Wirtschaft

Von Schulsuche und Organspende: Das Modell der Nobelpreisträger

Wie werden Schüler optimal auf Schulen verteilt? Wie regelt man die Vergabe von Organspenden? Für solch praktische Fragen haben die US-Ökonomen Shapley und Roth Modelle entwickelt - und den Nobelpreis erhalten. Einziger Haken: Manchmal ist die Realität noch komplexer.

Erhielten den Anruf ihres Lebens: Lloyd Shapley...
Erhielten den Anruf ihres Lebens: Lloyd Shapley...(Foto: REUTERS)

Eigentlich ist alles ganz einfach. Auf einem Markt gibt es Angebot und Nachfrage - und alles regelt sich über den Preis. Doch was ist mit Dingen, für die kein Preis existiert? Wie etwa freie Plätze an einer Schule oder Spenderorgane, die verteilt werden, ohne dass Geld eine Rolle spielt. In diesem Verteilungskampf versucht jeder, für sich selbst das Beste herauszuschlagen. Wie man optimale Lösungen finden kann, die Egoismen verhindern und gut für die Gesellschaft sind, haben die US-Ökonomen Lloyd S. Shapley und Alvin E. Roth mit ihren Modellen gezeigt. Ihre Erkenntnisse zur Verteilung gelten als bahnbrechend.

Die beiden frischgebackenen Nobelpreisträger hielten die klassische Theorie von Angebot und Nachfrage auf bestimmten Märkten schlichtweg für unrealistisch. In der Praxis sahen sie zahlreiche Probleme etwa bei der Vergabe von Stellen an frisch ausgebildete Ärzte oder von Schülern an die richtigen Schulen in ihrer Heimat USA. Ihr Forschungsergebnis lautete: Es muss Regeln geben. Schon kleine Änderungen der Regeln machen das System besser. Shapley und Roth entwickelten Modelle für die Zuteilung. Sie formulierten den Grundsatz: Es kommt auf Koalitionen und gemeinsame Interessen an.

"Für die moderne Ordnungspolitik ist diese Theorie entscheidend", sagt Axel Plünnecke vom Institut der Deutschen Wirtschaft Köln IW. Das Verdienst der beiden Preisträger liege darin, Mechanismen ausgeknobelt zu haben, um eine Vergabe zu schaffen, die im Interesse der Gesellschaft sei und Manipulationen verhindere. "Alle haben einen Vorteil, wenn alle ehrlicher handeln."

...und Alvin Roth sind die neuen Wirtschafts-Nobelpreisträger.
...und Alvin Roth sind die neuen Wirtschafts-Nobelpreisträger.(Foto: REUTERS)

Shapley entwickelte dabei die grundlegende Forschung in den 60er Jahren, Roth machte das Modell praktisch anwendbar. Das Besondere ist, dass beide Wissenschaftler an Beispielen aus dem Alltag sehr praxisnah arbeiteten. Wie etwa die Vergabe von Plätzen an einer Schule: In den USA war es Gang und gebe, dass Schüler eine Wunschliste erstellten und sich bei mehreren Schulen gleichzeitig bewarben. Die Schulen nahmen an oder lehnten ab, einige Schüler gingen schließlich leer aus, einige Plätze blieben unbesetzt - für alle unbefriedigend. Auf der Basis der Theorie der beiden Preisträger wurde schließlich ein Vergabeverfahren eingeführt - mit Erfolg.

Der praktische Nutzen

Als die Jury des Nobelpreises Alvin Roth aus den USA telefonisch zuschaltete und nach dem praktischen Nutzen fragte, antwortete er: "Meine Arbeit hilft bei der Schulwahl in vielen amerikanischen Städten."

Oder das Beispiel Organtransplantation. Viele Patienten warten jahrelang auf ein passendes Spenderorgan. Um mehr Menschen zur Spende zu bewegen, entstand die Idee, mehrere Menschen in einen Ringtausch einzubeziehen. Möglich ist das etwa, wenn ein lebender Mensch eine Niere spendet, wie es etwa der SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier für seine kranke Frau getan hat.

Passt die Blutgruppe von Ehemann und Ehefrau nicht, kommt die Theorie der beiden Wissenschaftler ins Spiel: Mann A spendet seine Niere für eine fremde Frau B - und seine eigene kranke Frau bekommt die Niere des Ehemanns von Frau B. In den USA ist dies in der Praxis durchaus üblich. Dort operieren Kliniken simultan mehrere Empfänger und Spender und tauschen die Organe über Kreuz. In Deutschland wäre dies laut Transplantationsgesetz sittenwidrig.

"Roth hat sich verdient gemacht, diese Märkte in den USA zu gestalten", würdigte der Wirtschaftstheoretiker Prof. Klaus Schmidt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München die Arbeit. "Beide Preisträger waren die ersten, die dazu sehr nützliche Antworten geliefert haben." Durch die Veränderung einer einzigen Stellschraube sei es gelungen, Leben zu retten.

Und auch viele Internetnutzer profitieren von den Erkenntnissen der Preisträger. Etwa bei Auktionen im Web. Dort müssen Käufer sich überbieten, viele pokern und geben ihr Angebot erst in letzter Minute ab. Gemeinsam mit Preisträger Roth hat der mehrfach ausgezeichnete Kölner Ökonom Axel Ockenfels an Auktionsregeln gearbeitet. "Am Ende wird' s chaotisch und niemand weiß, ob alle Angebote durchkommen", sagt Ockenfels. "Wenn man die Spielregeln ändert und die Auktion dann verlängert, wenn neue Angebote hereinkommen, ist das System effizienter."

Das Online-Auktionshaus Ebay hat aus dieser Erkenntnis heraus etwa sein Bewertungssystem geändert, bei dem sich Käufer und Verkäufer nach einer Auktion gegenseitig Noten geben. Negative Bewertungen sind nicht mehr möglich - um zu verhindern, dass der so geschmähte Käufer eine negative "Rache-Bewertung" gibt.

Trotz aller praktischen Anwendungen bleibt aber ein Wermutstropfen. "Die Realität ist oft sehr komplex", sagt Wissenschaftler Ockenfels. "Es gibt aus der Forschung heraus keine Rezepte für einen bestimmten Markt wie etwa die Organspende. Es ist einfach zu kompliziert."

Quelle: n-tv.de

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