Sparer sind unter anderem deshalb so niedrig, weil aufgrund der Unsicherheiten innerhalb der Eurozone und auch darüber hinaus, viele Anleger deutsche Staatsanleihen als eine Art Versicherung sehen. Dadurch werden die Zinsen heruntergetrieben. Wenn sich die Lage richtig entspannt, dann könnten die Zinsen für Sparer in Deutschland auch wieder ein bisschen steigen und das wäre sicherlich im Interesse vieler in Deutschland. Deutschland hat jede Menge davon und kann von mehr EZB-Aktionen durchaus profitieren.  

Mit Christian Schulz sprach Diana Dittmer

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Quelle: n-tv.de

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