Wirtschaft
Herausforderer und Herausgeforderter: Uber-Deutschland-Chef Fabien Nestmann (r.) und  Michael Müller, Präsident des Deutschen Taxi-und Mietwagenverbandes BZP.
Herausforderer und Herausgeforderter: Uber-Deutschland-Chef Fabien Nestmann (r.) und Michael Müller, Präsident des Deutschen Taxi-und Mietwagenverbandes BZP.(Foto: picture alliance / dpa)

Umstrittener Fahrdienst Uber: "Hier werden Sozialstandards unterlaufen"

Von Hannes Vogel

Für die einen ist Uber die Speerspitze der Sharing Economy, die den verkrusteten Taxi-Markt aufrollt. Für die anderen verkörpert der Fahrdienst den Turbokapitalismus, der für Profit Gesetze bricht. Wenn beide Seiten sich begegnen, fliegen die Fetzen.

Der kreative Zerstörer der "Old Economy" kommt galant daher. Fabien Nestmann, Deutschland-Chef des Fahrdienstes Uber, lässt sich lässig in den schwarzen Ledersessel auf dem Podium des SZ-Wirtschaftsgipfels in Berlin gleiten. Gewinnendes Lächeln, zurückgeföhnte blonde Haare, betont lockere Attitüde: Nestmann ist der Botschafter eines neuen Wirtschaftsmodells - der Sharing Economy.

Hinter Nestmann und Uber steht nichts Geringeres als eine neue Konsumkultur. Statt Dinge nur für sich zu kaufen wie bisher, teilen immer mehr Menschen sie mit anderen. Ressourcen werden dadurch effizienter genutzt, das Angebot größer, die Auswahlmöglichkeiten der Kunden wachsen. Wohnungsbesitzer werden über die Online-Plattform airbnb zu Hoteliers, wenn sie ihre Häuser an andere Privatleute vermieten. Und Autobesitzer zu Taxifahrern, wenn sie Menschen in ihren Privatwagen herumkutschieren, die sie über die Uber-App gefunden haben.

Doch genau deswegen empfangen nicht alle in Deutschland den aggressiven US-Dienst mit offenen Armen. Für die Taxifahrer ist Nestmann "Herr Uber", als den der Moderator ihn denn auch versehentlich vorstellt. Der Totengräber, der eine ganze Industrie plattmacht. Sie sehen in Uber vor allem eins: unfaire Dumping-Konkurrenz.

"Unvereinbar mit sozialer Marktwirtschaft"

Nestmann kennt die Vorwürfe. "Wenn ich mit Taxifahrern rede, höre ich natürlich oft: Ihr seid der Teufel in Person und gehört gelyncht." Deshalb versucht er zu beschwichtigen: "Neben Bus und S-Bahn bieten wir nur eine weitere Alternative an. Da wird es natürlich eine Schnittmenge geben, wo wir auch mit Taxifahrern in Konkurrenz treten. Ich kenne aber auch viele die sagen: Was interessiert mich Uber, meine Dienstleistung ist doch auch gut."

Als Nestmann diese Sätze spricht, regt sich etwas auf dem Podium. Einer der wichtigsten Vertreter der "Old Economy" rutscht unruhig in seinem Sessel herum: DGB-Chef Reiner Hoffmann. Der Gewerkschaftsboss teilt aus. Seit Uber in San Francisco angefangen habe, seinen Fahrdienst anzubieten, sei der klassische Taximarkt innerhalb weniger Wochen um 65 Prozent eingebrochen. "Und das mit einem Geschäftsmodell, das geltende Regeln völlig ignoriert. Da wird eine rosarote Brille über die Sharing Economy aufgesetzt."

Privatleute mit wenig Geld würden ermuntert, nebenbei etwas zu verdienen - mit Haftungsrisiken für Fahrer und Kunden, außerhalb jeglicher steuerlicher Regeln. "Hier werden soziale Standards schlicht unterlaufen. Das ist mit sozialer Marktwirtschaft nicht vereinbar", sagt er.

Tatsächlich haben Uber-Fahrer entscheidende Vorteile: Wer in Deutschland gewerblich Personen befördern will, braucht dafür eigentlich eine Lizenz. Taxifahrer müssen eine Prüfung machen, dürfen nicht vorbestraft sein, brauchen ein medizinisches Attest. Sie müssen sich versichern. Uber wälzt die Risiken einfach auf die Fahrer ab: Sie müssen selbst für Geldstrafen haften. Und riskieren bei einem Unfall ihre Versicherung - oder den finanziellen Ruin.

"Ein Arschloch namens Taxi"

Es ist das zentrale Problem der Digitalisierung: Sie stößt an die Gesetze der analogen Gesellschaft. Als die geltenden Regeln für Personenbeförderung aufgestellt wurden, gab es das Internet noch nicht. Wer sie wie Uber einfach über das Netz umgeht, hat ein konkurrenzlos günstiges Geschäftsmodell.

Airbnb, Uber und Co. sind eigentlich klassische Makler: Sie vernetzen Menschen über das Internet und bringen so gegen Gebühr Angebot und Nachfrage zusammen. Einerseits entsteht so in geschützten Märkten neuer Wettbewerb. Andererseits werden Menschen noch stärker kommerzialisiert. Nun ist nicht mehr nur ihre Arbeitskraft ein Produkt, das sie zu Markte tragen. Sondern auch noch ihre Wohnungen und Autos, die es möglichst effizient auszulasten und günstig anzubieten gilt.

Uber sieht sich selbstredend als kreativer Zerstörer verkrusteter Wirtschaftsstrukturen. Nicht der Fahrdienst muss sich dem alten Rechtsrahmen unterwerfen, findet Nestmann. Sondern die Regeln müssen sich eben Ubers neuem Geschäftsmodell anpassen – solange bis Uber nicht mehr über dem Gesetz steht. "Wir wollen keine absolute Deregulierung. Aber wir brauchen einen Rahmen, der Dinge ermöglicht statt zu verhindern. Und der sich den Wünschen der Kunden anpasst." Im Zeitalter von Navis sei es nicht mehr zeitgemäß, dass Fahrer eine Ortskenntnisprüfung machen müssen.

"Wir befinden uns in einer politischen Kampagne, in der der Kandidat Uber heißt und der Gegner ein Arschloch namens Taxi", hat Uber-Mitgründer Travis Kalanick gesagt. Und auch in Deutschland hat der Fahrdienst eindrucksvoll bewiesen, dass er sich im Zweifel herzlich wenig um geltendes Recht schert. Als ein Frankfurter Gericht den Fahrdienst im August per einstweiliger Verfügung verbot, fuhren Uber-Fahrer einfach weiter. Inzwischen hat das Gericht die Anordnung aufgehoben.

Quelle: n-tv.de

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