Wirtschaft
Video

Flughafen Kassel-Calden eröffnet: Ein gelungener Aprilscherz

Von Julian Vetten

Im nordhessischen Calden feiert Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier die Eröffnung eines Regionalflughafens, den keiner braucht. Ihr Prestigeprojekt rechtfertigen die Bauherren mit aberwitzigen Argumenten und angeblichen Investoren. Die Rechnung begleicht am Ende wieder einmal der Steuerzahler.

Eigentlich sollte pünktlich um 11.00 Uhr die Boeing 737 mit dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier an Bord auf der frisch geteerten Landebahn des Flughafens Kassel-Calden aufsetzen. Statt des mächtigen Verkehrsflugzeugs bekam das Kamerateam der "Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen" am Morgen dann aber doch nur eine kleine Sportmaschine vor ihre wackelnde Linse. Die passende Pointe für das wohl größte Steuergrab in der jüngeren hessischen Geschichte.

Zwischen den Welten: Typische Flughafenatmosphäre sieht anders aus.
Zwischen den Welten: Typische Flughafenatmosphäre sieht anders aus.(Foto: dapd)

Zwei Jahre wurde an dem neu eröffneten Regionalflughafen gebaut, Kritik am 271 Millionen Euro teuren Projekt wurde aber bereits 1999 laut. "Der Flughafen ist eine wichtige Infrastruktureinrichtung für Nordhessen mit vorhandenem Ausbaupotenzial", stellte die Industrie- und Handelskammer damals trotzig fest – warum, fragen sich die Kritiker bis heute. Klar, Kassel war damals alles andere als eine Metropolregion, Arbeitsplätze wurden händeringend gesucht. Aber im nur 70 Kilometer entfernten Paderborn existierte bereits ein mehr schlecht als recht funktionierender Flughafen und selbst Frankfurt ist von Kassel aus in anderthalb Stunden zu erreichen.

Bauherren mit Tunnelblick

Gut, dass der Steuerzahler sich keine Sorgen machen musste, immerhin tauchten 2011 ja diese ominösen chinesischen Geschäftspartner auf - die zwar nicht genannt werden wollten, aber angeblich versprachen, bis zu 50 Prozent der Geschäftsanteile zu kaufen. Außerdem sollte die renommierte chinesische Hainan-Airline ernsthaft darüber nachgedacht haben, Kassel-Calden anzufliegen. "Ein verspäteter Aprilscherz?" wunderte sich damals schon das Fachmagazin DMM – und tatsächlich, von Investor und Airline ward nie mehr etwas gehört. Der Besuch von Chinas Staatsfeind Nummer eins hätte die reichen Männer aus dem Reich der Mitte verärgert, munkelte die Lokalpresse. Der Dalai Lama als Kassel-Killer? Niemals, entschied die Landesregierung damals und baute weiter – obwohl sich die Kosten mittlerweile von den veranschlagten 150 Millionen Euro auf die jetzigen 271 Millionen Euro erhöhten.

"Bei dem Projekt hat nicht die Rentabilität eine entscheidende Rolle gespielt, sondern die Regionalpolitik. Man wollte zeigen, dass man etwas für die Region Nordhessen tut, die Wirtschaftlichkeit hatte eine untergeordnete Funktion", kritisiert der Landesvorsitzende des Bundes der Steuerzahler, Joachim Papendick.

Den Bauherren mit Tunnelblick war anscheinend auch egal, dass das Modell der Regionalflughäfen längst überholt war. Billigfluganbieter wie Germanwings oder Ryanair gaben ihre Provinzstandorte in Lübeck oder Hahn reihenweise auf, ein Alleinstellungsmerkmal konnte auch Kassel-Calden nicht vorweisen. Und so führt der Flugplan gerade einmal 22 Starts pro Woche auf. Statt der erforderlichen 550.000 Passagiere pro Jahr werden zu Beginn lediglich 100.000 erwartet. Der Flughafenexperte Dieter Faulenbach da Costa schätzte im "Wall Street Journal" das jährliche Defizit des Airports auf acht bis zehn Millionen Euro.

In Nordhessen verkommen Zahlen zu Makulatur, immerhin hat man jetzt einen Flughafen – und das ist es doch, was zählt. Da fällt es auch kaum ins Gewicht, dass die erste reguläre Maschine nach Antalya, die am Nachmittag starten sollte, höchstwahrscheinlich ausfällt. Immerhin haben es die Passagiere nicht weit bis zu ihrem Ausweichflughafen: Paderborn. Als Bouffiers Maschine schließlich um Punkt 11.11 Uhr aufsetzt, ist der Applaus groß. Die Uhrzeit weist auf einen gelungenen Karnevalsauftakt hin.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen