Wirtschaft
Protestaktion vor dem Kanzleramt: "Eine andere Welt ist möglich" lautet das Motto von Attac (Archivbild).
Protestaktion vor dem Kanzleramt: "Eine andere Welt ist möglich" lautet das Motto von Attac (Archivbild).(Foto: REUTERS)

Französin fordert Lagarde heraus: Attac strebt an die IWF-Spitze

Jubel unter Globalisierungskritikern: Aurélie Trouvé kandidiert für das Amt von Dominique Strauss-Kahn als Chefin des Internationalen Währungsfonds. Ihr Vorstoß bringt die bislang aussichtsreichste Kandidatin in eine peinliche Lage - Christine Lagarde müsste ihre Rivalin nun eigentlich offiziell in Washington vorstellen.

Die "andere" Kandidatin aus Frankreich: Aurélie Trouvé.
Die "andere" Kandidatin aus Frankreich: Aurélie Trouvé.(Foto: www.france.attac.org)

Das globalisierungskritische Netzwerk Attac mischt sich mit einer eigenen Kandidatin öffentlichkeitswirksam in das Rennen um den IWF-Chefsessel ein: Die französische Globalisierungskritikerin Aurélie Trouvé will Nachfolgerin von Dominique Strauss-Kahn an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) werden. Die Ko-Präsidentin des Netzwerkes Attac Frankreich strebt eigenen Angaben zufolge eine grundlegende Neuausrichtung des Währungsfonds an.

Unter ihrem Landsmann Strauss-Kahn habe der Währungsfonds "bedingungslos" die Interessen der Gläubigerstaaten vertreten. Alles deute darauf hin, dass die französische Finanzministerin Christine Lagarde, die nach Strauss-Kahns Rücktritt als Favoritin für den IWF-Vorsitz gehandelt wird, "es noch schlimmer machen wird".

Ein "starkes Zeichen"

Attac Deutschland begrüßte die Kandidatur der 31-jährigen Globalisierungskritikerin aus Frankreich "als starkes Zeichen gegen die bisherige, undemokratische, unsoziale und ökonomisch falsche Politik des IWF". Die Ökonomin Trouvé hofft nach eigenen Angaben "auf das 'fair play' von Christine Lagarde", die Frankreichs Gouverneurin beim Währungsfonds ist und etwaige Kandidaturen aus ihrem Land beim IWF vorstellen müsste.

Die 31-jährige Trouvé ist nach Angaben von Attac ausgebildete Ökonomin und Hochschuldozentin. Im Fall einer Ernennung zur IWF-Chefin will sie unter anderem die strikten Sparvorgaben in Krisenstaaten wie Griechenland oder Portugal stoppen, eine weltweite Finanztransaktionssteuer einführen, die "Demokratisierung des IWF" vorantreiben und den Währungsfonds in das UN-System integrieren - mit "je einer Stimme für jedes der 187 IWF-Mitgliedsländer".

"Wenn es darum geht, eine brutale Sparpolitik durchzusetzen, die die Armen ärmer und die Reichen reicher macht, ist der IWF stets vorne dabei", kommentierte Roland Süß vom bundesweiten Attac-Koordinierungskreis in Deutschland den Vorstoß. Eine grundlegende Neuausrichtung, wie von Trouvé angestrebt, würde seit langem vertretene Forderungen der IWF-Kritiker erfüllen. Beobachter bewerteten die Kandidatur Trouvés dagegen als symbolische Geste, die keine realistischen Aussichten auf Erfolg hat.

Lagarde tourt durch Asien

Die deutsche Bundesregierung unterstützt die französische Finanzministerin Lagarde als Kandidatin. Diese befand sich am Dienstag in Indien, um bei der Regierung um Unterstützung für ihre Bewerbung zu werben. Die indische Regierung habe positiv auf ihre Ansichten und ihren Werdegang reagiert, sagte Lagarde nach ihrem Besuch in Neu-Delhi. Die Treffen seien "hervorragend" gewesen. Ob die indische Regierung ihre Bewerbung unterstützen werde, sagte Lagarde nicht. Zuvor hatte sich das Land die Entscheidung explizit offen gehalten.

Auf Werbetour in Indien: Christine Lagarde mit ihrem indischen Amtskollegen, Finanzminister Pranab Mukherjee (links).
Auf Werbetour in Indien: Christine Lagarde mit ihrem indischen Amtskollegen, Finanzminister Pranab Mukherjee (links).(Foto: dpa)

Schwellenländer kritisieren den Anspruch Europas auf den Posten. Neben Lagarde ist unter anderem der mexikanische Zentralbankchef Agustín Carstens als Kandidat für die Nachfolge von Strauss-Kahn im Gespräch.

Aufstrebende Schwellenländer wie China oder Indien waren sich wenige Tage vor Ablauf der Bewerbungsfrist für den IWF-Chefposten noch uneins, ob sie doch noch einen gemeinsamen Kandidaten ins Rennen schicken wollen. Man spreche derzeit noch über mögliche Bewerber, sagte Südafrikas Finanzminister Pravin Gordhan. Südafrika zählt zwar nicht zum engen Kreis der so genannten BRICS-Staaten, gilt aber neben Brasilien, Russland, Indien und China (BRIC) als einflussreiches und aufstrebendes Schwellenland.

Dunkle Flecken auf Lagardes Weste

Bis zum Ende der Bewerbungsfrist wird auch eine weitere wichtige Mitteilung erwartet. Dann entscheidet die französische Justiz darüber, ob sie Ermittlungen gegen Lagarde wegen des Vorwurfs der Veruntreuung öffentlicher Gelder aufnimmt. Beobachter betrachten dies als größte Gefahr für die Aussichten Lagardes auf die IWF-Stelle. Lagarde sagte dazu in Indien, der Fall sei für ihre Kandidatur kein Problem. Er entbehre jeder Grundlage.

Lagarde wollte noch am Dienstag nach China weiterreisen, um auch dort für sich zu werben. Weder China noch die USA haben sich offiziell für Lagarde ausgesprochen. Auch beim dem Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama in Washington dürfe die IWF-Nachfolge Thema sein.

Russen und Japaner sind sich sicher

Aus Russland hieß es unterdessen, für Lagarde gebe es keine ernst zu nehmende Konkurrenz. Es gebe niemanden, mit derselben Bildung und dem Hintergrund. Hinter ihr stünden zudem Länder, die eine hohe Zahl von Stimmen im IWF hätten, sagte Sergej Storchak, stellvertretender russischer Finanzminister und Vertreter des Landes bei G8, G20 und IWF. Zur Kandidatur Trouvés äußerte sich Storchak nicht.

Die japanische Finanzzeitung "Nikkei" geht unterdessen davon aus, dass Lagarde wahrscheinlich den Zuschlag erhalten werde. Sie werde von den USA und Japan unterstützt, hieß es in einem Bericht am vergangenen Wochenende.

Die USA und Europa verfügten zusammen über 48 Prozent der Stimmrechte im IWF. Japan kontrolliert 6 Prozent. Sollte Lagarde alle Stimmen aus Europa bekommen, habe sie mehr als 51 Prozent sicher und bekomme damit den Posten, hieß es aus Japan.

Der bisherige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn war wegen des Vorwurfes zurückgetreten, er habe ein New Yorker Hotelzimmermädchen zum Sex gezwungen. Die Bewerbungsfrist für das Amt des Geschäftsführenden Direktors beim IWF läuft Ende der Woche ab.

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Quelle: n-tv.de

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