Wirtschaft
Mit einem riesigen Schaufelradbagger fressen sich Tagebau-Experten bei Garzweiler westlich von Köln in die Landschaft.
Mit einem riesigen Schaufelradbagger fressen sich Tagebau-Experten bei Garzweiler westlich von Köln in die Landschaft.(Foto: REUTERS)

So viel wie seit der Wende nicht mehr: Energiewende lässt Braunkohle glühen

Nach dem beschlossenen Atomausstieg will Deutschland seine Energiequellen umstellen. Doch im Schatten der Ökostrom-Debatte behauptet sich die Braunkohle. Grund sind moderne Kraftwerke und der CO2-Handel. Deutschland: Weltmeister der Braunkohle.

Die Daten sprechen eine klare Sprache: Ungeachtet milliardenschwerer Investitionen in die Energiewende und steigender Belastung für die Verbraucher bleibt die heimische Braunkohle einer der wichtigsten Energieträger - sogar mit steigender Tendenz.

Im vergangenen Jahr kletterte die Stromproduktion aus dem fossilen Brennstoff auf mehr als 162 Milliarden Kilowattstunden. Damit liegt sie nur noch geringfügig unter dem Wert von 1990. Damals waren 171 Milliarden Kilowattstunden produziert worden, wie aus vorläufigen Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hervorgeht. Kurz nach der Wende waren viele DDR-Kraftwerke noch in Betrieb. Den niedrigsten Stand erreichte die Braunkohleverstromung - gemessen an der erzeugten Energiemenge - demnach im Jahr 1999 mit 136 Milliarden Kilowattstunden. Seitdem geht es wieder ohne größere Unterbrechungen aufwärts.

Im Jahr 2013 wurde aus Braunkohle laut AG Energiebilanzen in Deutschland sogar wieder am meisten Strom produziert. Der Energieträger gilt als verlässlich, Braunkohlekraftwerke sind "grundlastfähig", das heißt, sie können frei von saisonalen oder witterungsbedingten Schwankungen Strom erzeugen. Der Rohstoff Braunkohle lässt sich im Westen und Osten Deutschlands vergleichsweise günstig fördern.

Bereits an zweiter Stelle folgt mittlerweile allerdings Strom aus den erneuerbaren Energiequellen wie Sonne und Wind. Hier erreichte die Produktion im zurückliegenden Jahr einen Umfang von 147,1 Milliarden Kilowattstunden - und damit deutlich mehr als Kernenergie und auch mehr als Steinkohle. Diese steht bei der Stromerzeugung in Deutschland mittlerweile an dritter Stelle mit 124 Milliarden Kilowattstunden. Die nach dem Beschluss zum Atomaussstieg verbliebenen Atommeiler lieferten im vergangenen Jahr noch 97,0 Millarden Kilowattstunden.

Obwohl sich der Ökostromanteil auf inzwischen mehr als 23 Prozent beläuft, dürfte der deutsche CO2-Ausstoß weiter steigen. Produziert wird der Strom aus Braunkohle besonders im Rheinland und in der Lausitz. Laut Kohlewirtschaft waren Ende Oktober bundesweit mehr als 22.400 Menschen in der Braunkohleindustrie beschäftigt - darunter 1500 Azubis.

Video

Angesichts der Entwicklung fordern die Grünen von den Regierungsparteien Union und SPD, dem Trend rasch entgegenzuwirken, er sei dramatisch für die Klimaschutzbilanz. "Wer es mit dem Klimaschutz ernst meint, muss dafür sorgen, dass immer weniger Strom aus der Braunkohle kommt", sagte die Umweltpolitikerin Bärbel Höhn. "Der CO2-Ausstoß braucht einen entsprechenden Preis, damit sich klimaschonendere Gaskraftwerke durchsetzen können. Die Braunkohlekraftwerke sind nach den Atomkraftwerken die entscheidenden Renditebringer von RWE und Co. Da werden auch die ganz alten Kraftwerke nicht abgeschaltet." Der Anteil der Gaskraftwerke an der deutschen Stromerzeugung lag zuletzt bei 10,5 Prozent.

