Rezession vorbei, Krise noch nichtExperten auf der Euphoriebremse
Die deutsche Wirtschaft hat die schwere Rezession überwunden. Grund zum Jubeln sei das aber noch lange nicht, warnen Wirtschaftswissenschaftler.
Politiker und Wirtschaftsexperten sehen trotz des leichten Wachstums im zweiten Quartal noch kein Ende der Wirtschaftskrise in Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte vor verfrühten Hoffnungen. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes seien zwar "ein ganz kleines Pflänzchen von Hoffnung", sagte die Kanzlerin. Dennoch werde die deutsche Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um etwa sechs Prozent sinken. Das bedeutet, dass "wir nicht aus der Krise sind, nur weil es das erste Mal ein bisschen hochgeht", meinte die Kanzlerin. Die Zeit sei ungewöhnlich ernst.
Auch Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) warnte vor Euphorie. Wie es auf den Finanzmärkten weitergehe, sei "sehr schwer einzuschätzen", sagte er dem "Hamburger Abendblatt". Dennoch erwarte er keinen dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit in diesem Jahr. "Die Arbeitsmarktzahlen im Juli waren nicht so schlimm, wie alle erwartet haben. Es kann durchaus sein, dass die Arbeitslosenzahl in diesem Jahr nicht über vier Millionen steigt", so Steinbrück weiter. Es gebe "positive Anzeichen, dass wir die Talsohle durchschreiten."
Krise geht weiter
Nach Meinung des Chefs des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, ist der steile Absturz der Wirtschaft zwar gestoppt, die weltweite Krise aber deshalb nicht überstanden. Es gebe auch keine Anzeichen für einen neuen, nachhaltigen Aufschwung, sagte er der "Bild". "Die deutsche Wirtschaft wird so schnell nicht zu alter Stärke und den alten Wachstumsraten zurückfinden", sagte Snower.
Der Vorsitzende des Sachverständigenrats der Bundesregierung, Wolfgang Franz, sagte der Zeitung: "Wir sind mit dem Fahrstuhl im Keller angekommen, jetzt geht es mit der Rolltreppe ganz langsam nach oben. Die Rezession ist noch nicht überstanden." Es werde keine stürmische Aufwärtsbewegung der deutschen Wirtschaft geben, weil ein Anspringen der Weltkonjunktur nicht zu erkennen sei. Der Wirtschaftsweise warnte: "Wir werden dieses Jahr ein Minus-Wachstum von 5,5 Prozent haben. Das hat schlimme Folgen für den Arbeitsmarkt: Zur Jahreswende wird die Vier-Millionen-Marke gerissen, 2010 bleiben wir aber unter fünf Millionen."
Auch Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sieht noch keine Ende der Krise: "Wir bewegen uns aus dem Tal nur mit kleinen Schritten heraus. Der Mini-Aufschwung ist geborgt mit staatlichen Programmen wie der Abwrackprämie, die alle auslaufen. Es ist zu früh, um von einer Erholung zu sprechen."
DIW macht Mut
Die Experten treten zwar auf die Euphoriebremse, sie sind sich allerdings nicht in allen Punkten einig. So sind die staatlichen Konjunkturpakete nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nicht die Ursache für das überraschende Wachstum der deutschen Wirtschaft im zweiten Quartal 2008. "Die Wirtschaft wäre auch ohne die staatlichen Konjunkturpakete aus der Krise gekommen", sagte DIW-Präsident Klaus Zimmermann dem Berliner "Tagesspiegel".
Die Investitionsprogramme liefen jetzt erst an und hätten im zweiten Quartal noch keine Rolle gespielt, sagte er. Damit stellte sich Zimmermann gegen Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der erklärt hatte, das Wachstum sei auf das "schnelle und beherzte Handeln" der Bundesregierung zurückzuführen. Bestenfalls habe die Ankündigung der Programme für mehr Optimismus bei Wirtschaft und Verbrauchern gesorgt, gestand Zimmermann zu.
Der DIW-Chef prognostizierte für die kommenden Monate weiteres Wachstum. "Ich glaube nicht, dass es einen konjunkturellen Rückschlag geben wird", urteilte er. In den nächsten Quartalen werde es bei einem leicht positiven Wachstum bleiben. Es werde daher auch keinen Einbruch am Arbeitsmarkt geben. "Bis Oktober wird es kaum Entlassungen geben. Danach wird die Arbeitslosigkeit zwar steigen, aber nicht übermäßig - die Fünf-Millionen-Marke werden wir 2010 auf keinen Fall sehen." Entsprechend werde es auch keinen Einbruch beim Konsum geben.
Rezession beendet
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2009 um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gewachsen. Damit ist nach volkswirtschaftlicher Definition die Rezession beendet. Nach vier rückläufigen Quartalen in Folge habe sich die Wirtschaft in Deutschland erholt und werde in der zweiten Jahreshälfte wohl kräftig Fahrt aufnehmen, hatten die Statistiker mitgeteilt. Die milliardenschweren Konjunkturprogramme der Bundesregierung zeigten Wirkung.