Rohstoffklemme bedroht DeutschlandChina hortet Industriemetalle
Kaum ist die Konjunkturflaute überwunden, schon sieht die deutsche Wirtschaft neue Gefahren. Das Wachstum in den Schwellenländern und der Boom in der Elektrotechnik treiben die Nachfrage nach Spezialrohstoffen steil nach oben. Vor allem bei exotischen Elementen zeichnen sich erste Engpässe ab.
In der deutschen Wirtschaft wächst die Sorge vor einer Engpässen bei Rohstoffen und seltenen Technologiemetallen. "Die Nervosität in den Unternehmen wird immer größer und größer", sagte Salzgitter-Aufsichtsratschef Rainer Thieme. Einer Studie zufolge rechnen mehr als die Hälfte der 100 befragten Unternehmen aus der metallverarbeitenden Industrie bei bestimmten Rohstoffen mit drastischen Preiserhöhungen, die zu empfindlichen Kostensteigerungen führen könnten.
Knapp ein Drittel befürchtet, dass eine weitere Verknappung der Technologiemetalle die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gefährden könnte. Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnte vor diesem Hintergrund eine Rohstoff-Strategie der Industriestaaten und eine engere Abstimmung von Wirtschaft und Politik an.
Unter besonderer Beobachtung stehen bei den meisten befragten Einkaufsleitern Nickel, Kupfer, Stahl und Aluminium. Aber auch Edelmetalle und Seltene Erden wurden als knappe Rohstoffe genannt, deren Beschaffung Sorge bereite. Unter dem Eindruck einer anziehenden Weltwirtschaft haben sich die Preise von Rohstoffen wie Kupfer und Erz schon drastisch erhöht.
Dazu kommen politische Ursachen: Ausfuhrbeschränkungen durch aufstrebende Schwellenländer wie China haben in einigen Bereichen des Rohstoffhandels zu einer künstlichen Verknappung von Metallen geführt. Die Volksrepublik kontrolliert 97 Prozent des Marktes für Seltene Erden, die zum Bau von leistungsstarken Stromspeichern, Computern, Geräten der Unterhaltungselektronik und Mobiltelefonen unerlässlich sind.
Recycling aus purer Not
Die Hälfte der Unternehmen gehe zwar davon aus, dass die Kostensteigerungen auf die Kunden umgewälzt werden könnten, sagte Peter Matuschek, Studienleiter vom Institut Forsa. Ein Drittel habe aber auch schon ein eigenes Rücknahmesystem eingeführt oder arbeite gerade daran, um die wertvollen Technologiemetalle aus alten und gebrauchten Firmenprodukten zurückzugewinnen. Rund ein Viertel arbeite in Branchenverbänden aktiv daran, um die Politik auf das Problem aufmerksam zu machen und die Situation deutscher Unternehmen bei der Beschaffung knapper Metalle zu erleichtern.
Eine große Mehrheit der Unternehmen erwartet demnach mehr Unterstützung durch die Politik: Knapp Dreiviertel schlossen sich der Aussage an, die Bundesregierung sollte sich im Rahmen der Welthandelsorganisation für eine Liberalisierung des Handels mit seltenen Technologiemetallen einsetzen. Ebenso viele erklärten, die Bundesregierung sollte gemeinsam mit der Industrie eine Rohstoffstrategie entwickeln. Dazu zähle auch der Aufbau eines Recycling-Systems zur Rückgewinnung der Metalle.
Die Rohstoff-Agentur kommt
Merkel sagte, die Industrienationen müssten sich angesichts des zielstrebigen Vorgehens etwa von China bei Rohstoffen dringendst mehr Gedanken um die langfristige Absicherung ihrer Rohstoff-Versorgung machen. "Hier müssen Wirtschaft und Politik noch enger und mehr miteinander sprechen", sagte die Kanzlerin auf einer Veranstaltung des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft. Die Gründung einer deutschen Rohstoffagentur sei ein wichtiger Schritt, weiter voranzukommen. Zudem müsse Deutschland seine Zusammenarbeit mit den rohstoffreichen Ländern Zentralasiens ausweiten.
Der scheidende Vorsitzende des Ost-Ausschusses, Klaus Mangold, unterstützte diese Linie. "Wir brauchen eine gesicherte Rohstoffplattform", sagte Mangold. Bei deren Herausbildung könne Zentralasien eine herausragende Rolle spielen.