Wirtschaft
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New Normal: Die Zinsfalle und Ihr Vermögen

Ein Gastbeitrag von Dr. Markus C. Zschaber

Einst waren Zinsen die Gebühr, die ein Schuldner einem Gläubiger zu zahlen hatte. Das ist seit der Finanzkrise vorbei. Die Mini-Zinsen lassen nun die Zinsfalle zuschnappen.

Zinsen sind per Definition das Entgelt, das ein Schuldner einem Gläubiger für die zeitlich begrenzte Überlassung von Kapital zu zahlen hat. Die Höhe der Zinsen bestimmt sich dabei – zumindest in der Theorie einer freien Marktwirtschaft – grundsätzlich nach den Faktoren Angebot und Nachfrage, die zusätzlich beeinflusst werden durch Laufzeit und Bonität.

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Doch seit der durch die US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers ausgelösten Finanzkrise 2008 bewegen sich die Kapitalmärkte in einer neuen Normalität. Diese zeichnet sich vor allem durch die Nullzinspolitik der Zentralbanken aus. Die Ursache hierfür ist ebenso logisch wie konkludent: Exorbitant hohe Staatsschulden lassen sich nur noch über extrem niedrige Zinslevels bedienen, da sonst die ohnehin schon hohen Defizite vieler Staatshaushalte weiter belastet würden. Japan hat in der Zeit von 2007 bis heute seine Staatsverschuldung von 183 auf 248 Prozent erhöht, die USA im gleichen Zeitraum von 66 auf 108 Prozent, das vereinigte Königreich von 44 auf 94 Prozent, die europäischen Sorgenkinder Spanien von 36 auf 93 Prozent und Griechenland von 107 auf 175 Prozent. Diese Aufzählung ließe sich mühelos erweitern (Deutschland, Frankreich, Italien ...). Eine Trendumkehr in Sachen Staatsverschuldung ist nicht zu erkennen. Warum auch, wenn man die Kosten der Schulden, sprich den Zins, über Notenbanken selbst steuern und bestimmen kann. Zudem würde ein Anstieg der Zinsen auch die fragilen Bilanzen einiger europäischer Banken, die bei der EZB als systemrelevant geführt werden, gefährden. Zinsen werden politisch gewollt auf Jahre niedrig bleiben, um die Gesundungsprozesse insbesondere in der Peripherie der Eurozone nicht zu gefährden.

Ein weiterer Grund in Europa sind die Maastricht-Verträge, die ursprünglich die Gesamtverschuldung eines Landes auf 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und die Neuverschuldung auf drei Prozent pro Jahr begrenzen sollten. Die Bedeutung des "pacta sunt servanda" scheint in Anbetracht der ausufernden Staatsschulden wertlos. An welchen Stellschrauben können die Zentral und Notenbanken also drehen, um sich den gewaltigen Schuldenbergen gegenüberzustellen? Zur Erinnerung – die Schuldenquote errechnet sich wie folgt: Schuldenstand geteilt durch Bruttoinlandsprodukt mal Preisniveau.

Betrachten wir also die Möglichkeiten:

Möglichkeit 1: Auch wenn es einem Ammenmärchen gleichkommt, so müssten die Staaten in Zukunft mittels Haushaltssanierungen und Steuererhöhungen keine neuen Schulden mehr machen, ja sogar versuchen Überschüsse zu erwirtschaften, um Schulden zu tilgen. Wir erinnern an dieser Stelle gerne an den ausgeglichenen Haushalt: Die "schwarze Null" der Bundesregierung im Jahr 2014, die in einem äußerst positiven wirtschaftlichen Umfeld erwirtschaftet wurde. Selbst in diesem Umfeld ist es nicht gelungen, Schulden außer der Reihe zu tilgen.

Möglichkeit 2: Der Schuldenschnitt –unserer Analysen nach ein eher theoretisches Szenario. Denn werden Schulden per Dekret geschnitten, würde dies nicht nur zu erheblichen Vertrauensverlusten führen, sondern auch soziale Verwerfungen und Unruhen mit sich bringen.

Möglichkeit 3: Hohes Wirtschaftswachstum, sprich aus den Schulden heraus wachsen. Ein für Europa ebenfalls (zumindest gegenwärtig) theoretisches Szenario. Unsere Analysen haben ergeben, dass wir Wachstumsraten von 3,5 bis 4,5 Prozent benötigen würden, um Schulden real zu tilgen.

