Wirtschaft
Blick auf die Favela Cantagalo in Rio de Janeiro.
Blick auf die Favela Cantagalo in Rio de Janeiro.(Foto: picture alliance / dpa)

Verhandlungen mit Kriminellen: Google und Microsoft kartieren Favelas

Sie gelten als rechtlose Horte der Kriminalität: Favelas in Rio de Janeiro. Doch US-Firmen sehen Potenzial in den Slums - die verwinkelten Gassen samt Geschäften erfassen Google und Microsoft deshalb digital. Sie verfolgen damit wohl mehrere Ziele.

Jahrelang existierten die auch Favelas genannten Slums von Rio de Janeiro nicht auf offiziellen Stadtkarten. Behördenvertreter hielten die vielfach illegalen Siedlungen für gefährliche Schandflecke und weigerten sich, Kartografen zu entsenden oder offizielle Adressen zu vergeben. Frustrierte Bewohner, die nahezu ein Viertel der gesamten Stadtbevölkerung ausmachen, zeichneten daraufhin selbst Karten ihrer Nachbarschaft.

Die Einheimischen erhalten jetzt wichtige Schützenhilfe aus den USA: Google und Microsoft haben in den vergangenen Monaten mit der Kartierung von Favelas begonnen. Beide Konzerne verlassen sich dabei insbesondere auf Kontakte zum lokalen Gemeinwesen. Sie wollen alles erfassen - von engen, krummen Gassen bis hin zu Waschsalons. "Die Favelas auf Karten aufzuzeichnen und ihnen eine Online-Präsenz zu bieten, ist wichtig, um sie in die Stadt zu integrieren", meint Googles Lateinamerika-Marketingdirektor Esteban Walther. Zudem ist es potenziell lukrativ. Einige Lokalaktivisten wittern bereits einen Hintergedanken der Konzerne: Sie wollten ihre Datenbanken mit Informationen über Unternehmen vor Ort füllen, um Gewinne einzustreichen.

Enorme wirtschaftliche Chancen

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Klar ist: Brasiliens einst als Hort von Verbrechen und Chaos verschrieenen Favelas bergen inzwischen enorme wirtschaftliche Chancen in sich. Im Laufe der vergangenen zehn Jahre haben Sozialprogramme und der Rohstoffboom mehrere zehn Millionen Menschen aus der Armut herausgelöst. Mehr als 85 Prozent der Favela-Bewohner des Landes verfügen über ein Handy und laut Google sind mehr als die Hälfte von ihnen regelmäßig im Internet.
Diese Zielgruppe hier und an anderen Orten von Schwellenländern zu erreichen, ist für die Konzerne angesichts gesättigter US- und europäischer Märkte immens wichtig. Die Tech-Unternehmen arbeiten immer noch daran, ihre Kartenwerkzeuge in klingende Münze umzuwandeln. Ein Weg: Sie können Nutzerdaten auswerten, Anzeigen präsentieren und Apps verkaufen.

"Viele Unternehmen machen das inzwischen. Sie wissen genau, dass diese Kunden nicht länger vom Wirtschaftssystem Brasiliens ausgeschlossen sind", erläutert Direktor Ronaldo Lemos vom Institut für Technologie und Gesellschaft aus Rio de Janeiro. "Es ist ein lohnendes Geschäft, die Favelas zu kartografieren." In Rio arbeitet Microsoft nach eigenen Angaben mit örtlichen Vertretern und Beamten der Stadt, um die beiden Favelas Vidigal und Mare auf Karten zu erfassen. Microsoft-Personal und Freiwillige streifen durch die Gassen der Favelas mit Smartphones in der Hand und steuern interessante Punkte - wie Schulen, Geschäfte und Bäckereien - an, um die Koordinaten in die Bing-Datenbasis einzufüttern.

Microsoft will rund 40 Favelas in Rio erfassen

Lucio Tinoco von Microsoft will die "schwarzen Löcher", die in den Slums momentan noch vielfach vorherrschen, bald ausfüllen. Das Projekt sei gut für die Bewohner und auch für den Konzern. "Wenn wir mehr Nutzer ins Internet bekommen, erhalten wir natürlich auch mehr Anzeigenumsatz." Microsoft will bis Ende des Jahres rund 40 Favelas in Rio auf Karten gebannt haben und das Projekt auf weitere Entwicklungsländer ausdehnen.

Googles Projekt funktioniert ähnlich. Es läuft in drei Favelas - Rocinha, Caju und Vidigal - zusammen mit der örtlichen gemeinnützigen Organisation Afroreggae. Freiwillige nutzen vor Ort ihr Smartphone, um mit der Google-Anwendung Mapmaker Standorte zu fotografieren und dokumentieren. Diese lassen sich auf Google Maps dann hochladen.

Es ist nicht ganz einfach, die dichtbesiedelten, oft hügeligen Favelas zu kartografieren. Viele Straßen haben keinen offiziellen Namen, weswegen lokale Organisationen oft Umfragen unter Bewohnern vornehmen. Eine Straße in Mare wurde nach einem besonderen Elektriker benannt, der einmal dort wohnte. In einigen Fällen mussten Freiwillige erst mit örtlichen Kriminellen verhandeln, bevor sie mit ihrer Kartografierung beginnen konnten.

Geschäft-Eigner hoffen auf mehr Kunden

Vor Kurzem schritten vier Afroreggae-Freiwillige mit weißen Google-Shirts durch eine dichtbesiedelte Gasse und schossen Fotos. Einige Bewohner waren irritiert. "Die Freiwilligen sagten nur, sie wollten Bilder aufnehmen und ins Internet stellen", erinnert sich die 54-jährige Waschsalon-Besitzerin Maria Ribeiro. Google und Microsoft schweigen sich dazu aus, wie viel sie in die Projekte stecken wollen. Einige gemeinnützige Organisatoren wollen für ihre Kartenaufzeichnungen angemessen entgolten werden. Im Mare-Favela - nahe Rios internationalem Flughafen - startete die Organisation Redes da Mare im Jahr 2011 ein Kartierungsprojekt.

Die Direktorin von Redes da Mare, Eliana Silva, hat zusammen mit ihren Mitarbeitern jede Straße der Favela genau erfasst. Danach überreichten sie die Aufzeichnungen der Stadt, die diese in die offiziellen Stadtkarten aufnahmen. Anfang des Jahres habe Microsoft ihrer Gruppe rund 4400 Dollar für die Namen und Standorte der Geschäftsleute geboten. Frau Silva lehnte dankend ab.

Doch nicht nur die Großkonzerne haben das enorme kommerzielle Potenzial der Favelas im Auge. Die Waschsalonbesitzerin Ribeiro lebt seit 17 Jahren in Rocinha und macht mit Radiospots Werbung für sich. "Wenn mein Shop auf der Karte wäre, würden ihn vielleicht mehr Menschen finden", hofft sie. "Viele Leute leben hier seit vielen Jahren und wissen nichts über mein Geschäft. Rocinha ist wirklich groß."

Quelle: n-tv.de

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