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"LNG" wird per Schiff transportiert - und dient aber auch als Schiffstreibstoff.
"LNG" wird per Schiff transportiert - und dient aber auch als Schiffstreibstoff.(Foto: picture alliance / dpa)

Tiefkühlerdgas aus Afrika: US-Konzern plant LNG-Terminal

Anadarko verfügt über eine Marktkapitalisierung von knapp 55 Milliarden Dollar, ist im Vergleich zu Riesen wie Exxon oder Shell aber fast vernachlässigbar klein. Jetzt will der Konzern Milliarden investieren - in Mosambik. Ein ehrgeiziges Projekt.

Milliardeninvestitionen im Grenzgebiet zu Tansania: Der US-Konzern Anadarko will im Nordosten Mosambiks ein LNG-Terminal aus dem Boden stampfen.
Milliardeninvestitionen im Grenzgebiet zu Tansania: Der US-Konzern Anadarko will im Nordosten Mosambiks ein LNG-Terminal aus dem Boden stampfen.

Nur wenige Straßen führen zu dem kleinen Fischerdorf Palma in Mosambik, an der Ostküste Afrikas. Trinkwasser und Elektrizität sind hier Mangelware. Giftschlangen, Malaria-übertragende Moskitos und schwer bewaffnete Rebellen, die gegen die Regierung in Maputo kämpfen, gehören zu den Gefahren, die hier an jeder Ecke lauern.

Und doch will das texanische Unternehmen Anadarko Petroleum genau in dieser Region eines der größten Projekte realisieren, das je ein westliches Unternehmen hier unternommen hat. Anadarko will in Palma auf einem mehrere Quadratkilometer großen Areal klimatisierte Häuser, eine Landebahn und einen Hafen aus dem Boden stampfen - und dabei fast 3000 Dorfbewohner aus ihren Lehmhäusern umsiedeln.

Die Suche nach Öl hat Unternehmen schon immer in entlegene Regionen geführt. Aber Anadarko sucht in Palma nicht nach dem schwarzen Gold. Die Texaner sind hinter einem Energieträger her, der zwar viel reichhaltiger in der Welt vorkommt, dessen wirtschaftliche Nutzung aber deutlich weniger lukrativ ist: Etwa 50 Kilometer vor der Küste liegen massive Erdgasvorräte.

Nehmen, was man kriegen kann

Aber auch wenn es sich bei der Fundstelle vermutlich um eine der größten Lagerstätten handelt, die in den letzten Jahrzehnten entdeckt wurde, gibt es mehr als nur einen Haken bei der Sache. Die nächsten Kunden für das Gas sind weit weg auf der anderen Seite der Erdhalbkugel, und das Anzapfen der Lagerstätte wird Milliarden von Dollar verschlingen. Einige finanzkräftige Investoren haben bereits ihr Interesse an dem Projekt signalisiert, aber noch haben nicht alle den Absichtserklärungen auch die notwendigen Finanzmittel folgen lassen.

"Klar, Öl (zu fördern) ist wahrscheinlich einfacher", gesteht auch Don MacLiver ein, der bei Anadarko für das Projekt in Mosambik federführend tätig ist. Anadarko geht es aber wie vielen anderen Ölfirmen: Man muss nehmen, was man kriegen kann. Und dazu gehören eben auch "große Gasvorräte in abgelegenen Winkeln" des Kontinents, sagt MacLiver.

Vor der gleichen Herausforderung stehen viele der größten Energieunternehmen rund um den Globus: Denn neue Lagerstätten liefern vor allem Erdgas, nicht das bislang dominierende Erdöl. Nach Erhebungen des Beratungsinstituts IHS sind zwei Drittel der im letzten Jahrzehnt entdeckten Brennstoffreserven Erdgas. Und viele der neuen Fundstätten sind in Regionen weit abseits von privaten Haushalten und Unternehmen, die den Energieträger nutzen könnten.

Tiefgekühltes Gas

Das Projekt in Mosambik, in das Anadarko schon jetzt etwa 1 Milliarde US-Dollar gesteckt hat, gehört sicherlich zu den extremsten Unterfangen, eine solch umfangreiche Lagerstätte in vermarktbare Energie umzuwandeln. Weil die Kunden so weit weg sind, will Anadarko gigantische Tiefkühlanlagen bauen, die das Gas auf die Temperaturen herabkühlen, die auf den eisbedeckten Monden des Jupiters herrschen. Denn erst bei dieser extremen Kälte verflüssigt sich Erdgas und kann mit Hilfe von tiefgekühlten Tankschiffen - ähnlich wie Öl - auf dem Seeweg transportiert werden. Und dann würden sich die hohen Anlaufkosten lohnen: Der Export von Erdgas sorgt für längerfristige, gleichmäßigere Erlöse als das Verschiffen von Öl - wenn auch mit Gewinnspannen, die weniger lukrativ ausfallen als beim schwarzen Gold.

