Wirtschaft
Wahlkampf für Recep Erdogan.
Wahlkampf für Recep Erdogan.(Foto: REUTERS)

Schub für die türkische Wirtschaft: Der Rubel rollt nach Istanbul

Von Diana Dittmer

Zur Präsidentschaftswahl läuft die türkische Wirtschaft wieder rund, so scheint es. Die Investoren kehren zurück. Vor allem russische Anleger bringen Geld ins Land. Gut ist es damit aber noch nicht. Für Regierung und Notenbank gibt es noch einiges zu tun.

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Während in Syrien, Irak und in der Ukraine Bürgerkriege toben, hat sich die Lage in der Türkei rechtzeitig zur Präsidentenwahl beruhigt. Zumindest wirtschaftlich. Die Konjunktur und die Börse laufen nach einem turbulenten Jahr besser als erwartet. Die Landeswährung Lira hat sich erholt und die ausländischen Investoren scheinen ihr Vertrauen auch wiedergefunden zu haben. Diese schnelle Rückkehr zur Stabilität überrascht, denn immer noch gibt es eine Reihe ungelöster inländischer Probleme.

Vor einem Jahr hätte diese Entwicklung niemand erwartet. Nach zehn Jahren schien der Wirtschaftsboom am Bosporus zu Ende zu sein. Die Unruhen auf dem Taksim-Platz, dem zentralen Platz in Istanbul, sowie der autoritäre Kurs der religiös konservativen Regierung von Recep Tayyip Erdogan, der als Favorit für das Präsidentschaftsamt gilt, irritierten politische Beobachter. Die meisten hatten die Türkei für ein stabiles Land gehalten. Investoren wurden ebenfalls skeptisch und suchten in Scharen das Weite.

Erschwerend kam zur selben Zeit hinzu, dass die US-Notenbank Fed eine Abkehr von ihrer laxen Geldpolitik signalisierte. Die Türkei erlitt wie andere Schwellenländer massive Kapitalabflüsse. Die Aussicht auf steigende US-Zinsen trieb das Geld aus den riskanten Märkten zurück in den sicheren Hafen des US-Dollar, so dass die Landeswährung Lira verfiel.

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Wie dramatisch die Lage in der Türkei vor einem Jahr war, zeigt die Einschätzung von Nouriel Roubini aus dem Juli. Der US-Ökonom hielt die Defizite verschiedener Schwellenländer für so kritisch, dass er vor Crashs in der Türkei, Indien, Brasilien und Südafrika warnte. Noch im Februar dieses Jahres drohte S&P mit einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit. Die Ratingagentur begründete die Entscheidung mit dem wachsenden Risiko einer "harten Landung" der türkischen Wirtschaft.

Nicht nur ein Crash ist ausgeblieben. Die Lage hat sich sogar überraschend schnell wieder zum Besseren gewendet - obwohl sich politisch kaum etwas verändert hat. Das Land, das sich in den Jahren zuvor zur siebtgrößten Volkswirtschaft gemausert hat, wächst allen Unkenrufen zum Trotz noch mit vier Prozent. Erst vor kurzem sah der Aktienmarkt den höchsten Stand seit Mai 2013. Auch die türkische Lira hat sich zumindest stabilisiert - obwohl die anderen Währungen der Emerging Markets seit den Sanktionen wegen der Ukraine-Krise schwächeln. Die Investoren sind offensichtlich wieder zurückgekehrt.

Hohe Staatsausgaben

Dass die türkische Wirtschaft so schnell wieder angesprungen ist, ist kein Zufall. Sowohl die Regierung Erdogan, als auch die türkische Notenbank haben die Rahmenbedingungen dafür geschaffen, dass das Geld zurück ins Land kommt. Sandra Striffler, Analystin bei der DZ Bank, verweist vor allem auf die hohen Staatsausgaben der Regierung. "Die Regierung befindet sich in einem Wahlzyklus. Im Frühjahr hatten wir Kommunalwahlen, jetzt sind die Präsidentschaftswahlen, im nächsten Juni finden Parlamentswahlen statt", sagt die Türkei-Expertin. Um der Krise etwas entgegenzusetzen, hat die Regierung zum Beispiel die Baukonjunktur mit großen Projekten unterstützt. Mit solchen Ausgaben könne die Regierung Erdogan langfristig punkten, sagt die Expertin.

Auch wenn Erdogans Regierungszeit politisch umstritten ist, wirtschaftlich hat sich das Land am Bosporus gut entwickelt. Darin sind sich die Ökonomen einig. Er hat die Türkei mit Milliardenkrediten des Internationalen Währungsfonds, einer konsequenten Sparpolitik und strikter Ausgabendisziplin vor der Staatspleite bewahrt und zu einem Wirtschaftsboom mit Wachstumsraten von bis zu neun Prozent geführt. Stabile politische Verhältnisse, Wirtschaftsreformen, niedrige Löhne und die Privatisierung der meisten staatlichen Unternehmen haben ein Jahrzehnt lang Investoren aus aller Welt angezogen.

