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Der Schwefelausstoß soll ab 2015 auf Nord- und Ostsee auf ein Zehntel sinken.
Der Schwefelausstoß soll ab 2015 auf Nord- und Ostsee auf ein Zehntel sinken.(Foto: picture alliance / dpa)

Neue Abgasvorschriften auf dem Meer: Kosten für grünere Schiffe treffen Festland

Schiffe auf Nord- und Ostsee müssen ab 2015 den Schwefelausstoß drastisch senken. Das zwingt Reeder zu erheblichen Investitionen. Doch herrscht vielfach Ebbe in den Kassen. Die Folgen könnten Verbraucher und Autofahrer spüren - und zwar mehrfach.

Der Schiffsverkehr auf Nord- und Ostsee wird deutlich umweltfreundlicher. Doch das könnte ebenso deutliche Kostensteigerungen auch in anderen Bereichen nach sich ziehen. Ab 2015 sinkt die erlaubte Menge für den Schwefelausstoß der Schiffe auf ein Zehntel des bisherigen Grenzwertes. Zudem sollen weniger Stickoxide und Rußpartikel aus den Schornsteinen kommen. Das ist gut für die Umwelt, denn der Schiffsverkehr ist eine erhebliche Belastung für die empfindlichen marinen Ökosysteme und die Luftqualität an der Küste.

Aber die verschärften Vorschriften ziehen eine Reihe von Folgen nach sich, die an ganz anderen Stellen für Probleme sorgen könnten. Rund 4000 Schiffe sind regelmäßig auf Nord- und Ostsee unterwegs. Die Reeder können die strengeren Umweltauflagen entweder erfüllen, indem sie schwefelarmen und hochwertigen Schiffsdiesel für den Antrieb einsetzen. Oder sie bauen Entschwefelungsanlagen (Scrubber) nachträglich in ihre Schiffe ein. 14 Monate vor dem Stichtag zeichnet sich nun ab: Bis auf Ausnahmen werden sich die meisten für den schwefelarmen Treibstoff entscheiden.

Umrüstung bei Ozeanriesen nicht möglich

"Die Eigner von Zubringerschiffen können sich Scrubber nicht leisten", sagt Timm Niebergall, Deutschland-Chef der dänischen Reederei Unifeeder. Die Anlagen kosten mindestens 1,5 Millionen Euro. Nach Jahren der Schifffahrtskrise bekommen die Reeder aber keine Bankkredite mehr für solche Investitionen. Zudem fahren ohnehin zu viele Feederschiffe, die Ladung aus den großen Häfen wie Hamburg und Bremerhaven im Nord- und Ostseeraum weiterverteilen.

Für die großen Ozeanriesen hingegen, die zwischen Asien und Europa unterwegs sind, gibt es keine geeignete marktfähige Entschwefelungstechnik. Auch bei Fähr- und Kreuzfahrtschiffen werden wohl vor allem Neubauten mit Scrubbern ausgerüstet - und nur wenige ältere Schiffe, die schon in Fahrt sind.

Das bedeutet, dass im übernächsten Jahr der europäische Markt für Dieselkraftstoff kräftig anziehen dürfte. Die Passagier- und Frachtschiffe auf Nord- und Ostsee fahren dann nicht mehr mit Schweröl, das sonst kaum zu gebrauchen ist. Sie benötigen einen ähnlichen Stoff wie Lkw, Flugzeuge, Ölheizungen und Diesel-Pkw. Nach einer Studie des Verbandes Concawe, in dem europäische Ölfirmen sich mit Umwelt- und Sicherheitsthemen beschäftigen, werden ab 2015 mehr als 13 Millionen Tonnen hochwertigen Schiffsdiesels zusätzlich benötigt. Das wäre mehr als ein Drittel des deutschen Dieselmarktes.

Experten halten bis zu 600.000 Lkw-Trailer zusätzlich für möglich
Experten halten bis zu 600.000 Lkw-Trailer zusätzlich für möglich(Foto: picture alliance / dpa)

Die Folge: Die Preise in Europa könnten merklich steigen. Eine Tonne Schiffsdiesel kostet gegenwärtig um die 950 Dollar und damit rund 50 Prozent mehr als der bisherige Brennstoff für die Schiffsmotoren. Diese Mehrkosten muss die Schifffahrt ohnehin bewältigen. "Die niedrigeren Schwefelgrenzwerte bedeuten eine deutliche Kostensteigerung, die wir eins zu eins an unsere Kunden weitergeben müssen", sagt ein Sprecher der Linienreederei Hapag-Lloyd. "Die Vorbereitungen dafür laufen bereits."

Teurerer Diesel und vollere Straßen?

Sollte die verstärkte Nachfrage nach Schiffsdiesel die Preise für verwandte Ölprodukte in die Höhe treiben, träfe es auch Flugpassagiere, Besitzer von Ölheizungen und Fahrer von Diesel-Pkw. Die Mineralölindustrie wiegelt ab. "Die deutschen Raffinerien sind auf die neuen Bestimmungen gut vorbereitet", sagt ein Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) in Berlin. "Sie haben bereits massiv in moderne Technologien investiert, um schweres Heizöl in höherwertige und umweltfreundlichere Produkte wie Diesel umzuwandeln."

Der Verband verweist zudem darauf, dass die Schifffahrt ja auch auf Flüssiggas als Treibstoff umsteigen könnte. Das wird in der Branche allerdings erst als mittelfristige Option in einigen Jahren gesehen, noch fehlt die dafür nötige Infrastruktur.

Burkhard Lemper vom Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) in Bremen erwartet außerdem mehr Straßenverkehr. Rund 600.000 Lkw-Trailer und noch einmal 820.000 Standardcontainer (TEU) im Ostseeraum könnten künftig nicht mehr auf Schiffen, sondern über die Straße transportiert werden - weil es schlicht billiger ist. Das hat das ISL bereits vor drei Jahren im Auftrag von Reedern und Häfen ausgerechnet. Daran habe sich im Grundsatz nichts geändert, sagt Lemper. Bei einer neuen Berechnung würden die Zahlen eventuell etwas niedriger ausfallen. Für Autofahrer hieße das: nicht nur höhere Spritpreise, sondern obendrein mehr Lkw und Staus auf den Straßen.

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Quelle: n-tv.de

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