Möglichkeit 4: Das Preisniveau. Steigende Löhne klingen in den Ohren von Arbeitern, Angestellten und Gewerkschaften wie Musik. Eine steigende Teuerungsrate eher nicht, diese lässt sich aber durch steigende Löhne politisch gut verkaufen. Die EZB wird nicht müde zu betonen, wie wichtig eine moderate Inflation für die Eurozone ist. Die Notenbanken sind die Erfüllungsgehilfen der Regierungen und fokussieren das Thema der Inflation von Ratssitzung zu Ratssitzung, auch der zuletzt beschlossene 1.140.000.000.000-Euro-Plan hat als oberstes Ziel Inflation zu schüren und damit das Wachstum in der Eurozone zu steigern. Profitieren dürften vor allem Länder, die gegenwärtig hohe Zinsen für ihre Schulden zahlen müssen. Ihre Zinslast dürfte spürbar sinken.

Die Geldmenge, die in aggressivster Form durch die Notenbanken rund um den Globus geschaffen wird, landet bislang nur zu einem geringen Teil in der Realwirtschaft, sondern hauptsächlich in den Vermögenspreisen. Der Hintergrund dieser Entwicklung ist, dass die Banken nach wie vor wenig Eigenkapital aufweisen und das Kapital somit nicht eins zu eins über die Kreditkanäle in die Realwirtschaft weitergeben. Ganz im Gegenteil: Viele Institute müssen ihre Kreditbücher reduzieren. Daraus folgt, dass das neu geschaffene Kapital nicht wie von der EZB kalkuliert in der Realwirtschaft ankommt, sondern direkt in die Kapitalmärkte fließt und diese positiv stimuliert. Die Notenbankbilanzsummenänderungen der Federal Reserve befindet sich seit Mitte 2008 praktisch im Gleichlauf mit der des S&P 500. Die politische Strategie hinter den Maßnahmen ist klar: "Financial Repression", also die Entschuldung der Staaten über langfristig niedrigste Zinslevels und steigende Inflation. Oder anders ausgedrückt: Die schleichende Enteignung deutscher Sparer hat begonnen. So gelingt es einem Staat sich (ohne auch nur einen Euro zu tilgen) langfristig zu entschulden, ohne dabei ungeliebte Einsparungen und Steuererhöhungen im Landeshaushalt durchsetzen zu müssen.

Ein Blick auf die Zinsstrukturkurve genügt (siehe Grafik unten): Fünfjährige deutsche Bundesanleihen weisen bereits negative Renditen auf, für zehnjährige Anleihen beträgt die Rendite magere 0,34 Prozent. Durch negative und niedrige Zinslevels verstärkt sich der Effekt einer steigenden Teuerungsrate progressiv.

Was bedeutet das für Ihr Vermögen?

Der Blick auf die untenstehende Beispieltabelle offenbart sie: Die Zinsfalle. Der Saldo auf Ihrem Tagesgeldkonto versucht Ihnen auf den ersten Blick weiß zu machen, er hätte sich, wenn auch müßig und mit viel Anstrengung vermehrt. Erst auf den zweiten Blick macht sich die Zinsfalle bemerkbar. Trotz positiver Miniverzinsung können Sie sich nur sieben Jahre nach Ihrer Geldanlage weniger Waren und Dienstleistungen im Gesamtumfang von zirka 16,25 Prozent leisten, da sich diese, aber auch Assetpreise für Immobilien und Aktien in diesem Zeitraum verteuert haben. Die Gefahr der Zinsfalle lauert aber nicht nur auf Tages- und Festgelder, sondern betrifft auch Anlagen in Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Rentenfonds und weitere Zinsprodukte.

Dr. Markus C. Zschaber ist geschäftsführender Gesellschafter der "V.M.Z Vermögensverwaltungsgesellschaft" (www.zschaber.de) und gibt seit mittlerweile 17 Jahren regelmäßig Interviews beim Nachrichtensender n-tv. Gemeinsam mit dem Nachrichtensender n-tv veröffentlicht er ebenfalls monatlich mit seinem "Institut für Kapitalmarktanalyse" (www.kapitalmarktanalyse.com) die Konjunkturbarometer "Welt-Index" und "Welt-Handelsindex".

Quelle: n-tv.de

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