Wirtschaft
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Montag, 30. Januar 2017

Nicht jeder Trend is your friend: Autobauer, macht euch nicht verrückt!

Von Helmut Becker

Geht es um die Zukunft der Autoindustrie, führt offenbar nichts an Elektromobilität und autonomem Fahren vorbei. Neueinsteiger setzen die alteingesessenen Hersteller unter Druck - und die reagieren. Doch das müssen sie nicht.

"Festina lente!"  Schon die alten Lateiner wussten, dass man wichtige Geschäfte nur be- und durchdacht angehen sollte - also "mit Weile eilen". Davon ist bei den deutschen Autoherstellern in der Premiumklasse gegenwärtig absolut nichts zu spüren. Folgt man den einschlägigen Medien und deren Berichterstattung von der Consumer Electronic Messe CES in Los Angeles oder der Automesse in Detroit, so wurde die hohe Kunst des mechatronischen Automobilbaus längst von der Hightech-Digitalisierungswelle aus dem Mekka der schnellen Bits und Bytes, dem Silicon Valley, überrollt, von Innovatoren (neudeutsch: Disruptoren) aus den berühmten Garagenbetrieben. Was für eine merkwürdige Welt!

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Das beste Beispiel dafür war die Vorstellung des Wunderautos FF91 durch das kalifornisch-chinesische Unternehmen Faraday Future. Für die Petrolheads unter den Lesern zum FF91 nur so viel: Das Auto ist eine Mischung aus SUV und Hatchback und als automobiles Show Car durchaus ansehnlich. Es soll über 783 Kilowatt (KW), also etwa 1060 PS, und ein gigantisches Drehmoment von 1080 Newtonmetern verfügen. Empirisch heißt das, dass der Sprint aus dem Stand auf Tempo 100 in lockeren 2,4 Sekunden abgeschlossen ist - einem Ferrari 488 GTB, einem Tesla Model S P100D oder einem Porsche 911 würde man damit beim Ampelstart die Rücklichter zeigen. 

Vorbei, bevor es angefangen hat

Auch die Angaben zur Reichweite lassen den Laien staunen - und der Fachmann wundert sich: Über 600 Kilometer sollen die Akkus, die eine Kapazität von 130 Kilowattstunden haben, den FF91 und seine Insassen kutschieren, bevor sie wieder aufgetankt werden müssen. Und auch das soll durch sogenanntes supercharging mit 200 KW schneller gehen als bei Tesla. Der Preis soll bei 90.000 Dollar liegen. Das mag für Donald Trump ein Schnäppchen sein, für den US-amerikanischen Durchschnittsbürger, der für den Alltagsgebrauch auf japanische und koreanische Marken zurückgreift, ist das aber eine Summe, mit der er seine ganze Familie automobil ausstatten könnte.

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Und das alles wurde auf die Beine gestellt von der Firma Faraday Future, einem 2014 gegründeten US-amerikanischen Elektrofahrzeug-Unternehmen mit chinesischer Finanz-Mutter, der Leshi Internet Information & Technolog (LeEco) mit Sitz im kalifornischen Gardena. Faraday Future hatte bislang mit dem Automobilbau keine Berührung und wurde im Silicon Valley, folgend dem Beispiel von Tesla, als Spielzeug eines chinesischen Milliardärs aus der Konsumgüterelektronik (LeEco) aus dem Boden gestampft. Inzwischen hat das Unternehmen 1400 Mitarbeiter und bereits ein Jahr nach Gründung auf der CES 2015 ein Concept Car namens FF Zero 1, einen sehr futuristischen Sportwagen, vorgestellt. Das Auto sorgte damals unter den automobilen Elektronik-Heads für helle Aufregung.

Nun ja: Der FF Zero 1 wurde inzwischen ohne Aufsehen auf dem Autofriedhof beerdigt, Gerüchte besagen, vorsorglich in einem Doppel-Grab. Denn eine Fabrik für mehr als 1 Milliarde Dollar, davon ein Drittel Steuergelder, war bereits im Bau und sollte 2018 produzieren. Aus Geldmangel wurde der Bau inzwischen unterbrochen, 1400 Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Ob Faraday Future die CES 2018 noch erlebt, ist mehr als fraglich, so wie zwei Drittel aller kalifornischen Start-ups das dritte Jahr nicht überleben. Alles wartet jetzt gespannt auf die Eröffnung der Tesla Giga-Factory in der Wüste Nevada und dem roll-out der ersten vorbestellten Model-30-Autos – vermutlich am 31. Dezember 2017.

Daimler reagiert

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Der FF91 ist kein Einzelfall, Dutzende von Mobilitätspionieren sind mit ihren autonomen Autos inzwischen in Kalifornien unterwegs, die alle wie Tesla als Elektroauto-Pionier die althergebrachten Autohersteller das Fürchten lehren wollen. Und offensichtlich haben sie Erfolg: Allen voran Daimler kann sich offensichtlich gar nicht schnell genug vom ursprünglichen Erfolgsmodell von Carl Benz verabschieden, nämlich sich automobil von A nach B zu bewegen - und das seit über 125 Jahren zunehmend sicherer, komfortabler und für die breiten Massen begehrt, weil für jedermann erschwinglich. Daimler ist auf der CES 2015 bereits mit - auf Hochglanz-Papier - völlig autonom fahrendem Show Car Modell Luxury in Motion F 105 vorgeprescht.