Deutliche Zunahme der Stromerzeugung

Insgesamt befördert das starke Wachstum bei der Braunkohle und den erneuerbaren Energieträgern auch einen neuen Rekord beim Export von Strom - dieser lag unterm Strich bei rund 33 Milliarden Kilowattstunden. Einem Export von 72 Milliarden Kilowattstunden stand der Import von 39 Milliarden Kilowattstunden gegenüber. 1990 überstieg die Einfuhr noch knapp die Ausfuhr. Seitdem ist die Bruttoerzeugung jedoch um gut 14 Prozent gestiegen - auch dank der Förderung erneuerbarer Energiequellen wie Windräder, Solaranlagen, Geothermie und Biomasse.

"Deutschland hat 2013 an acht von zehn Tagen mehr Strom exportiert als importiert. Das ist zu einem Großteil Strom aus Braun- und Steinkohlekraftwerken", sagte Patrick Graichen von der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende. "Diese verdrängen damit Gaskraftwerke nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland - insbesondere in den Niederlanden." Experten gehen von guten Einnahmen durch den Kohlestromverkauf im Ausland aus.

Energieexperte Graichen sprach vom Energiewende-Paradox: Der Ausbau von Solar- und Windparks sei von weiter steigenden Kohlendioxid-Ausstößen begleitet. Dabei werden 2014 rund 23,5 Milliarden Euro an Förderung für erneuerbare Energien über die Strompreise auf die Verbraucher umgewälzt. Ein Vier-Personen-Haushalt muss mit knapp 220 Euro Ökostrom-Umlage in diesem Jahr rechnen. Eine Ursache für die hohe Belastung liegt laut Graichen darin, dass der CO2-Ausstoß derzeit kaum etwas koste. "Der europäische Markt für Emissionsrechtezertifikate muss dringend repariert werden, um das zu ändern." Die Menge an Emissionsrechten müsse reduziert werden, um den CO2-Preis zu erhöhen.

Neue Blöcke mit netto 1400 Megawatt

Auf Jahressicht stieg derweil auch die Stromproduktion in Steinkohlekraftwerken - und zwar um 8 Milliarden auf mehr als 124 Milliarden Kilowattstunden. Seit 1990 ging die Menge indes von 141 Milliarden Kilowattstunden zurück. Fast verdoppelt hat sich in den 13 Jahren die Stromherstellung in Gaskraftwerken - auf zuletzt 66 Milliarden Kilowattstunden. Im Vergleich zu 2012 sank die Produktion indes um gut 10 Milliarden Kilowattstunden.

Damit fingen im vergangenen Jahr vor allem Kohlekraftwerke den Wegfall von acht Atomkraftwerken auf, während sich CO2-ärmere, aber im Betrieb teurere Gaskraftwerke derzeit kaum rechnen.

"Schockierender Kohleboom"

Den vorläufigen Zahlen zufolge habe sich die Stromerzeugung aus Braunkohle bei einem gesunkenen Braunkohleneinsatz 2013 noch einmal um 0,8 Prozent erhöht, sagte Jochen Diekmann vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Zum einen sei der Preis für CO2-Verschmutzungsrechte im EU-Emissionshandel sehr niedrig. Zum anderen seien allein 2012 neue Kraftwerksblöcke mit einer Leistung von 2743 Megawatt hinzugekommen, während alte Blöcke mit einer Leistung von 1321 Megawatt vom Netz gingen. Mit den neuen Anlagen stieg zudem der Wirkungsgrad.

Gerald Neubauer von Greenpeace sagte mit Blick auf Energieminister Sigmar Gabriel: "Er muss den schockierenden Kohleboom stoppen. Das ist die gravierendste Fehlentwicklung bei der Energiewende, die die deutschen Klimaschutzziele stark gefährdet." Deutschland sei Weltmeister bei der Stromproduktion aus Braunkohle. In keinem anderen Land werde so viel Braunkohle abgebaut.

"Der Kohleboom gefährdet inzwischen auch international die Glaubwürdigkeit Deutschland bei Klimaschutz und Energiewende", betonte Neubauer. Auch 2014 würden neue Blöcke in nicht unerheblicher Zahl ans Netz gehen. "Wir vermissen gerade bei der SPD eine kritischere Haltung", sagte Neubauer.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen