Wirtschaft
Video

Tausende Flüge gestrichen: Lufthansa-Piloten streiken

Die Lufthansa-Piloten legen für drei Tage die Arbeit nieder. Der Ausstand hat um Mitternacht begonnen. Konzernweit sind vorsorglich fast 4000 Flüge gestrichen. Einige Verbindungen aber werden bedient. Die Bahn schiebt Sonderschichten.

Diese Rechte haben Fluggäste bei Streiks

Fluggesellschaften sind dazu verpflichtet, im Falle eines Streiks so schnell wie möglich eine Ersatzbeförderung zu organisieren, entweder mit einem anderen Unternehmen oder per Bahn. Wer sich lieber selbst um eine Alternative zum gestrichenen Flug kümmert, kann die Buchung stornieren und bekommt dann sein Geld zurück.

Die Fluggastrechteverordnung sieht bei großen Verspätungen oder annullierten Flügen pauschale Schadensersatzzahlungen vor. Bei Streiks gilt das aber nicht, hat der Bundesgerichtshof entschieden (Az.: X ZR 138/11). Streiks seien "nicht zu beherrschende Gegebenheiten", auf die Fluggesellschaften keinen Einfluss hätten, fanden die Richter. Anders als bei technischen Defekten oder Überbuchungen gibt es deshalb für die Reisenden kein Geld.

Immerhin haben die Betroffenen grundsätzlich Anspruch auf Betreuungsleistungen, wenn sie stundenlang auf ihr Flugzeug warten müssen. Die Fluggesellschaften müssen dann die Kosten für Telefonate, Getränke, Mahlzeiten und gegebenenfalls eine Übernachtung im Hotel übernehmen.

Deutschlands größte Fluggesellschaft Lufthansa hat den Flugbetrieb für drei Tage größtenteils eingestellt. Grund ist der Tarifkonflikt mit den Piloten. Deren Gewerkschaft "Vereinigung Cockpit" wendet sich gegen geringere Übergangsrenten für die rund 5400 Kapitäne und Co-Piloten.

Von Mitternacht bis einschließlich Freitag hat die Kranich-Airline konzernweit rund 3800 Flüge abgesagt. Bei der Lufthansa-Tochter Germanwings fallen mehr als die Hälfte der 1332 geplanten Flüge aus. Insgesamt sind rund 425.000 Passagiere betroffen, von denen ein großer Teil auf andere Verkehrsmittel oder Termine umgebucht werden solle. Der Streik kostet Lufthansa nach Schätzungen pro Tag einen zweistelligen Millionenbetrag. "Es sind deutlich weniger Leute da", sagte ein Sprecher des Flughafens in München. Ein größeres Chaos erwarte man heute aber nicht.

Bereits am Dienstag waren rund 65 Flüge ausgefallen. Am Samstag soll der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden. Auch für diesen Tag hat die Lufthansa allerdings bereits mehr als 40 Flüge gestrichen.

600 Verbindungen finden statt

Insgesamt finden trotz Streik nach dem derzeitigen Planungsstand mehr als 600 Verbindungen statt - das sind über 100 mehr als der Mutterkonzern am Montag für Lufthansa und Germanwings gemeinsam in Aussicht gestellt hatte. Grund dafür ist, dass die Airline als Ersatz von anderen Gesellschaften Flugzeuge und Crews gechartert habe, wie ein Lufthansa-Sprecher sagte.

Vom Streik betroffene Passagiere von Lufthansa und Germanwings können ihr Ticket gegen ein Bahn-Ticket eintauschen oder ihren Flug kostenlos stornieren. Die Bahn stellt sich auf zusätzliche Passagiere ein - am Flughafen-Fernbahnhof in Frankfurt am Main und anderen Flughafen-Bahnhöfen würden zusätzliche Mitarbeiter eingesetzt, hieß es. Es würden alle zur Verfügung stehenden Züge bereitgestellt. Wenn nötig, könnten zusätzliche Züge auf besonders ausgelasteten Strecken eingesetzt werden.

