Wirtschaft
"Ohne eine politische Antwort und angesichts des sinkenden Ölpreises sind sämtliche Anstrengungen der Zentralbank, den freien Fall aufzuhalten, nutzlos", lautet die Einschätzung der  Ökonomin Inna Muftejewa.
"Ohne eine politische Antwort und angesichts des sinkenden Ölpreises sind sämtliche Anstrengungen der Zentralbank, den freien Fall aufzuhalten, nutzlos", lautet die Einschätzung der Ökonomin Inna Muftejewa.(Foto: REUTERS)

Rubel-Verfall in Russland: Die Katastrophe kommt, der Chef schweigt

Der Rubel stürzt, die Notenbanken versuchen hektisch, die Katastrophe abzuwenden - und das Volk verfällt in einen Kaufrausch, um das Geld zu retten. Russlands Wirtschaft steht am Abgrund und der Präsident hüllt sich in Schweigen.

Der russischen Wirtschaft droht der Kollaps: Der Absturz des Rubel konnte am Dienstag auch mit einer kräftigen Zinserhöhung nicht aufgehalten werden. Der Wert der russischen Währung brach zeitweise um 20 Prozent ein. Zentralbankchefin Elvira Nabijullina warnte, es werde "Zeit brauchen", bis sich der Rubel erholt habe. Während Ministerpräsident Dmitri Medwedew ein Krisentreffen der zuständigen Minister einberief, schwieg Präsident Wladimir Putin.

Die Anzeigetafeln an den russischen Wechselstuben spielten am Dienstag regelrecht verrückt. Nachdem der Kurs bereits am Montag mit 9,5 Prozent so stark gefallen war wie seit der Finanzkrise 1998 nicht mehr, verlor der Rubel bis zum Dienstagnachmittag noch einmal ein Fünftel seines Wertes. Für einen Euro wurden damit bisher unvorstellbare 100 Rubel fällig, für einen Dollar 80 Rubel. Danach setzte eine leichte Erholung ein, nach der für einen Euro noch immer 88 Rubel gezahlt werden mussten

Grund für den Wertverlust sind vor allem der fallende Ölpreis sowie die Sanktionen des Westens wegen der Rolle Moskaus im Ukraine-Konflikt. Durch den Währungsverfall sind die Preise für russische Verbraucher erheblich gestiegen.

Typisches Bild am Dienstag in Moskau: Schlangestehen vor dem Supermarkt. Viele Russen versuchten, ihre Rubel noch in Ware anzulegen, bevor die Talfahrt der Währung weitergeht.
Typisches Bild am Dienstag in Moskau: Schlangestehen vor dem Supermarkt. Viele Russen versuchten, ihre Rubel noch in Ware anzulegen, bevor die Talfahrt der Währung weitergeht.(Foto: dpa)

Sowohl die Europäische Union als auch die USA bereiten unterdessen weitere Sanktionsschritte vor: Bis zum EU-Gipfel am Donnerstag würden neue Strafmaßnahmen gegen die von Russland annektierte Halbinsel Krim beschlossen, kündigten Diplomaten in Brüssel an. Ein Sprecher von US-Präsident Barack Obama erklärte, dieser werde das vom Kongress verabschiedete Gesetz zur Verschärfung der Strafmaßnahmen gegen Russland bis zum Ende der Woche unterzeichnen.

Nutzlos ohne politische Antwort

Die russische Zentralbank hatte in der Nacht zum Dienstag mit einer äußerst ungewöhnlichen Leitzinserhöhung versucht, den Absturz aufzuhalten. Sie hob den Leitzins, zu dem sich Banken von ihr Geld leihen können, von 10,5 Prozent auf 17 Prozent an und machte damit Kredite so gut wie unbezahlbar. Doch die Märkte ließen sich davon nicht beschwichtigen. "Der Wert des Rubels spiegelt wider, was die Herrschaft Putins in den Augen der Märkte wert ist", sagte die Politologin Julia Latinina. "Den Wähler kann man an der Nase herumführen, die Märkte nicht."

Der Vizechef der Notenbank, Sergei Schwezow, kündigte nach dem jüngsten Kurssturz weitere Maßnahmen an. "Die Lage ist kritisch", zitierte ihn die russische Nachrichtenagentur Interfax. "Das hätten wir uns vor einem Jahr in unseren schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können." Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew kündigte Maßnahmen zur "Stabilisierung" des Rubels an, nannte aber keine Einzelheiten. Starke Devisenkontrollen schloss Uljukajew jedoch ausdrücklich aus.

"Ohne eine politische Antwort und angesichts des sinkenden Ölpreises sind sämtliche Anstrengungen der Zentralbank, den freien Fall aufzuhalten, nutzlos", sagte die Ökonomin Inna Muftejewa von Natixis. Regierungsschef Medwedew setzte ein Treffen mit Ministern an. Präsident Putin, der trotz aller Kritik des Westens in seinem Land weiter beliebt ist, äußerte sich vorerst nicht. Sein Sprecher Dmitri Peskow verwies darauf, dass die Regierung Medwedews für wirtschaftliche Fragen zuständig sei, nicht der Präsident. Putin dürfte sich aber spätestens am Donnerstag zum Rubel äußern, wenn er vor hunderten russischen und ausländischen Journalisten eine Rede hält.

Die Bürger reagierten schockiert auf den Absturz des Rubels: "Die Lage im Land ist völlig instabil, das macht große Angst", sagte eine Bankkundin, die in Moskau vor ihrem Kreditinstitut Schlange stehen musste. "Ich habe Angst, dass wir in die 90er Jahre zurückfallen", ergänzte sie mit Blick auf die prekäre wirtschaftliche Lage damals. Die Besitzerin eines Kosmetikstudios in St. Petersburg sprach von einer "Katastrophe". Sie sei von Produkten aus Italien abhängig und stehe vor dem Ruin. Viele Einkaufszentren in Russland erleben derzeit einen Ansturm, weil viele Kunden vor erwarteten Preiserhöhungen noch ihre Ersparnisse in Elektrogeräten oder Möbeln anlegen wollen.

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Quelle: n-tv.de

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