Wirtschaft
Die aktuelle Ausgabe von Charlie Hebdo wird auf Ebay zu absurden Preisen gehandelt.
Die aktuelle Ausgabe von Charlie Hebdo wird auf Ebay zu absurden Preisen gehandelt.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Geschäft mit #JeSuisCharlie: "Charlie Hebdo" soll 999.999 Euro kosten

Von Hannes Vogel

Nach dem Massaker von Paris versucht ein Heer von Händlern mit dem Gedenken an die Terror-Toten Profit zu machen. Millionen reißen sich auf Ebay um "Charlie"-Ausgaben. Und um Unmengen skurrile "Je Suis Charlie"-Produkte.

Ricardo4498 meint die Sache offenbar ernst. Jedenfalls bietet er die erste Ausgabe von "Charlie Hebdo" nach den blutigen Terror-Anschlägen für 80.000 Euro auf Ebay zum Sofort-Kauf an. Am Kiosk kostet sie drei Euro. Geflissentlich weist er potentielle Käufer auf den Knick in der Mitte der Zeitung hin. Und zeigt sich ansonsten sehr großzügig: kostenloser Versand per Einschreiben. Die Rückgabe ist allerdings ausgeschlossen.

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Abgekauft hat Ricardo4498 sein Exemplar zwar noch keiner. Aber 38 Interessenten beobachten sein Angebot. In vielen anderen Auktionen haben Käufer die "Ausgabe der Überlebenden" für mehrere hundert Euro ersteigert. Es geht natürlich auch billiger: Für 2,99 Euro kann man sich einen Scan des Covers als pdf zuschicken lassen.

Die Titelbilder von "Charlie Hebdo" sind nach den brutalen Pariser Attentaten mit 17 Toten Ikonen der Pressefreiheit, genauso wie der Slogan "Je Suis Charlie", mit dem Millionen weltweit ihre Solidarität mit den Opfern bekundeten. Entsprechend gut verkaufen sie sich. Kaum eine Woche nach den Anschlägen läuft die Merchandise-Maschinerie auf Hochtouren. Ein Heer von Händlern versucht mit dem Gedenken an die Terror-Toten Profit zu machen.

Auf Ebay gibt es unzählige Buttons, Aufkleber, Magnetleisten, Pins, Schilder, Tassen, Schärpen, Mützen, Taschen, Tank Tops und Hoodies mit dem "Je Suis Charlie"-Logo zu kaufen. Oder wie wäre es mit einem schicken "Je Suis Charlie"-Armband? Einer Halskette? Wer möchte, kann sich auch mit "Charlie Hebdo"-Kondomen vergnügen oder seinen Hund mit einem "Charlie Hebdo"-Fressnapf verwöhnen. Schließlich müssen ja auch Vierbeiner um die Terror-Toten trauern können. Oder der "Je Suis Charlie"-Gedächtnisuhr? Nicht zu vergessen den "Je Suis Charlie"-Hipster-Beutel für 7,99 Euro, der gleich als bestes Ergebnis angezeigt wird, wenn man danach sucht. Baby-Strampler mit dem Logo sind auch im Angebot. Und bauchfreie T-Shirts. Mit ihnen bekommt das Wort Fashion-Terror eine ganz neue Bedeutung.

"Es ist hart von Idioten gekauft zu werden"

Den größten Hype gibt es aber um "Charlie Hebdo" selbst. Die Ausgabe vom Tag des Anschlags am 7. Januar ersteigerte ein Käufer für 811 Euro. Noch besser laufen ältere Original-Ausgaben mit Mohammed-Karikaturen auf dem Titel. Ein Anbieter verlangt dafür 5000 Euro per Sofort-Kauf. Der Gewinner einer anderen Auktion blätterte wirklich 10.100 Euro für zwei Original-Editionen aus dem Jahr 2011 hin. Ein Cover zeigt einen Moslem, der einem anderen Mann mit "Charlie Hebdo"-T-Shirt einen feuchten Kuss gibt. Auf dem anderen Titelblatt droht Mohammed mit "100 Peitschenhieben, wenn ihr euch nicht totlacht". Die Ausgabe mit dem kleinen Jesus auf dem Cover geht dagegen für weniger als 100 Euro weg.

Den Nachdruck eines Mohammed-Covers mit Autogramm des ermordeten Chefredakteurs Stéphane Charbonnier hat jemand für über 50 Euro gekauft. Im Hype haben manche Franzosen sogar "Charlie Hebdo"-Ausgaben aus den siebziger Jahren hervorgekramt und auf Ebay gestellt. Manche Leute versuchen sogar den gebrauchten "Spiegel" zu verhökern, der den Anschlag ebenfalls auf dem Titel hatte. Neupreis: 4,60 Euro. Selbst dafür bietet jemand 4,02 Euro. Und sogar ein Exemplar der "Westfalenpost" versucht jemand loszuschlagen, weil die Titelseite ein Bild des aktuellen "Charlie-Hebdo"-Covers ziert.

Vielen Franzosen ist die Profitgier auf Kosten der Terror-Toten zuwider. Einer bietet die neuste "Charlie Hebdo"-Ausgabe für 999.999,99 Euro an, unter dem Titel "Es ist hart, von Idioten gekauft zu werden". Ein anderer offeriert sie sogar für 10 Millionen Euro und merkt in der Artikelbeschreibung an: "Ich finde die Preise, die einige Ebayer verlangen, beschämend. Jeder stürzt sich drauf, um Geld zu machen".

"Ihr seid nicht Charlie"

Ein anderer Anbieter hat das Cover retuschiert. Statt "Alles ist vergeben" steht dort nun "Alles ist käuflich". Er kritisiert: "Es ist doch wirklich alles recht, um damit ein paar Kröten zu machen! Wenn Onkel Bernard wüsste, dass sein Tod der Spekulation dient, würde er sich im Grabe herumdrehen. Ihr seid nicht Charlie!" Onkel Bernard war das Pseudonym des Wirtschaftsjournalisten Bernard Maris, der bei dem Anschlag umgebracht wurde.

Auch der Redaktion von "Charlie Hebdo" dürfte der Kommerz um ihre ermordeten Kollegen unangenehm sein. Mit den blutigen Anschlägen ist der linke Sparten-Titel plötzlich im Mainstream der Popkultur angekommen. Für das kapitalismuskritische Magazin ist der Hype allerdings die finanzielle Rettung. Vor dem Anschlag lag die Auflage bei 60.000. Das aktuelle Heft soll nun fünf Millionen Mal gedruckt werden, um die riesige Nachfrage zu decken. Dem angeschlagenen Blatt könnte das rund acht Millionen Euro einbringen.

Quelle: n-tv.de

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