Auf dem Pariser Autosalon wurde dann die Elektro-Katze aus dem Daimler-Sack gelassen: Mit dem EQ debütiert die neue Mercedes-Submarke für Elektroautos und mit dem "Generation EQ" gab es gleich mal ein sportliches SUV-Coupé und damit einen Ausblick auf eine neue Fahrzeuggeneration mit Batterieantrieb. Aus diesem neuen EQ-Elektrobaukasten lassen sich also SUV, Limousinen, Coupés, Cabriolets und weitere Modellreihen generieren. Der Q soll 2018 auf den Markt kommen, bis 2023 folgen zwei weitere SUV und zwei Limousinen. Dazu kommen drei rein elektrische Modelle in der Kompaktklasse mit 300 bis 400 Kilometer Reichweite und der vollelektrische Smart in drei Karosserievarianten. Fürwahr ein volles Programm!

BMW - elektrisch, ohne Carbon

Bei BMW wurde unterdessen als drittes Elektroauto der i-Reihe der BMW i5/iNext für 2021 angekündigt. Der iNext soll wohl eine große Limousine im Format des 5ers sein, die nicht nur elektrisch, sondern auch autonom fahren soll. Die Reichweite soll bis zu 750 Kilometer betragen. Um bei der Elektromobilität bis dahin dennoch auf nennenswerte Stückzahlen zu kommen, plant BMW Elektroautos auch ohne Karbon-Karosserie. Zunächst kommt 2019 ein elektrisch angetriebenes Modell von Mini. Für 2020 hat BMW dann einen Antrieb auf Basis der neuen Modellgeneration angekündigt. Auch 3er, 5er und 7er sollen als Elektroversionen kommen, ohne Carbon-Karosserie, versteht sich.

Kommen wir zum Punkt: Wie in den letzten beiden Kolumnen an dieser Stelle dargelegt, führt für einen Alt-Ökonomen, der sich in der Geschichte langfristiger Innovations- und Wachstumszyklen etwas auskennt, weder am Siegeszug der Digitalisierung in der Produktion noch am teilautonomen Fahren mit sinnvollen, weil dem Fahrer nützenden Assistenzsystemen ein Weg vorbei. All das kommt, nur: Elektromobilität auf Batteriebasis wird sich nur ganz langsam und nur für Teilsegmente des Weltmarktes eignen - nicht zum Ersatz von einer Milliarde Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren, geschweige denn für Lkw und Kreuzfahrtschiffe.

Und voll autonomes Fahren bleibt ein Hirngespinst, solange autonomen Autos die "Verhandlungsfähigkeit" fehlt - so die Aussage des Gründers von Mobileye, von deren Mess- und Erkennungssystemen die ganze Auto-Roboterisierung abhängt. Sogar die Anzahl der tödlichen Unfälle würde seiner Meinung nach zunehmen, nicht abnehmen. Erst wenn die heute durch Algorithmen strikt genormte künstliche Intelligenz des Autos an die situative, verhandlungsfähige menschliche Intelligenz heranreicht, könnte das Zeitalter des vollautonomen Fahrens kommen. Theoretisch!

Wenn alle es so machen ...

Fakt ist: Mit Ausnahme der Hersteller wie VW, Ford und Opel, die "normale" Automobile für die Bedürfnisse von Otto-Normalverbrauchern mit limitiertem Budget oder für Geschäftsflotten herstellen, bewegen sich die Premiumhersteller Daimler und BMW fast panikartig und aus bislang rational nicht klar erkennbaren Gründen mit Rekordgeschwindigkeit von dem als krisenfest und ertragreich erwiesenen Geschäftsmodell der Mobilität mit selbst gefahrenen Verbrennerautos fort. Nichts scheint für diese Hersteller erstrebenswerter, als das von ihren Kunden heiß geliebte, selber gefahrene Automobil durch fahrende Computer auf Rädern zu ersetzen - und dafür viele Milliarden zu investieren, wohl, weil alle es so machen. 

Für einen Alt-Autokäufer und -Nutzer  steht fest: Per App wird man in Zukunft keine Autos in der Premium-Klasse mehr verkaufen können. Da ist die Autowelt von heute, morgen und übermorgen anders: bunt, schrill, vielfältig, experimentell, vor allem aber strikt kundenorientiert. Der Weltmarkt erreichte 2016 einen neuen Rekordabsatz von über 82 Millionen Autos und wird 2017 weiter wachsen; davon 99 Prozent mit benzin- und Dieselmotoren angetrieben. In Deutschland, Europa, den USA und China wurden neue Absatzhöchstände erreicht. Kurz: Die Welt-Autoindustrie, auch die deutschen Hersteller inklusive Zulieferer, sind im Boom. Völlig ohne autonome Elektroautos. Und das bleibt auch so für viele Jahre. Also: Bitte keine Panik! Lasst euch nicht verrückt machen, festina lente!

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Quelle: n-tv.de

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