Wirtschaft
Bernhard Madoff im Dezember 2008 nach einem Termin bei Gericht in New York.
Bernhard Madoff im Dezember 2008 nach einem Termin bei Gericht in New York.(Foto: REUTERS)

Madoff-Whistleblower warnt: "Es gibt ein größeres Schneeballsystem"

Von Diana Dittmer

Harry Markopolos kam dem US-Anlagebetrüger Bernie Madoff als Erster auf die Schliche. Doch die SEC ignorierte ihn jahrelang. Den neuen spektakulären Hinweisen des Kopfgeldjägers der Finanzwelt dürften die Ermittler schneller nachgehen.

Der Fall Madoff ist der bislang wohl größte Betrugsfall in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte - größer als alle anderen bisher bekannten Skandale bei US-Unternehmen wie Worldcom, Enron oder Tyco. Sie alle standen vor allem für eins: die ungezügelte Gier am Finanzmarkt. Und die ist offenbar immer noch nicht gestillt. Die Serie an großen Betrugsfällen geht weiter. Das zumindest behauptet der Mann, der vor 16 Jahren als Erster auf die Betrügereien von Bernhard Madoff stieß. Im Interview mit ABC News warnte Harry Markopolos vor insgesamt drei neuen Schneeballsystemen. Jedes davon soll mehrere Milliarden Dollar schwer seien.

Bernie Madoff wurde vor acht Jahren wegen Anlagebetrugs zu 150 Jahren Haft verurteilt. Bevor seine betrügerischen Machenschaften aufflogen, war er ein hochangesehener Wertpapierhändler und Investor. Anleger, die auf ihn vertrauten, zahlten einen hohen Preis. Gigantische 50 Milliarden Dollar Kundengelder verzockte Madoff. Der Gesamtumfang des Schadens wird sogar auf mindestens 65 Milliarden Dollar geschätzt. 4800 Geschädigte gab es angeblich - es war ein Schneeballsystem gigantischen Ausmaßes. Es war der "erste wirklich globale Betrugsfall", wie ein Vertreter der Anwaltsallianz aus 21 Staaten damals bei der Verhandlung bemerkte.

Jetzt gibt es sogar ein noch größeres Schneeballsystem. Das glaubt zumindest Markopolos. Namen wollte der selbstständige Ermittler für Finanzbetrügereien nicht nennen. Zunächst solle sich die Finanzaufsicht SEC solle ein Bild von den Geschäftsmodellen im Pyramidensystem machen, sagte er im Interview. Der 59-Jährige nutzte aber die Gelegenheit, um die anhaltende Leichtgläubigkeit der Investoren zu kritisieren: Die Menschen wollten "an den Heiligen Gral des Finanzwesens und an risikofreie Investments glauben". Deshalb würden alle immer weiter in Schneeballsysteme oder sogenannte Ponzi-Systeme - benannt nach dem amerikanischen Betrüger Charles Ponzi - investieren.

Kopfgeldjäger der Finanzwelt

Derartige Geschäftsmodelle benötigen eine ständig wachsende Anzahl an Teilnehmern. Gewinne gibt es eigentlich nur, wenn neue Teilnehmer weiteres Geld investieren - ohne dass sie eine Dienstleistung oder ein Produkt im Gegenzug erhalten. Absahnen tun dabei vor allem diejenigen, die so ein Schneeballsystem ins Rollen bringen. Den anderen bleibt nur die Hoffnung, dass sie nicht die Letzten in einer Reihe von Gutgläubigen sind. Das Ende kommt in der Regel schneller als gedacht. Nach maximal zwei bis drei Jahren brechen diese Systeme erfahrungsgemäß zusammen - oder sie werden entdeckt.

Harry Markopolos wies die SEC vor 16 Jahren auf die Madoff-Machenschaften hin.
Harry Markopolos wies die SEC vor 16 Jahren auf die Madoff-Machenschaften hin.(Foto: REUTERS)

Markopolos deckte Madoffs Schneeballsystem auf, als er von seinem damaligen Arbeitgeber, der Bostoner Investmentfirma Rampart Investment Management, den Auftrag erhielt, ein ähnliches Produkt wie Madoffs zu entwickeln. Das Management wollte Anlegern ebenfalls eine Rendite von jährlich 12 Prozent bieten können. Nachdem Markopolos sich mit dem Produkt beschäftigt hatte, war er überzeugt, dass Madoff entweder über Insiderwissen verfügte oder aber ein Schneeballsystem entwickelt hatte. Im Mai 2000 meldete er den Fall erstmals der US-Finanzaufsicht SEC.

Heute ist es Markopolos' Job, betrügerische Machenschaften am Finanzmarkt aufzuspüren. Er hat hierfür ein eigenes Unternehmen gegründet. Einige bezeichnen ihn als Kopfgeldjäger der Finanzwelt, denn für einen gemeldeten Betrugsfall kassiert er eine Belohnung von der Regierung. Seine jüngsten Aussagen wollte die SEC-Vorsitzende May Schapiro nicht kommentieren. In einer Stellungnahme der Behörde hieß es lediglich, Ponzi-Systeme würden "aggressiv" verfolgt. Es habe inzwischen "bedeutende Reformen" gegeben, um solche Betrügereien zu verhindern. Als Beispiele nannte die Finanzaufsicht den Einsatz von Industrieexperten und die Einrichtung eines erweiterten Whistleblower-Programms. Laut SEC gab es in den vergangenen sechs Jahren über 600 weitere Schneeballsysteme sowie andere Finanzbetrügereien gegenüber 2000 verschiedenen Einzelpersonen und Firmen. Kein Fall war jedoch größer als der von Madoff.

Neben Markopolos Hinweis sollen der SEC laut "Business Insider" noch zwei anonyme Hinweise vorliegen. Demnach enthalten ETFs (Exchange Traded Funds, auf Deutsch: börsengehandelte Indexfonds), die an den US-Börsen gehandelt und an gutgläubige Investoren verkauft werden, toxische Papiere. In einem Brief vom 13. Januar verglichen die Hinweisgeber diese Papiere mit den Hypothekenpapieren, die 2008 die Häuserkrise auslösten.

Die SEC-Ermittler werden die Hinweise der Whistleblower diesmal wohl ernster nehmen. Im Fall Madoff hatte Markopolos jahrelang kein Gehör gefunden. Verhaftet wurde der Finanzmagnat erst Ende 2008, verurteilt 2009. Genugtuung oder Freude habe ihm das nie bereitet, sagt Markopolos. Angesichts dessen, was mit den Opfern geschah und "wie viele Leben zerstört wurden", sei das für ihn unmöglich.

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Quelle: n-tv.de

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