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Der Aufstand gegen seinen harten Kurs hat im weltweiten Ansehen und in der Wirtschaft zwar wichtige Punkte gekostet, aber bei den Investoren offenbar keine nachhaltigen Zweifel an der politischen Stabilität des Landes geweckt.

Die Tatsache, dass die Türkei geographisch mitten in der größten Krisenregion der Welt liegt, tut dem Vertrauen der Investoren offenbar ebenfalls keinen Abbruch. Alles, was rundherum passiert, wird als "lokale Krisen" interpretiert. Die Schwachpunkte der globalen Konjunktur bereiten den Finanzmarktexperten zurzeit keine Sorgen. "Wenn die globalen Rahmenbedingungen von den großen Industrieländern solide sind, wenn aus China nichts Negatives kommt, es Vertrauen in den US-Aufschwung gibt, die Fed Geld in den Markt pumpt und irgendwann die Zinsen anhebt, dann wird alles als lokales Event gewertet und nicht als Emerging-Market-Katastrophe", sagt die DZ-Analystin Striffler. Wie man in der Vergangenheit gesehen hat, kann sich das allerdings auch sehr schnell ändern.

Abhängigkeit von Auslandskapital

Das ausländische Kapital, auf das die türkische Wirtschaft angewiesen ist, soll zum Teil von russischen Anlegern kommen, die vor den Sanktionen und der Wirtschaftsschwäche im eigenen Land fliehen. Offenbar wittern sie die günstigen Gelegenheiten in der Türkei, denn nach der allgemeinen Investorenflucht 2013 sind Schnäppchen zu machen. Außerdem lockt der Leitzins von 8,25 Prozent die Investoren an. Nicht nur Russen, auch andere risikobereite Anleger finden das hohe Zinsniveau attraktiv.

Kapitalzuflüsse aus dem Ausland sind unentbehrlich für die Türkei. Da die Sparquote traditionell sehr niedrig ist, finanzieren die Banken mit dem Geld das Wirtschaftswachstum. Da das Land viel mehr importiert als exportiert, ist die Leistungsbilanz tiefrot. Kapital aus dem Ausland kann dieses Defizit wenigstens zum Teil ausgleichen. Versiegt die Geldquelle, ist das in doppelter Hinsicht problematisch: Zum einen können die Banken weniger Kredite vergeben, was das Wachstum bremst. Zum anderen vergrößert sich der Fehlbetrag in der Leistungsbilanz.

Gefahr durch hohe Inflation und hohe Zinsen

Die größte Gefahr für die türkische Wirtschaft ist aus ökonomischer Sicht die immer noch hohe Inflation - im Juli lag sie bei 9,3 Prozent. Die Notenbank hatte sich mittelfristig ungefähr fünf Prozent zum Ziel gesetzt. "Sollte es der Notenbank nicht gelingen, die Inflation zu senken, dann ist das ein Glaubwürdigkeitsverlust", sagt die Analystin. Es könnte die Wirtschaft und möglicherweise auch die Lira belasten.

Auch beim Leitzins müsse die Notenbank einen kniffligen Spagat hinbekommen. Weil es ein Zeichen von Stabilität ist, müsse sie einerseits die Leitzinsen senken. Andererseits dürfe sie die Zinsen aber auch nicht zu stark senken, weil niedrige Leitzinsen Emerging Markets nicht gut tun. "Die Notenbank bewegt sich da im Moment auf dünnem Eis", sagt die Devisenmarkt-Expertin. Wichtig sei, beruhigende Impulse auszusenden.

Sollte der Wirtschaft entgegen den derzeitigen Erwartungen doch erlahmen und sollte es der Zentralbank nicht gelingen, die Inflation einzudämmen, könnte dies das Vertrauen der internationalen Investoren wieder erschüttern. "In einem solchen Umfeld werden sie wahrscheinlich auch nicht mehr auf beiden Augen politisch blind sein", sagt Striffler. Auch wenn es auf den ersten Blick überraschend scheine, der von Umfragen erwartete Wahlsieg Erdogans dürfte sich trotz diverser Skandale und seines umstrittenen Führungsstils positiv auf die türkische Lira auswirken. "Der Markt weiß mit ihm einfach, worauf er sich einzustellen hat."

"Heißes" Geld: Schnell rein, schnell raus

Schnelle Kehrtwendungen sind ein typisches Emerging-Market-Symptom. Sehr viel Geld, das in diesen Ländern angelegt wird, ist spekulativ. Es kommt schnell, um schnell hohe Erträge zu bringen, und es geht schnell, wenn die Märkte zu wanken beginnen. Offenbar sind die Investoren zu dem Schluss gekommen, dass die Lage in der Türkei stabiler ist, als vor einem Jahr. Aus ökonomischer Sicht reicht es zu wissen, dass sie unter Kontrolle ist. Ändert sich etwas, wird das investierte Geld wieder abgezogen. Vor diesem Hintergrund ist die Türkei sicherlich nichts für schwache Nerven. Für die Regierung gibt es noch viel zu tun. Mit oder ohne Erdogan als Präsident. Mit ihm weiß man aber wenigstens, mit wem man es zu tun hat - im Guten, wie im Schlechten.

Quelle: n-tv.de

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