Wirtschaft
Beerdigung des 77-jährigen Apothekers Dimitris Christoulas im April 2012 in Athen. Christoulas hatte sich auf dem Syntagma-Platz erschossen.
Beerdigung des 77-jährigen Apothekers Dimitris Christoulas im April 2012 in Athen. Christoulas hatte sich auf dem Syntagma-Platz erschossen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Forscher prangern Sparpolitik an: Krise treibt Menschen in den Tod

Nicht nur die Finanzkrise, vor allem die Reaktion darauf hat gravierenden Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen in den Schuldenstaaten. In Griechenland treten Krankheiten wie Malaria und Dengue-Fieber auf, heißt es in einer aktuellen Studie. Eine drastische Zunahme gibt es bei den Selbstmordraten.

Die Krisenpolitik der EU stürzt die betroffenen Länder nicht nur tiefer in die Rezession, sie hat offenbar auch schwerwiegende Konsequenzen für die Gesundheit der Menschen dort. Eine Folge ist ein Anstieg der Selbstmordraten, aber auch das Auftauchen von Krankheiten, die nicht typisch für Europa sind. Das ergab eine Studie für die Fachzeitschrift "The Lancet". Am stärksten betroffen sind die Länder, die am meisten unter der Krise zu leiden haben: Griechenland, Spanien und Portugal.

In einer Reihe europäischer Staaten habe die Finanzkrise sowie die Sparpolitik zu einer Trendumkehr bei den eigentlich seit Jahren rückläufigen Selbstmordraten geführt, sagt Martin McKee, Professor für Europäische Gesundheitswissenschaften an der London School of Hygiene & Tropical Medicine. Der Anstieg der Selbstmordraten sei in einigen Ländern eindeutig an den Verlust von Arbeitsplätzen beziehungsweise an die Angst vor dem Jobverlust gekoppelt.

Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger demonstrieren im spanischen Pamplona gegen Kürzungen im Gesundheitswesen.
Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger demonstrieren im spanischen Pamplona gegen Kürzungen im Gesundheitswesen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Neben steigenden Selbstmordraten registrierten die Wissenschaftler weitere Folgen. "Wir sehen die Rückkehr von Malaria nach Griechenland, das Auftauchen von Dengue-Fieber dort", so McKee, "wir sehen eine explosionsartige HIV-Epidemie in Griechenland infolge eines Anstiegs intravenösen Drogenkonsums." Die Studie über die Folgen von Finanzkrise und Sparpolitik ist Teil einer Serie von sieben Untersuchungen über Gesundheit und Gesundheitspolitik in Europa, die in der aktuellen Ausgabe von "The Lancet" erschienen ist; McKee ist Leiter der Serie und Mitautor der Einzelstudie zu den Folgen der Finanzkrise.

"Ein Problem der Verleugnung"

Für Griechenland gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Selbstmordrate 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent anstieg. Anhand der Daten der europäischen Statistikbehörde kann dieser Befund nicht überprüft werden - was aus Sicht der "Lancet"-Studie an sich bereits ein Skandal ist. Die Autoren werfen der EU vor, die gesundheitlichen Folgen der Finanzkrise ganz bewusst zu ignorieren. Es gebe "ein eindeutiges Problem der Verleugnung", sagt McKee.

Obwohl die EU-Kommission vertraglich verpflichtet sei, die gesundheitlichen Folgen ihrer Politik zu prüfen, habe sich ihre Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher darauf beschränkt, den Gesundheitsministerien der EU-Staaten Ratschläge zu geben, wie sie ihre Ausgaben kürzen können. McKee sieht darin einen Skandal: "Wir haben minutengenaue, sekundengenau finanzielle Daten. Aber häufig müssen wir einige Jahre warten, bevor wir Daten zur Sterblichkeit bekommen." Der 40-prozentige Anstieg ist dennoch keine Erfindung der Wissenschaftler, sondern geht zurück auf eine Erhebung des griechischen Gesundheitsministeriums.

"Ein Experiment, das umfassend gescheitert ist"

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen stützt die Grundthese der Untersuchung. 2011 hätten es die Ärzte ohne Grenzen in Griechenland mit einem Malariaausbruch zu tun gehabt, nachdem die griechischen Behörden ein Programm gegen Moskitos gestoppt hätten, zitiert die "Washington Post" den Generaldirektor von Ärzte ohne Grenzen in Griechenland, Willem de Jonge.

McKee sagt, die Studie zeige eindeutig, dass die Sparmaßnahmen, die in den vergangenen fünf Jahren in Europa eingeführt wurden, "ein Experiment waren, dass umfassend gescheitert" sei. Die Sparpolitik habe weder für Wirtschaftswachstum noch für eine Erholung gesorgt.

Der Gesundheitswissenschaftler betont, dass auch im Rahmen einer Krise der Zusammenhang zwischen einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und steigenden Selbstmordraten nicht zwangsläufig sei. Die Reaktionen skandinavischer Staaten bei Krisen in der Vergangenheit hätten gezeigt, dass eine aktive Arbeitsmarktpolitik die gesundheitlichen Folgen einer Wirtschaftskrise vermeiden könne. Im Wesentlichen gehe es darum, "den Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, Hoffnung zu geben, dass es ihnen irgendwann wieder gut geht, und dass der Staat ein Interesse an ihnen hat". Diese historischen Lehren, so McKees Resümee, würden derzeit in Europa jedoch keine Beachtung finden.

Quelle: n-tv.de

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