Wirtschaft
Chinas Zentralbank macht die Märkte nervös
Chinas Zentralbank macht die Märkte nervös(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 21. Juni 2013

Kurswechsel bei Zentralbank: Chinas Geldmarkt verfällt in Panik

Chinas Notenbanker ziehen die Zügel an - und treiben damit den Geldhäusern den Schweiß auf die Stirn. Nach dem Zudrehen des Geldhahns versuchen die Institute, sich hektisch mit Kapital einzudecken. Am Markt herrscht Panik: Zwei chinesische Bankenriesen müssen sogar ihre Zahlungsfähigkeit beteuern.

Die chinesische Zentralbank schürt mit einem Politikwechsel die Angst vor einer neuen Finanzkrise. Grund ist ihre Weigerung, den Markt mit Geld zu fluten. Panikartig versuchen die Finanzinstitute, sich untereinander mit Geld einzudecken. Die Zinsen für Darlehen schießen zwischenzeitlich in die Höhe. Zwei Schwergewichte des Finanzmarktes müssen nach Gerüchten zu Zahlungsproblemen ihre Solvenz versichern.

Für Panik sorgten zeitweise Mutmaßungen, wonach zwei der weltgrößten Finanzinstitute auf Notkredite der Zentralbank angewiesen sein sollen. Die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) - die nach Vermögenswerten größte Bank der Welt - sah sich ebenso zu einem Dementi gezwungen wie die Bank of China, der viertgrößte Kreditgeber in der Volksrepublik. Die Bank of China versicherte, nicht in Verzug geraten zu sein und alle Verpflichtungen zeitgemäß erfüllt zu haben. Zuvor hatte es geheißen, sie habe Zahlungen um eine halbe Stunde hinausschieben müssen,  weil ihr schlicht das Geld ausgegangen sei.

Lage nicht mit 2008 vergleichbar

Schon seit Tagen rumort es im Finanzmarkt des Landes. Die Zinsen im sogenannten Interbankenmarkt schnellten dramatisch in die Höhe. Experten sagten, dieser Handel zwischen den Banken sei wie nach der Lehmann-Pleite in den USA "eingefroren". Dieses Phänomen hatte 2008 die Finanzkrise verschärft. Notenbanken hatten Unsummen in den Markt gepumpt.

Doch anders damals gehen die Turbulenzen nun nicht auf Schwierigkeiten der Geschäftsbanken zurück. Vielmehr hat die Zentralbank den Geldhäusern offenbar mitgeteilt, dass sie sich nicht auf eine üppige Liquiditätsversorgung verlassen sollten. Sie wurden zudem aufgefordert, ihr Liquiditätsmanagement zu verbessern.

"Dies ist ein Signal der Zentralbank, dass sie Marktdisziplin am Bankenmarkt durchsetzen will", sagte Analyst Michael Werner von Bernstein Research in Hongkong. "Chinas Kredite liegen bei 200 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, weshalb die Zentralbank wohl in Absprache mit der Regierung bemüht ist, eine Entschuldung und Neuausrichtung einzuleiten und die Wirtschaft auf einen dauerhafteren Wachstumspfad bringen will", schrieben die Barclays-Experten Yiping Huang und Igor Arsenin in einer Studie. Die australische Bank Westpac vermutet, dass der Liquiditätsengpass als regulative Maßnahme politisch gewollt sei.

Händler vermuten Kampf gegen System der Schattenbanken

Nach Ansicht von Händlern ist Chinas Zentralbank entschlossen, die Banken zu zwingen, ihre Schuldenlast selbst zu reduzieren. Außerdem sollen Geldhäuser gedrängt werden, den exzessiven Verkauf von Anlageprodukten im Vermögensmanagement  einzuschränken. Dabei geht es vor allem um den Verkauf gebündelter Vermögenswerte wie Kreditforderungen, die den Kunden hohe Erträge versprechen. 

Darüber hinaus hat China Zehntausende Kreditanbieter, die der Wirtschaft und der öffentlichen Hand in zunehmendem Maße Darlehen anbieten und so ein Kreditsystem außerhalb des regulierten Bankensektors geschaffen haben. Erst kürzlich hatte daher die Rating-Agentur Fitch gewarnt, dass dies zusätzliche Risiken schaffe. "Jetzt versuchen sie mit einem neuen Ansatz, das System der Schattenbanken zu zügeln", sagte Fitch-Expertin Charlene Chu. "Dieser neue Ansatz ist effektiver, überrascht aber auch den Markt."

Wie groß die Überraschung ist, zeigen derweil die veränderten Konditionen, zu denen Banken sich gegenseitig Geld leihen: So stieg die siebentägige Reporate für Interbanken-Kredite - ein Maßstab für die Finanzierungskosten - am Donnerstag auf 12,36 Prozent, nachdem sie am Mittwoch noch bei 8,22 und am Dienstag bei 6,82 Prozent gelegen hatte. Zwischenzeitlich erreichten die Zinsen für kurzfristige Darlehen mit 25 Prozent ein stolzes Niveau.

Erst neue Gerüchte über eine Geldspritze der Zentralbank drückten die Zinsen wieder. Doch noch immer müssen vor allem kleinere Geldhäuser draufzahlen. Und selbst für allen anderen ist der Preis für kurzfristig geliehenes Geld noch mehr als doppelt so hoch wie normal.

Verdrehte Welt bei Anleihe-Renditen

Bereits am Donnerstag war es einmal mehr zu einem massiven Ausverkauf am Anleihenmarkt gekommen. Die Notierungen brachen ein und die Renditen zogen kräftig an. Denn die Banken suchen händeringend nach Mitteln, um ihren Verpflichtungen nachzukommen - sei es in regulatorischer Hinsicht, sei es um Verbindlichkeiten zu begleichen.

Der Ausverkauf der vergangenen Tage ist derart massiv, dass - verdrehte Welt - die Renditen von Anleihen mit kurzer Laufzeit höher waren als die der länger laufenden Papiere. Eine solche unübliche Konstellation wird an den Märkten als inverse Zinskurve bezeichnet. Sie gilt als Vorbote einer wirtschaftlichen Schwäche.

Die Rendite der einjährigen chinesischen Staatsanleihen kletterte um 62 Basispunkte auf vier Prozent, während die der zehnjährigen Papiere um 18 Basispunkte auf 3,75 Prozent stieg. Seitdem die Liquiditäts-Probleme virulent wurden, schoss die Rendite einjähriger Titel sogar um 113 Basispunkte nach oben.

Ein Händler in Schanghai berichtet von dem Chaos am Bondmarkt: "Wer Geld benötigt, verkauft, als ob es kein Morgen gäbe, und wer Geld hat, kauft wie verrückt, weil er Schnäppchen einsammeln will." Allerdings gebe es mehr Teilnehmer ohne Geld als solche mit.

Quelle: n-tv.de

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