Wirtschaft
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Weitere Aufweichung: Aufseher entschärfen Kapitalregel

Der Einspruch hat offenbar Erfolg: Finanzaufseher nehmen einmal mehr den Druck von Banken. Dank einer weicheren Leverage-Ratio-Definition werden die Geldhäuser weniger Vermögen verkaufen oder neues Kapital aufnehmen müssen.

Auf Druck der Banken wird eine der Kapitalregeln für mehr Sicherheit der Finanzbranche weniger streng ausfallen. Wie der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, ein Gremium verschiedener Aufsichtsbehörden aus aller Welt, mitteilte, gilt nun eine nicht ganz so strikte Definition für die sogenannte Leverage Ratio. Die Änderungen lassen Banken nach außen finanzstärker wirken.

Die Leverage Ratio misst die Krisenstärke einer Bank als Verhältnis ihres vermeintlich sicheren Kapitals zum Gesamtvermögen. Banken hatten sich über die Regel beschwert. Sie würde die Kreditvergabe an Verbraucher und Unternehmer abwürgen, hatte es geheißen. Mit den jüngsten Änderungen nehmen die Aufseher den Druck von Banken, zur Einhaltung der Basel-Regeln Vermögen zu verkaufen oder frisches Kapital aufzunehmen. Auf dem Papier werden ihre gemeldeten Kapitalquoten jetzt höher aussehen.

Von den Änderungen dürften vor allem Banken profitieren, die im Wertpapier- und Derivatehandel aktiv sind. Für sie ist besonders entscheidend, dass die neuen Regeln sie nicht mehr dazu verpflichten, 100 Prozent ihres außerbilanzlichen Vermögens zu zählen. Dazu gehören nicht nur die Mehrzahl der Derivate im Portfolio einer Bank, sondern auch Akkreditive - jene Dokumente, die für den reibungslosen internationalen Güterhandel so wichtig sind.

Verwässerung der Regeln

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Außerdem dürfen Banken nach den neuen Regeln bei ihren Wertpapiergeschäften jetzt ausgedehnte Maßnahmen zur Minderung des Ausfallrisikos - sogenanntes Netting - anwenden. Sie können nun etwa Rückkaufverträge (Repos) schließen, womit Sicherheitspfandzahlungen eines Vertragspartner ein größeres Gewicht bekommen.

Darüber hinaus nehmen die Aufseher Vermögen aus Geschäften mit zentralen Kontrahenten, die sonst möglicherweise doppelt gezählt worden wären, aus der Berichtspflicht der Banken aus. Dadurch schrumpft das Vermögen, das Banken zur Berechnung der Leverage Ratio angeben müssen, was die gemeldeten Kapitalquoten steigern wird.

Einmal mehr werden damit die die Ergänzungen zu den aggressiven Kapitalregeln verwässert, die die Aufseher nach der Finanzkrise 2008 eingeführt hatten. Ziel der strikten Kapitalvorschriften ist es, das Finanzsystem krisenfester zu machen. Banken aber gelang es, die Aufseher davon zu überzeugen, dass ihre ursprünglichen Pläne viel zu harsch waren. Zahlreiche Nachbesserungen nehmen den neuen Kapitalregeln nun einen Großteil ihrer Schärfe.

Uneinigkeit bei Berechnung der Leverage Ratio

Schon Anfang vergangenen Jahres hatten die Aufseher eine neue Regel zur vorgeschriebenen Mindestliquidität bei Banken in ähnlicher Weise gelockert. Auch die sogenannte Volcker-Regel - ein US-Gesetz, das spekulative Geschäfte von Banken eindämmen soll - wurde letztlich weniger strikt erlassen als geplant. Und in der Europäischen Union sieht es so aus, als würden ähnliche Pläne gegen das Spekulationsgebaren im Bankensektor ebenfalls noch einmal entschärft werden.

Ab dem kommenden Jahr werden Banken ihre Leverage Ratios veröffentlichen müssen. Die Aufsichtsbehörden wollen sie zwingen, ab 2018 mindestens eine entsprechende Quote von drei Prozent vorzuweisen. Noch gibt es dafür aber keine bindende Übereinkunft.

Als die Bankenaufseher erstmals nach der Krise neue Regeln ersannen, konnten sie sich wegen der Unterschiede bei den internationalen Bilanzierungsstandards in den USA und der EU nicht auf eine einheitliche Berechnungsmethode zur Leverage Ratio einigen. Selbst heute sehen die Aufseher diese Kennziffer mehr als ein zusätzliches Sicherheitsnetz im Rahmen des sogenannten Basel-III-Vertrags mit seinen neuen Regeln zum Umgang mit Risikokapital bei Banken. Diese Regeln traten in weiten Teilen der Welt im vergangenen Jahr in Kraft.

Leverage Ratio ist umstritten

Die Leverage Ratio steht jedoch seit langem in der Kritik. Sie sei viel zu ungenau, um die Kapitalstärke von Banken wirklich effektiv zu messen, sagen ihre Gegner. So mache die Kennzahl keinen Unterschied zwischen dem Risiko einer dreimonatigen US-Staatsanleihe und einer zehnjährigen Anleihe für ein Unternehmen in einem Bürgerkriegsland.

Politiker und Aufseher waren von der Leverage Ratio in den vergangenen zwei Jahren jedoch zunehmend angetan - gerade weil sie so stark vereinfacht. Großbritannien hat bereits bindend festgelegt, dass die Banken im Land eine Quote von drei Prozent einhalten müssen. Die USA wollen über die Drei-Prozent-Grenze noch hinausgehen.

Sowohl das alte wie auch das neue Basel-Rahmenwerk lässt zu, dass Banken auf Basis interner Kreditrisikoratings selbst entscheiden können, wie riskant ihre Geschäfte sind. Mit der Finanzkrise kam ans Licht, dass viele Banken diese Freiheit systematisch ausnutzten, um ihre Risiken nach außen zu verharmlosen. Aufseher hoffen deshalb, dass die Leverage Ratio als zusätzliche Kapitalregel jetzt Banken davon abhält, das System auszunutzen.

Quelle: n-tv.de

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