Wirtschaft

Mittelstand passt ins Beuteschema: Chinesen nehmen Deutschland ins Visier

Maos Erben sind weltweit auf der Jagd nach Technologien und Marken. Deutsche Maschinenbauer, Autozulieferer und Solarfirmen stehen dabei hoch im Kurs. Nach Staatskonzernen greifen nun vor allem Finanzinvestoren zu - wie "Chinas Warren Buffett" etwa.

Die Aufregung beim Betonpumpenhersteller Putzmeister ist groß, als der schwäbische Mittelständler Anfang 2012 vom chinesischen Baumaschinen-Konzern Sany geschluckt wird. Rund 700 Menschen protestieren am Firmensitz in Aichtal bei Stuttgart gegen die Übernahme, die IG Metall warnt vor einem Ausverkauf der deutschen Industrie.

Knapp drei Jahre später ist bei Putzmeister von Empörung nichts mehr zu spüren. Die Zahl der Mitarbeiter ist seit dem Verkauf an Sany leicht gestiegen. Und ohne die finanzielle Unterstützung aus der Volksrepublik hätte das Unternehmen den Preiskampf in seiner Branche wohl kaum überstanden, betont Putzmeister-Manager Uwe Misselbeck. "Ohne Sany hätten wir es schwer gehabt."

Putzmeister ist eine von rund 70 deutschen Firmen, die Maos Erben von 2008 bis Mitte 2014 gekauft haben, wie aus einer Studie der Deutschen Bank hervorgeht. Europaweit übernahm China mehr als 200 Unternehmen. Das Land ist weltweit auf der Jagd nach Technologien und bekannten Marken - deutsche Maschinenbauer, Autozulieferer und Solarfirmen stehen ganz oben auf der Prioritätenleiste. "Das Interesse ist groß", sagt Moritz Freiherr Schenck, China-Experte der Unternehmensberatung KPMG. Die Zahl chinesischer Übernahmen in Deutschland werde weiter steigen. Gewandelt hat sich allerdings das Profil der Käufer.

Die "dritte Welle" rollt

Den Anfang machten um die Jahrtausendwende chinesische Staatskonzerne, die weltweit vor allem im Rohstoffsektor zuschlugen. In den vergangenen Jahren gingen dann verstärkt private chinesische Unternehmen auf Einkaufstour.

Aktuell zeichnet sich laut Schenck "eine dritte Welle" von Käufern ab: chinesische Finanzinvestoren. Sie haben sich lange auf ihren Heimatmarkt konzentriert, streben angesichts des harten Wettbewerbs in China nun aber verstärkt gen Westen. Die Pekinger Beteiligungsfirma Hony Capital legte im Sommer rund 1,1 Milliarden Euro für die britische Restaurant-Kette Pizza Express hin, außerdem ist sie am italienischen Betonmaschinen-Hersteller Cifa beteiligt. Unitas Capital aus Hongkong schluckte zusammen mit dem Infrastruktur-Konzern NWS für 525 Millionen Euro den niederländischen Baufahrzeug-Hersteller Hyva.

Chinas Warren Buffett

Chinas Warren Buffett: Guo Guangchang
Chinas Warren Buffett: Guo Guangchang(Foto: picture alliance / dpa)

Zu den bekanntesten chinesischen Beteiligungsgesellschaften gehört Fosun, dessen Chef Guo Guangchang "Chinas Warren Buffett" genannt wird. Fosun hat zuletzt bei mehreren Firmen aus kriselnden südeuropäischen Ländern zugeschlagen. Anfang des Jahres übernahm der Konzern für eine Milliarde Euro das Versicherungsgeschäft des portugiesischen Finanzinstituts Caixa Geral de Depositos und stach dabei den angelsächsischen Konkurrenten Apollo aus. Außerdem ist Fosun am größten griechischen Schmuckhersteller Folli Follie beteiligt und arbeitet derzeit an der Komplettübernahme des französischen Reiseveranstalters Club Med.

In Deutschland mischte Fosun im März bei der Übernahme der Deutsche-Bank -Tochter BHF durch den Finanzinvestor RHJ mit. RHJ will die BHF Bank mit der britischen Kleinwort Benson verschmelzen und die Mehrheit an dem fusionierten Unternehmen halten, Fosun begnügt sich mit einem Anteil von knapp 20 Prozent. Laut KPMG-Berater Schenck ist dieses Vorgehen typisch. Chinesische Finanzinvestoren trauten es sich derzeit nämlich noch nicht zu, komplexe Unternehmen alleine umzubauen und wieder auf die Erfolgsspur zu bringen.

Fosun sei an weiteren Beteiligungen in der Bundesrepublik interessiert, sagt Deutschland-Chef Wei Yuliang. "Gerne investieren würden wir vor allem in mittelständische Firmen, denen wir helfen können, ihre Produkte weiterzuentwickeln und in den chinesischen Markt einzudringen." Fosun sehe sich als langfristiger, strategischer Investor, sagt Wei. Da der Konzern erst seit 2011 gezielt im Ausland investiere, sei er bisher noch bei allen Firmen an Bord. Zu einem späteren Zeitpunkt könne Fosun Beteiligungen aber auch wieder mit Gewinn losschlagen, wie dies bei westlichen Finanzinvestoren üblich ist.

Neuer Schub durch Politik?

KPMG-Experte Schenck ist davon überzeugt, dass chinesische Finanzinvestoren wie Fosun, Unitas, Mandarin Capital Partners oder Sailing Capital künftig bei Übernahmen in Deutschland häufiger zum Zug kommen. Hauptgrund dafür ist aus seiner Sicht die Entscheidung der chinesischen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) im Frühjahr, den Genehmigungsprozess für Zukäufe im Ausland zu vereinfachen und zu beschleunigen. "Im Wettbewerb um interessante Unternehmen spielen chinesische Unternehmen damit nun in einer anderen Liga", sagt Schenck.

Einen weiteren Schub könne es mittelfristig durch das geplante Freihandels- und Investitionsschutzabgekommen zwischen China und der EU geben, erwarten die Analysten der Deutschen Bank. Bis eine solche Vereinbarung, die auch bei den deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen am Freitag in Berlin Thema sein dürfte, in trockenen Tüchern ist, wird es Experten zufolge allerdings noch einige Zeit dauern.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen