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Allen voran in Deutschland: Frauen verdienen viel weniger

In keinem anderen europäischen Land ist das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern so groß wie in Deutschland. Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, teilte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit. In den 34 Industriestaaten, die sich in der OECD zusammengeschlossen haben, liegt die Differenz im Schnitt bei 16 Prozent. In Norwegen etwa bekommen Frauen lediglich 8,4 Prozent und in Belgien 8,9 Prozent weniger.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Auch was die Anzahl der Frauen in Führungspositionen angeht, ist Deutschland im internationalen Vergleich weit abgeschlagen", beklagt die OECD. "Auf kaum vier von hundert Vorstandsposten findet sich hierzulande eine Frau." Im OECD-Schnitt liegt die Frauenquote in Aufsichtsräten bei zehn Prozent. Die EU-Kommission kommt allerdings zu einem etwas anderen Ergebnis: In Deutschland stieg demnach der Frauenanteil in Aufsichtsräten von 2010 bis Anfang 2012 um drei Punkte auf 16 Prozent. Etwa 40 Prozent der Neubesetzungen der Aufsichtsräte im vergangenen Jahr seien Frauen gewesen, sagte EU-Justizkommissarin Vivian Reding.

"Ich bin kein Fan, mag aber die Ergebnisse"

Den höchsten Anteil an Führungspositionen gibt es in Norwegen, das 2006 eine Frauenquote von 40 Prozent eingeführt hat. Auch in Schweden, Frankreich, Finnland und der Slowakei ist der Anteil von Frauen im Top-Management mit 15 bis 20 Prozent vergleichsweise hoch. Viele Ländern versuchen bereits, per Gesetz mehr Frauen in Vorstandsetagen zu bringen. Dazu gehören Spanien, Island, Frankreich, die Niederlande, Belgien und Italien. In Frankreich nahm die Beförderung von Frauen durch die Quote sprunghaft zu von zwölf auf 22 Prozent.

Auch die EU-Kommission liebäugelt nun mit einer gesetzlichen Regelung. "Ich bin kein Fan der Quote, aber mir gefällt, wie sie wirkt", sagte EU-Justizkommissarin Viviane Reding. "Ich mag die Ergebnisse, die durch sie entstehen." Regierungen, Unternehmen und Wirtschaftsverbände können in den nächsten drei Monaten Stellung nehmen, wie der Frauenanteil in Spitzenpositionen erhöht werden kann. Danach will Reding einen Gesetzentwurf vorlegen. In Deutschland findet eine verbindliche Frauenquote viele Anhänger - auch in der Bundesregierung. Widerstand regt sich dagegen in der Wirtschaft.

"Wir brauchen einfach die Quote"

"Es gibt handfeste betriebswirtschaftliche Gründe für einen angemessenen Anteil an Frauen in Führungspositionen", sagte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen dem "Tagesspiegel". Wegen des Fachkräftemangels könne sich Europa auch wirtschaftlich nicht mehr erlauben, auf das Potenzial von Frauen an der Spitze zu verzichten. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) begrüßt den Vorstoß der EU-Kommissarin. "Wir brauchen Verbindlichkeit auf dem Weg zu mehr Frauen in Führungspositionen, wir brauchen Sanktionen, wenn nichts passiert", sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. "Kurzum: wir brauchen einfach die Quote."

Die EU-Kommission hatte die Unternehmen vor einem Jahr aufgefordert, den Frauenanteil in den Chefetagen durch freiwillige Schritte zu erhöhen - auf 30 Prozent bis 2015 und 40 Prozent bis 2020. Derzeit liegt er bei großen börsennotierten Unternehmen aber nur 13,7 Prozent.

Einer EU-Umfrage zufolge befürworten drei Viertel der Europäer eine Quote. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder lehnt im Gegensatz zu ihrer Kabinetts- und Parteikollegin von der Leyen eine gesetzliche Regelung dagegen ab. Auch die Wirtschaft wehrt sich gegen neue Vorschriften aus Brüssel. "Wir Frauen schaffen's auch alleine nach oben", sagte die Bundesvorsitzende der Jungen Unternehmer, Marie-Christine Ostermann. "Von der Politik gut Gemeintes ist nicht immer auch das Richtige: einen so massiven Eingriff in die Vertragsfreiheit rechtfertigt das so hehre Ziel der Gleichberechtigung nicht." Frauen seien immer besser qualifiziert und könnten in den nächsten Jahren durch den Fachkräftemangel sowieso immer leichter Karriere machen. Der Verband deutscher Unternehmerinnen ist dagegen für die Quote.

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Quelle: n-tv.de

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