Wirtschaft
Schon heute bleibt in Deutschland jeder Achte in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen ohne Berufsabschluss.
Schon heute bleibt in Deutschland jeder Achte in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen ohne Berufsabschluss.(Foto: dpa)
Freitag, 28. Juli 2017

Trotz Rekordbeschäftigung: Betriebe bilden immer weniger aus

Die duale Ausbildung droht in Deutschland zum Auslaufmodell zu werden. Während die Beschäftigungszahlen kontinuierlich steigen, wird in Betrieben immer weniger ausgebildet. Das ist ein Problem.

Die Entwicklung von Arbeit und Ausbildung hat sich entkoppelt: Während der Arbeitsmarkt in Deutschland immer neue Rekorde bei den Beschäftigtenzahlen verzeichnet, ist die Ausbildungsquote rückläufig. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Zu diesen Ergebnissen kommt ein Forschungsprojekt des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) und der Universität in Göttingen, das von der Bertelsmann Stiftung gefördert wurde.

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In Zahlen ausgedrückt: Obwohl es zwischen 1999 und 2015 einen Zuwachs an Beschäftigten in Höhe von rund 12 Prozent gegeben hat, ist im gleichen Zeitraum die Zahl der Auszubildenden um 6,7 Prozent gesunken. Besonders stark geht die Entwicklung von Ausbildung und sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung seit der Finanzkrise 2008 auseinander. Rein rechnerisch kamen 1999 6,1 Auszubildende auf je 100 Beschäftigte, 2008 waren es mit 6,5 Auszubildenden sogar noch etwas mehr. Danach gab es einen fortlaufenden Rückgang, bis im Jahr 2015 nur noch 5,1 Auszubildende auf 100 Beschäftigte kamen.

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, sieht in der Entkopplung von Arbeit und Ausbildung eine Gefahr: "Wenn Unternehmen in der aktuell guten Konjunktur- und Beschäftigungslage nicht mehr junge Menschen ausbilden, ist der Fachkräftemangel hausgemacht."

(Foto: Bertelsmann Stiftung)

Für den stetigen Rückzug der Betriebe aus der Ausbildung spielen den Angaben zufolge viele Faktoren eine Rolle. Dazu gehören längerfristige Trends wie der technologisch bedingte Wandel der Produktionsprozesse, der veränderte Qualifikationsanforderungen nach sich zieht, der demografische Wandel sowie eine erhöhte Neigung zu einem Studium junger Menschen, die die Anzahl der Ausbildungsplatzbewerber und damit die Auswahlmöglichkeiten der Betriebe einschränken. Im Jahr 2016 konnten mehr als 40.000 Ausbildungsplätze von den Betrieben nicht besetzt werden - mehr als doppelt so viele wie noch 2010 -, obwohl gleichzeitig rund 80.000 Bewerber ohne Ausbildungsplatz blieben.

Fachkräftemangel nimmt zu

Hinzu kommt, dass bis zum Jahr 2030 rund zehn Millionen Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung oder mit Meister- oder Technikerabschluss aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Bei dem derzeit niedrigen Niveau der Ausbildungsbeteiligung werden diese nicht annähernd ersetzt werden können, wie es in der Studie heißt. Prognosen weisen daher auch auf einen steigenden Bedarf an beruflich und akademisch Qualifizierten hin, während der Bedarf an Ungelernten tendenziell zurückgeht.

Schon heute bleibe in Deutschland jeder Achte in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen ohne Berufsabschluss, so die Studie. Vor allem Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss, die tendenziell häufiger in Klein- und Kleinstbetrieben ausgebildet werden, seien von dem Rückgang der Ausbildungsplätze betroffen. "Wir können es uns nicht leisten, junge Menschen ohne Berufsabschluss ins Leben starten zu lassen", so Dräger. Die Bertelsmann Stiftung fordert deshalb, Unterstützungsangebote der öffentlichen Hand für Betriebe bei der Ausbildung benachteiligter Jugendlicher auszubauen. Diese sollen jedem jungen Menschen die Chance auf einen Berufsabschluss eröffnen.

Mit Blick auf den zunehmenden Fachkräftemangel fordert Vorstand Dräger, die berufliche Bildung für junge Menschen und Unternehmer wieder attraktiver zu machen: "Wir brauchen flexiblere Ausbildungswege und mehr individuelle Unterstützung für Azubis und Ausbilder. Der Staat muss mehr in die Berufsschulen investieren und erfolgreichen Absolventen sowohl berufliche Weiterbildungsperspektiven als auch Wege in die Hochschulbildung anbieten.“

Ein Fazit der Studie: Wenn es nicht gelingt, das Ausbildungsvolumen wieder zu erhöhen, werden die Probleme bei der Besetzung von Stellen mit beruflich Qualifizierten weiter zunehmen. Die Betriebe werden dann ihre Belegschaftsstruktur entweder deutlich in Richtung akademisch qualifizierter Fachkräfte verlagern oder verstärkt automatisieren müssen.

Quelle: n-tv.de

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