Wirtschaft
Bitcoins werden durch komplizierte Rechenprozesse "geschürft".
Bitcoins werden durch komplizierte Rechenprozesse "geschürft".(Foto: REUTERS)

Geld aus dem Nichts: Bitcoin - der virtuelle Widerspruch

Von Jan Gänger

Wer Bitcoins hat, wird derzeit immer reicher. Selbst die jüngsten Turbulenzen scheinen das Vertrauen in die Cyber-Währung nicht zu erschüttern. Schließlich steigt der Kurs kräftig. Ein Erfolg? Mitnichten.

So mancher Kritiker des Bankensystems im Allgemeinen und der ultra-lockeren Geldpolitik im Besonderen hat einen Traum: ein Geldsystem, das ohne zentrale Kontrollinstanz funktioniert, also unabhängig von Regierungen, Zentralbanken und Geschäftsbanken. Und für manche hat dieser Traum einen Namen: Bitcoin.

Seit Anfang des Jahres hat sich der Wert von Bitcoins vervielfacht.
Seit Anfang des Jahres hat sich der Wert von Bitcoins vervielfacht.(Foto: www.bitcoin.de)

Daran scheint auch der wildeste Kursverlauf der Cyber-Währung nichts zu ändern: Am Dienstag stürzte der Kurs innerhalb weniger Minuten von knapp 860 auf 644 Dollar ab, nur um kurz darauf wieder bei knapp 800 Dollar zu liegen. Im April war Bitcoin zeitweise sogar um 75 Prozent eingebrochen, die Währung hatte sich aber schnell wieder berappelt. Und das alles vor dem Hintergrund, dass ein Bitcoin zu Jahresbeginn unter 20 Dollar gekostet hat - zweifellos eine durchaus beeindruckende Entwicklung.

Das hat zwar eher einen großen Unterhaltungswert und ist ökonomisch bedeutungslos. Doch bei aller Skepsis gegenüber der Digitalwährung: Ist sie vielleicht doch eine Alternative zu Dollar, Euro und Yen? Zumal die Akzeptanz von Bitcoin durchaus wächst.

Eine Frage des Vertrauens

Das Cyber-Geld wird von Nutzern selbst an leistungsstarken Rechnern produziert. In dem "Mining" genannten Verfahren errechnen Computer Geldeinheiten, indem sie hochkomplexe mathematische Formeln lösen. Die Geldmenge ist begrenzt, irgendwann soll es maximal 21 Millionen Bitcoins geben, die für Zahlungen gestückelt werden können. Derzeit existieren rund 12 Millionen Bitcoins. Dadurch, dass die Menge begrenzt ist, soll - das erinnert an den früheren Goldstandard - Inflation verhindert werden.

Oder wie es der als Erfinder geltende Satoshi Nakamoto ausdrückte: "Das Kernproblem mit konventionellen Währungen ist das Vertrauen, das erforderlich ist, damit sie funktionieren. Der Notenbank muss vertraut werden, dass sie die Währung nicht abwertet." Doch die Geschichte des Geldes ohne Eigenwert (Fiatgeld) sei voll von dem Brechen dieses Vertrauens. Zudem würden die Banken "unser Geld" in "Wellen von Kreditblasen" verleihen – davon sei nur ein Bruchteil gedeckt.

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Das sehen andere wohl ähnlich. Bitcoin erfreut sich offenbar zunehmender Beliebtheit. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Nutzer zwar Notenbanken nicht vertrauen, aber ganz viel Vertrauen in eine Währung haben, die aus dem Nichts entsteht. Dennoch wird dem Dollar, dem Euro oder dem Yen zugleich unterstellt, im Grunde nichts wert zu sein – denn hinter ihnen stehe nichts anderes als das Versprechen, auch in Zukunft akzeptiert zu werden. Und Apokalyptiker warnen: Irgendwann erkennen die Leute die Illusion.

Das ist bei Bitcoin allerdings nicht anders. Jeder, der eine Zahlung in Bitcoin akzeptiert, glaubt daran, dass die Cyber-Währung auch in Zukunft noch etwas wert ist und sich nicht in Luft auflöst. Dabei mag der Glaube daran noch stärker sein als beim Dollar, hinter dem immerhin die US-Regierung mit der geballten Macht von Militär, NSA und CIA steht. Der Dollar ist nicht nur durch simplen Glauben gedeckt. Dahinter stehen schon ganz andere Kaliber.

Daran ändert auch die Begrenzung der Bitcoin-Menge nichts. Denn dieses Limit bedeutet keinesfalls, dass Bitcoins auch mittel- oder gar langfristig einen Wert haben. Es ist schlicht eine Frage des Vertrauens – und die heftigen Kursschwankungen können durchaus eine ernste Warnung sein. Anders ausgedrückt: Sollte irgendjemand auf die Idee kommen, eine auf 100 Einheiten streng limitierte Währung zu schaffen, bedeutet das nicht viel.

Doch Besitzern von Bitcoins kann das egal sein, ihre Währung wird - aus welchen Gründen auch immer - von einer nennenswerten Zahl von Nutzern akzeptiert. Und trotz aller Rückschläge kennt der Kurs seit Monaten im Grunde nur eine Richtung: nach oben.

Und genau das spricht nicht für Bitcoin. Der Sinn einer Währung ist ja nicht, den Besitzer reich zu machen. Geld hat eine soziale Funktion. Es soll ermöglichen, dass damit jederzeit alle Güter gekauft und verkauft werden können. Von Regierungen gedecktes Papiergeld ist dafür unglaublich nützlich. Dabei ist Geld tatsächlich eine Idee, kein Ding.

Ist Bitcoin eine gute Idee? Als Alternativ-Währung wohl nicht. Schon allein wegen der heftigen Schwankungen ist es als Zahlungsmittel fürchterlich unpraktisch. Es ist schlecht, wenn man nicht weiß, ob ein Gut in einer Woche 100 Dollar, 1000 Dollar oder 10 Dollar wert ist.

Deflation statt Inflation

Zudem mag die Begrenzung der Geldmenge, die Nutzer davon überzeugen, dass es mit Bitcoins keine Inflation gibt. Aber ökonomisch ergibt es wenig Sinn, die Geldmenge zu limitieren. Sie muss schrumpfen und zunehmen dürfen, damit die Preise stabil bleiben - selbst wenn sich die Nachfrage nach dem Geld ändert. Deshalb hatten sich die USA vom Goldstandard gelöst, der die Weltwirtschaftskrise so massiv verschlimmert hatte.

Wie beim Goldstandard gibt es bei Bitcoin derzeit zwar nicht Inflation, sondern Deflation: In Bitcoin gerechnet fallen die Preise rasant. Wer die Cyber-Währung hat, hat derzeit keinen Grund, sie auszugeben. Denn er kann davon ausgehen, dass sie übermorgen noch mehr Wert hat als heute. Für eine Volkswirtschaft ist es eine Katastrophe, wenn massenweise Geld gehortet wird.

Schlimmer noch: Je mehr Menschen Bitcoin nutzen, umso größer ist die Nachfrage nach dieser Währung. Schon jetzt steigt sie offenbar schneller als das Angebot. Das führt dazu, dass der Kurs regelrecht explodiert – und die Preise für Güter damit zusammenbrechen.

Letztlich bestätigt das Bitcoin-Projekt so die Gewissheit: Damit eine moderne Ökonomie funktioniert, muss die Gesellschaft Zentralbanken und Regierungen vertrauen. Das mag manchen Menschen schwerfallen. Doch die Alternative wäre noch unerfreulicher.

Quelle: n-tv.de

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