(Lufthansa-Service: +49 800 850 60 70; Liste der gestrichenen LH-Flüge; Germanwings; Deutsche Bahn)

Protest am Flughafen Frankfurt

Chart

Die Drehkreuz-Flughäfen München und Frankfurt bereiten sich darauf vor, dass Transitreisende ohne Schengen-Visum in den Transitbereichen stranden könnten. In Frankfurt wurden Feldbetten aufgestellt. Zudem gebe es Snacks und Getränke.

Die Piloten wollen am Vormittag am Frankfurter Flughafen für ihre Anliegen demonstrieren. Sie kämpfen gegen Einschnitte bei der sogenannten Übergangsversorgung, einer Art Frührente. Bislang können Piloten bereits mit 55 Jahren aufhören zu fliegen, die Lufthansa bezahlt dann bis zum Renteneintritt die Übergangsversorgung in Höhe von bis zu 60 Prozent des Bruttoverdiensts. Die Fluggesellschaft will das Austrittsalter aber auf lange Sicht auf 60 Jahre anheben. Neu eingestellte Piloten sollen sich zudem an der bislang allein vom Arbeitgeber finanzierten Leistung beteiligen.

Video

"Wir müssen jetzt eine Regelung finden, damit die Piloten auch in Zukunft vorzeitig aus dem Flugdienst ausscheiden können, die aber finanzierbar ist und die auch den steigenden Lebenserwartungen gerecht wird", sagte Lufthansa-Sprecherin Barbara Schädler bei n-tv.

Daneben fordert die Gewerkschaft zehn Prozent mehr Lohn über zwei Jahre. Die Lufthansa bietet über die Laufzeit vom 1. Mai 2012 bis 31. Dezember 2015 eine Erhöhung der Vergütung um 5,2 Prozent und eine Einmalzahlung vor.

Scharfe Kritik aus der Politik

Wegen der enormen Auswirkungen sorgt der Ausstand für Kritik. "Jeder Tag mit Streik schränkt die Mobilität hunderttausender Menschen ein", sagte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt der "Bild"-Zeitung. "Eine schnelle Lösung des Konflikts" sei "geboten" und "auch im Interesse der Tarifparteien".

Der Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag, Michael Fuchs, sagte dem Blatt, der Streik sei "absolut unverantwortlich". Er bringe die Lufthansa in ernste Schwierigkeiten und nehme eine halbe Million Fluggäste als Geiseln. "Bei Leuten, die in einigen Fällen so viel verdienen wie die Kanzlerin, habe ich dafür wenig Verständnis", sagte Fuchs.

Klaus Barthel, Chef des SPD-Arbeitnehmerflügels, kritisierte in der Zeitung, "dass Minigewerkschaften die Interessen weniger auf Kosten vieler vertreten". Bereits zuvor hatte Arnold Vaatz, ebenfalls Vizechef der Unionsbundestagsfraktion, Änderungen im Streikrecht ins Gespräch gebracht. Er forderte, den Fall zum Anlass zu nehmen, um über eine Gesetzesänderung nachzudenken.

Dies forderte am Mittwoch auch der Generalsekreär des CDU-Wirtschaftsrats, Wolfgang Steiger. "Die massive Erpressbarkeit der gesamten Wirtschaft durch Streiks an Schaltstellen der Infrastruktur ist so nicht mehr hinnehmbar", sagte er dem "Handelsblatt". Nun müssten "die notwendigen Konsequenzen gezogen werden".

Cockpit verteidigte den Ausstand. Dieser sei "die einzige Möglichkeit, die Lufthansa zu einem Entgegenkommen zu bewegen", sagte Vorstandsmitglied Jörg Handwerg der "Passauer Neuen Presse". Der Arbeitskampf sei die Antwort auf einen "aggressiven Kurs" des Unternehmens. Die Lufthansa dürfe Piloten "nicht zwingen, allein aus politischen Gründen heraus" nach dem 55. Lebensjahr weiterzufliegen. "Das geht auf Dauer zu Lasten der Verkehrssicherheit", meinte Handwerg.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen