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Über Einkommens- und Mehrwertsteuer sowie Sozialabgaben zahlt auch die Mittelschicht fast die Hälfte ihres Einkommens ans Finanzamt.
Über Einkommens- und Mehrwertsteuer sowie Sozialabgaben zahlt auch die Mittelschicht fast die Hälfte ihres Einkommens ans Finanzamt.(Foto: picture alliance / dpa)

Steuer- und Sozialabgabenlast: Fast die Hälfte kassiert der Staat

Von Hannes Vogel

Immer wieder verspricht die Politik Steuersenkungen. Passiert ist bislang wenig: Die Steuer- und Abgabenlast bleibt hoch. Nicht nur Topverdiener, sondern auch die Mittelschicht liefert laut einer Studie fast die Hälfte ihres Geldes beim Fiskus ab.

Die FDP hatte sie schon 2009 versprochen, die SPD will sie im Bundestagswahlkampf fordern und auch CDU-Finanzminister Schäuble hat eine Steuerreform bereits für die nächste Legislaturperiode in Aussicht gestellt. Doch bisher waren alle Ankündigungen, dass Menschen bald mehr netto vom brutto bleiben wird, nur warme Worte. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ist die Steuer- und Abgabenlast gerade bei der Mittelschicht weiter hoch.

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700 Milliarden Euro Steuern nimmt der Fiskus jährlich ein. Zwei Drittel davon entfallen auf Einkommens- und die Mehrwertsteuer, weitere zehn Prozent tragen Unternehmen mit Körperschafts- und Gewerbesteuer bei. Die Energiesteuern sind für knapp sechs Prozent der Einnahmen verantwortlich, Tabak-, Versicherungs-, Grunderwerbs- und Grundsteuer jeweils für rund zwei Prozent. Alle anderen Steuern fallen kaum ins Gewicht.

Während Rentner überproportional Mehrwertsteuer zahlen, weil sie einen Großteil ihres Einkommens verkonsumieren, werden Spitzenverdiener dagegen bei der Einkommensteuer überdurchschnittlich belastet: Rund 80 Prozent des gesamten Aufkommens kommt von den reichsten 30 Prozent der Bevölkerung, die im Schnitt mindestens 3800 Euro brutto im Monat verdienen. 4,2 Millionen von ihnen zahlen den Spitzensteuersatz von 42 Prozent, der ab einem Jahreseinkommen von rund 54.000 Euro greift.

Die Mittelschicht wird geschröpft

2,7 Millionen Menschen zahlen dagegen keinerlei Einkommensteuer, weil sie zu wenig verdienen. Für sie sind deshalb Mehrwertsteuer und Sozialabgaben die größten Belastungen - beide fallen unabhängig von Einkommenshöhe und dem Familienstatus an. Auch rund acht Millionen Arbeitslose und Minijobber, acht Millionen Rentner sowie 2,5 Millionen Azubis und Studenten zahlen keinerlei Einkommensteuer.

Nicht nur Topverdiener tragen die Hauptlast der Staatsfinanzen. Vor allem die Mittelschicht wird geschröpft. Denn obwohl sie weniger Einkommensteuer zahlt als die Spitzenverdiener, muss sie dank Mehrwertsteuer und Sozialabgaben auch schon bei vergleichsweise geringen Einkommen fast die Hälfte ihres Verdiensts beim Fiskus abliefern.

Ein Single mit einem Bruttogehalt von 1940 Euro im Monat zahlt demnach 46 Prozent Steuern und Abgaben. Ab 3250 Euro Bruttoverdienst muss er sogar mehr als jeden zweiten Euro ans Finanzamt abführen. Ein Ehepaar ohne Kinder zahlt bei einem gemeinsamen Einkommen von 4040 Euro 47 Prozent Steuern und Abgaben, eine Familie mit zwei Kindern und 6.170 Euro monatlichem Einkommen 44 Prozent.

Steuer- und Abgabenlast bleibt hoch

Dass jemand, der mehr verdient auch mehr zahlen muss, leuchtet ein - so ist es in allen entwickelten Ländern mit modernen Sozialsystemen. Im internationalen Vergleich ist die Steuer- und Abgabenlast in Deutschland allerdings besonders hoch. Laut OECD muss ein Single mit Durchschnittseinkommen rund 49 Prozent davon ans Finanzamt abgeben. Nur in Belgien sind es mit 54 Prozent noch mehr.

Bei Familien relativiert sich die Belastung zwar: Ein Alleinverdiener-Ehepaar mit zwei Kindern muss nur 34 Prozent des Durchschnittseinkommens beim Fiskus abliefern. Im OECD-Schnitt sind es aber mit rund 27 Prozent immer noch deutlich weniger. In Schweden schöpft der Staat etwa 38 Prozent des Einkommens ab, in Frankreich sogar 40 Prozent, in den USA dagegen nur rund 21 Prozent und in Irland nur rund 8 Prozent.

Eine Möglichkeit, die Last zu reduzieren, wäre, die Abgaben für die gesetzliche Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung zu senken. Sie sind für Durchschnittsverdiener bei weitem die größte Belastung: Deutschland hat die zweithöchste Sozialabgabenlast aller OECD-Länder.

Millionen Menschen hätten dann aber eine schlechtere Krankenversicherung oder im Alter weniger Rente. Das IW Köln schlägt daher eine Senkung der Einkommensteuer vor. Das würde "speziell im unteren Verlauf nicht nur zu einer Entlastung der Bürger führen, sondern auch die Anreize verbessern, erwerbstätig zu werden oder eine bestehende Teilzeiterwerbstätigkeit auszubauen".

Quelle: n-tv.de

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