Wirtschaft
Ein Wachstum von 7,5 Prozent sollen kein Dogma mehr sein.
Ein Wachstum von 7,5 Prozent sollen kein Dogma mehr sein.(Foto: picture alliance / dpa)

Volkrepublik blickt gelassener auf BIP-Plus: China nimmt den Fuß vom Gas

Die Volksrepublik rückt erneut von den eigenen Wachstumsvorgaben ab. Dies sei durch die Reformen gerechtfertigt. Beobachter sehen in dem Schritt einen geänderten Regierungsstil. Die neue Gelassenheit in Peking hätte jedoch gravierende Folgen für die Weltwirtschaft.

In China ist erstmals ein Vertreter aus der Führungsspitze von den offiziell ausgegebenen 7,5 Prozent Wirtschaftswachstum abgerückt. Bei einem US-China-Wirtschaftsgipfel in Washington sagte Finanzminister Lou Jiwei, dass es zwar keine Probleme geben sollte, die 7,5 Prozent zu erreichen. "Aber wir glauben auch, dass 7 oder 6,5 Prozent kein großes Problem sind."

Finanzminister Lou Jiwei (r.) verkündete das Abrücken von der bisherigen Zielmarke.
Finanzminister Lou Jiwei (r.) verkündete das Abrücken von der bisherigen Zielmarke.(Foto: picture alliance / dpa)

"Trotz der sinkenden Wachstumsraten zahlen sich die Strukturreformen aus", sagte Lou Jiwei weiter. Schwächere Konjunkturdaten seien die notwendige Folge der Reformen. China versucht seit längerem weniger vom Export abhängig zu sein, und dafür mehr Wachstum über die Binnennachfrage zu generieren.

Auch Regierungschef Li Keqiang hatte vor wenigen Tagen sein Land auf geringere Wachstumszahlen eingestimmt. Die Wirtschaft entwickele sich "insgesamt stabil", sagte der Premier laut Xinhua. "Die wichtigsten Indikatoren bewegen sich noch immer in vernünftigen Grenzen." Die Lage sei allerdings schwieriger und wechselhafter als früher. Es gebe Möglichkeiten sowohl für Wachstum als auch weiteren Abwärtsdruck. Im vergangenen Jahr hatte die chinesische Wirtschaft um 7,8 Prozent zugelegt. Es war der schwächste Anstieg seit 1999.

Chinas Schwächeln wäre weltweit spürbar

Trotz der betonten Gelassenheit hätte der Wachstumsrückgang in der zweitgrößten Volkswirtschaft ernsthafte Folgen für die Weltwirtschaft. Betroffen wären die australischen Rohstoffkonzerne, deutsche Autobauer und die Hersteller von Luxusprodukten, denen in den Hongkonger Boutiquen die Edelware nicht mehr ganz so aggressiv aus den Händen gerissen würde. Der Internationale Währungsfonds (IWF) kürzte zu Beginn der Woche vor allem deshalb seine Prognose für die Weltwirtschaft, weil in den großen Schwellenländern wie China, Brasilien und Russland Sand ins Getriebe kommt.

Das Finanzministerium in Peking versuchte vergeblich, die offenen Worte des Chefs wieder einzufangen. Die Berichte über das Wachstumsziel seien nicht korrekt, sagte eine Sprecherin. Lous überraschendes Bekenntnis wurde aber sowohl von US-Journalisten verbreitet als auch von den chinesischen Staatsmedien gemeldet.

Analyst Zhiwei Zhang von der Großbank Nomura riet dennoch zu Zurückhaltung. Solch eine Aussage hätte der Finanzminister nicht ohne Zustimmung des Nationalen Volkskongresses machen können, sagte der Volkswirt. "Wir genießen das Zitat mit Vorsicht."

Wirtschaft wuchs im zweites Quartal etwas schwächer

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Der neue Ministerpräsident Li Keqiang hatte das 7,5-Prozentziel bei der Sitzung des Volkskongresses im März ausgerufen. Sollte es 2013 nur für sieben Prozent reichen, wäre es das schwächste Wachstum seit 1990. Im ersten Quartal hatte sich das Plus auf 7,7 Prozent belaufen, was von den Märkten als enttäuschend gewertet wurde. Im zweiten Quartal erwarten die vom Wall Street Journal befragten Volkswirte eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 7,5 Prozent. Das zweite Halbjahr müsste also deutlich schlechter laufen, damit Lous Befürchtungen eintreffen. Die neuen Konjunkturzahlen sollen am Montag bekanntgegeben werden. Der Finanzminister kündigt an, dass die Zahlen leicht unter dem Wert des ersten Quartals liegen werden. 

Zuletzt sorgte das Reich der Mitte für eine ganze Serie enttäuschender Nachrichten aus der Wirtschaft: Der Konjunkturmotor beginnt zu stottern und die Geldmärkte verfielen in Panik, als die Zentralbank versuchte, die überschüssige Liquidität zu drosseln. Zuletzt brachen auch noch die extrem wichtigen Exporte ein.

Die Hauptprobleme für China sind die schwache Nachfrage aus dem Ausland, insbesondere aus dem rezessionsgeplagten Europa, steigende Preise und Löhne sowie ein stärkerer Yuan. Hinzu kommt der strukturelle Umbau der Wirtschaft, den die Regierung in Peking verfolgt. Das riesige Land soll unabhängiger von Exporten und der Konsum zu einer wichtigen Stütze des Wachstums ausgebaut werden. Wirtschaftszweigen, die unter Überkapazitäten leiden, soll der Geldhahn zugedreht werden.

Anzeichen für neuen Regierungsstil

Analyst Yao Wei von der Societe Generale wertet die Aussage Lous als Zeichen eines neuen Regierungsstils. "Die neue Regierung ist anders als die alte. Sie tolerieren niedrigere Wachstumsraten. Sie weigern sich, die alten Tricks anzuwenden, also die Geldpolitik zu lockern oder in die Infrastruktur zu investieren, um das Wachstum zu treiben", sagte er.

Bisher ist es für die neue Führung noch kein drastisches Problem, dass die Konjunktur nicht mehr so geschmiert läuft, weil der Arbeitsmarkt robust reagiert. Die jüngsten Umfragen zeigen, dass der Bedarf an Mitarbeitern weiter hoch ist. Die Ende des Jahres zurückgetretene alte Garde der Kommunistischen Partei hatte jahrelang acht Prozent als untere Wachstumsgrenze ausgerufen. Nur dann, so ihre Überzeugung, schaffen die Unternehmen genügend Stellen, um die Wanderarbeiter aufzunehmen und soziale Unruhen zu vermeiden.

Quelle: n-tv.de

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