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Niedrigzinspolitik bereitet den Banken Kopfzerbrechen. Aber auch eine Zinswende könnte gefährliche Folgen haben.
Niedrigzinspolitik bereitet den Banken Kopfzerbrechen. Aber auch eine Zinswende könnte gefährliche Folgen haben.(Foto: picture alliance / dpa)

Neue Verwerfungen drohen: Europas Banken sitzen in der Zinsfalle

Noch bekräftigt nicht nur Fed-Chef Bernanke die Niedrigzinspolitik. Auch EZB-Präsident Draghi will daran festhalten. Allerdings bereitet das den Banken zunehmend Probleme, riskante Investments inklusive. Eine Wende hin zu höheren Zinsen birgt aber ebenso erhebliche Gefahren.

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Die niedrigen Zinsen in Europa machen den Banken zunehmend zu schaffen. Denn die ultralockere Geldpolitik der Europäische Zentralbank (EZB) und der Bank of England erschwert den Geldhäusern die Jagd nach renditeträchtigen Investments und verleitet sie zu riskanten Anlagen. Zwar ermöglichen die niedrigen Zinsen - der Leitzins in der Eurozone liegt derzeit auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent - den krisengeplagten Geldhäusern eine günstige Refinanzierung. Und viele Institute  brauchen noch Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen. Allerdings steigt wegen der erodierenden Margen die Gefahr, dass die Banken abermals zu große Risiken im Kreditgeschäft und bei ihren Kapitalanlagen eingehen, um überhaupt noch etwas zu verdienen - und die Krise wieder von vorn beginnt.

"Wir sitzen in der Falle", bringt es Gert Wehinger, Senior-Volkswirt bei der OECD, auf den Punkt. "Je länger wir extrem niedrige Zinsen haben, desto mehr Risiken laufen auf. Aber wenn man die Zinsen jetzt schon anhebt, dann könnte man etwas viel Schlimmeres auslösen: Rezession und Bankenpleiten", warnt der Experte.

Genau diesen Schock befürchtet EZB-Präsident Mario Draghi - und will deshalb für einen sanften Übergang sorgen und Transparenz und Berechenbarkeit herstellen. Denn im Moment kämen steigende Refinanzierungskosten für die Banken zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Denn schon bald stehen die nächsten Stresstests an: Zum Jahresende will die EZB jene 150 Großbanken auf Herz und Nieren prüfen, die ab 2014 von ihr beaufsichtigt werden. Hier wird eine besonders strenge Prüfung erwartet, damit es hinterher keine bösen Überraschungen gibt. Und für das kommende Frühjahr plant die EU-Bankenaufsicht EBA eine Belastungsprobe in allen 27 EU-Staaten. Gut möglich, dass sich dann selbst bei einem günstigen Refinanzierungsniveau neue Kapitallöcher auftun.

Schmerzvolle Anpassungen

Es gibt aber noch ein anderes Problem: Zwar dürfte sich die Rentabilität der Banken verbessern, sobald sich die Zinsen stabil auf höherem Niveau eingependelt haben. So rechnen acht der zehn größten Finanzinstitute in Europa in solch einem Szenario mit einem höheren Zinsüberschuss, wie ein Blick in die Geschäftsberichte zeigt. Allein bei HSBC würde der jährliche Zinsüberschuss demnach um 1,4 Mrd. Dollar steigen, sollten die Zinsen über vier Quartale hinweg um jeweils 0,25 Prozent anziehen. Doch in vielen Fällen lässt die Rechnung außer acht, dass die Zentralbanken mit ihrem geldpolitischen Kurs eher die kurzfristigen Zinsen beeinflussen als die langfristigen. Die Banken verdienen aber das meiste Geld mit langlaufenden Darlehen, etwa Hypotheken, während sie sich kurzfristig günstig refinanzieren. Steigen also die kurzfristigen Zinsen, aber noch nicht die langfristigen, dann kommen die Geldhäuser unter Druck.

Und selbst wenn irgendwann auch die langfristigen Zinsen anziehen, heißt das noch nicht, dass die Banken diese zeitgleich auch bei ihren Kunden durchsetzen können. So sind in etlichen europäischen Staaten Hypothekenzinsen in den Kreditverträgen auf 20 Jahre fixiert. "Die große Frage ist doch, ob die Banken in der Lage sein werden, diese außergewöhnlich niedrigen Hypothekenzinsen über die Zeit wieder abzulösen. Das ist ein Punkt, wo es große Risiken gibt", sagt Bankenexperte Martin Hellmich von der Frankfurt School of Finance & Management.

Andere Experten warnen zudem vor höheren Kreditausfällen, wenn zum Beispiel Eigenheimbauer ihre Hypotheken nicht mehr abzahlen können, weil sie höhere Zinsen schlichtweg nicht eingepreist haben und finanziell überfordert sind. Das würde die Bankbilanzen treffen und im schlimmsten Fall zu neuen Abschreibungen führen. Das Fazit kann also nur lauten: Die Zinswende muss sorgsam vorbereitet werden, soll sie nicht zu neuen Verwerfungen an den Märkten führen.

Quelle: n-tv.de

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