Wirtschaft
Notenbank-Chef Ben Bernanke lässt die Zügel locker.
Notenbank-Chef Ben Bernanke lässt die Zügel locker.(Foto: REUTERS)

Bernanke hält den Kurs: Fed verschiebt den Ausstieg

Völlig überraschend bleibt die US-Notenbank der Linie des billigen Geldes treu. Die wirtschaftliche Lage lässt nach Ansicht der Banker noch keine andere Richtung zu. Obendrein senkt die Fed ihre Konjunkturprognosen und blickt mit Sorge auf den US-Haushaltsstreit.

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Die US-Notenbank sieht weiter trotz anziehender Konjunktur noch keinen Grund für einen Kurswechsel. Entgegen der Erwartungen wird die Fed vorerst weiter an milliardenschweren Anleihenkäufen festhalten. Damit solle die wirtschaftliche Erholung gestärkt werden, teilte der für die Geldpolitik zuständige Offenmarktausschuss der Notenbank nach seiner zweitägigen Sitzung in Washington mit.

Die Zentralbanker um Fed-Chef Ben Bernanke haben entschieden, den Umfang der monatlichen Ankäufe von Staatsanleihen und Immobilienpapieren bei 85 Milliarden Dollar zu belassen. Derzeit erwirbt sie jeden Monat Staatsanleihen im Umfang von 45 Milliarden Dollar und Hypothekenpapiere in Höhe von 40 Milliarden Dollar.

Mit dem Programm pumpt die Notenbank zusätzliches Kapital ins Finanzsystem, um so Kredite für Unternehmen und Verbraucher billiger zu machen. Ökonomen hatten damit gerechnet, dass die Fed die Konjunkturhilfen auf 75 Milliarden Dollar pro Monat stutzen würde.

Mehr Beweise für Erholung

Vor einer Entscheidung für einen Kurswechsel der ultralockeren Geldpolitik müsse es mehr Beweise geben, dass die Erholung der Konjunktur und des Arbeitsmarktes tatsächlich stabil sei, hieß es weiter. Als einen Grund für die Ungewissheit wurden die Ausgabenkürzungen im Staatshaushalt genannt.

Bernanke, dessen Amtszeit Anfang 2014 endet und vermutlich von der Vize-Präsidentin Janet Yellen ersetzt wird, bekräftigte, dass der Umfang der Käufe "später in diesem Jahr" reduziert werden könnte. Er betonte jedoch, dass die Fed keine "vorgefestigte" Geldpolitik verfolge. Eine Änderung des geldpolitischen Kurses hänge von den wirtschaftlichen Rahmendaten ab. "Es gibt keinen festen Kalender", sagte er.

Weiter hieß es, dass die US-Wirtschaft in den vergangenen Monaten "mäßig" gewachsen sei. Ihre Wachstumsprognose korrigierte die Fed leicht nach unten. In diesem Jahr soll das Bruttoinlandsprodukt (BIP) demnach nur noch um 2,0 bis 2,3 Prozent steigen und damit um 0,3 Punkte weniger als im Juni vorausgesagt. Für das kommende erwartet die Fed ein Wachstum von 2,9 bis 3,1 Prozent, das ist ein Minus von 0,1 bis 0,4 Prozentpunkte im Vergleich zur Juni-Prognose.

Zinsen bleiben auf Rekordtief

Auch den ultra-niedrigen Leitzins von null bis 0,25 Prozent rührt die Notenbank nicht an. Auf diesem Rekordtief liegt er seit Ende 2008, als die schwere Finanzkrise begann. Er soll auf dem jetzigen Niveau noch mindestens solange bleiben, wie die Arbeitslosenquote über 6,5 Prozent verharrt. Im August lag sie bei 7,3 Prozent. Nach Ansicht von zwölf der 17 Fed-Notenbanker ist 2015 der richtige Zeitpunkt, um die Zinszügel wieder anzuziehen.

Bernanke zeigte sich mit der Lage auf dem US-Arbeitsmarkt unzufrieden. "Es hat eine Verbesserung gegeben", sagte er. Der Arbeitsmarkt sei aber noch weit weg vom Wünschenswerten. Seiner Einschätzung nach ist der Rückgang der Arbeitslosigkeit zum Großteil auf neue Jobs zurückzuführen und weniger auf die sinkende Erwerbsquote. Ein Teil der Amerikaner hat sich wegen der langen Krise enttäuscht aus der Arbeitswelt zurückgezogen. Als statistischer Nebeneffekt sinkt damit gleichzeitig die Arbeitslosenquote.

Gefahr durch Haushaltskonflikt

Bernanke sieht die größte Gefahr für ein höheres US-Wirtschaftswachstum im endlosen Haushaltskonflikt zwischen Demokraten und Republikanern. "Die Auswirkungen der Einsparungen bleiben unklar und kommende Debatten über die Haushaltspolitik beinhalten zusätzliche Risiken für die Finanzmärkte und die breitere Wirtschaft", sagte er. Gelinge es den Abgeordneten und Senatoren nicht, die Schuldengrenze anzuheben, drohten der US-Wirtschaft ernsthafte Konsequenzen.

Der Direktor des US-Rechnungshofes hatte am Vortag gewarnt, dass den USA bereits Ende Oktober der Staatsbankrott droht, wenn der Kongress keine Anhebung der Schuldenobergrenze beschließt oder sich auf Sonderbeschlüsse einigt. Wie ernst die Lage mittlerweile ist, zeigt ein Erlass der Regierung an Bundesbehörden und Ministerien. Sie sollen sich auf eine teilweise Schließung vorbereiten.

Wall Street erklimmt neue Rekorde

An den Märkten sorgte die Fed-Entscheidung für starke Schwankungen: "Um die Wahrheit zu sagen, ich bin wirklich erschüttert", sagte Chef-Marktstratege Joseph Trevisani von WorldwideMarkets zur Entscheidung der Fed.

Der Dollar stürzte auf den tiefsten Stand seit sieben Monaten ab. Der Euro kostete am Abend 1,3518 Dollar. Vor der Bekanntgabe hatte er noch deutlich unter 1,34 Dollar notiert. Gold verteuerte sich schlagartig von etwa 1300 auf 1364 Dollar je Feinunze.

Die Aktienmärkte in New York reagierten allerdings mit deutlichen Kursgewinnen. Der Dow-Jones-Index drehte ins Plus und stieg rund ein Prozent. Zwischenzeitlich markierte er ein Rekordhoch bei 15.709 Punkten.

Quelle: n-tv.de

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