Kein Wunder, dass Anadarko mit seinem Erdgas-Projekt in Mosambik nicht allein ist. Die italienische Eni plant ein vergleichbares Projekt direkt in der Nachbarschaft, während die britische BG Group und die norwegische Statoil Gas verschiffen wollen, das sie vor der Küste des Nachbarlandes Tansania entdeckt haben.

Nachfrageboom erwartet

Experten gehen davon aus, dass sich die weltweite Nachfrage nach Flüssigerdgas, nach der englischen Bezeichnung auch LNG genannt, in den nächsten 20 Jahren verdoppeln wird. Vor allem in den schnell wachsenden Wirtschaftsräumen in Asien wird der Bedarf steigen, und auch Europa wird zunehmend Erdgas aus den Ozeanen der Welt statt aus den Pipelines Russlands importieren wollen.

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"Niemals zuvor in der Geschichte dieser Industrie haben wir eine derartige Menge an geplanten Kapazitäten beobachten können", bemerkt Chris Holmes, einer der führenden Köpfe des Beratungshauses IHS, mit Blick auf LNG-Exportprojekte.

Die Projekte im Osten Afrikas werden also konkurrieren müssen mit ähnlichen Projekten in ebenso abgelegenen, aber politisch nicht so schwierigen Regionen wie etwa Australien oder Alaska. Und das Erdgas aus Mosambik wird am Markt konkurrieren müssen mit Schiefergas aus den USA, das wegen der dort schon existierenden Infrastruktur billiger exportiert werden kann.

Klein, aber ehrgeizig

Anadarkos Wette auf Mosambik ist aber noch aus einem anderen Grund besonders gewagt. Mit einer Marktkapitalisierung von gerade einmal 54,9 Milliarden US-Dollar ist Anadarko das erste US-Unternehmen dieser Größenordnung, das sich daran versucht, Erdgas zu fördern, zu verflüssigen und anschließend zu exportieren. Bislang blieben solche risikoreichen und teuren Projekte die Spielwiese von Giganten wie Exxon Mobil oder Royal Dutch Shell, die das 30-fache des Umsatzes von Anadarko aufweisen.

Die Rechnung allein für die Förderplattformen und die anfänglich geplanten zwei Kühlanlagen in Palma beläuft sich auf bis zu 16 Milliarden Dollar - was mehr ist als das Bruttoinlandsprodukt von Mosambik, das sich im letzten Jahr auf 15,3 Milliarden Dollar belief. Anadarko will einen Anteil von 26,5 Prozent an dem Projekt halten, so dass die Kosten für die Texaner rob gerechnet 4,2 Milliarden Dollar betragen dürften.

Konkurrenz für Katar

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Anadarko hat aber noch viel größere Pläne in Mosambik. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte will das Unternehmen hier insgesamt 14 Kühlanlagen bauen, sagt Vorstandsmitglied Don MacLiver. Bei dieser Größenordnung würde Mosambik ein ernstzunehmender Konkurrent für den bislang größten Umschlagplatz für Flüssigerdgas in Katar.

Aber auch die Kosten werden vermutlich spürbar steigen. Schon seit dem Jahr 2000 haben sich die Kosten für ein LNG-Projekt mehr als verdreifacht, hat die Beratungsfirma Merlin Advisors herausgefunden. Zwar tragen die Projekte im Osten Afrikas nicht das Währungsrisiko, das die Kosten für vergleichbare Vorhaben in Australien kräftig aufgebläht hat.

Aber durch die Vielzahl der konkurrierenden Projekte in der Region wird die Nachfrage nach Facharbeitern und Materialien das Angebot bei weitem übersteigen und damit die Kosten in die Höhe treiben. Anadarko selbst gibt sich optimistisch, die Kosten unter Kontrolle halten zu können: Das Unternehmen verweist darauf, dass die Gasquellen näher an der Küste liegen als bei der Konkurrenz und zudem einen reichhaltigeren Ertrag versprechen.

Dennoch ist die Förderung und Verflüssigung von Erdgas so teuer, dass Anadarko und seine Partner das Projekt nicht ohne Absicherung angehen wollen. Derzeit versuchen sie, asiatische Abnehmer für ihr Flüssigerdgas zu finden, die langjährige Lieferverträge für etwa 60 Prozent des erwarteten LNGs unterzeichnen. Bislang hat das Konsortium, zu dem Unternehmen aus Japan, Thailand und Mosambik gehören, aber erst ein paar Absichtserklärungen möglicher Käufer zusammen.

"Hochzeit" im Zeitplan

"Wir sind verlobt und haben die Absicht zu heiraten" - so charakterisierte Anadarkos Vorstandschef Al Walker im Mai den Stand der Vereinbarungen mit möglichen Abnehmern. Aber selbst wenn die Wunschehen alle geschlossen werden, muss Anadarko immer noch rund 40 Prozent seines Flüssigerdgases auf dem freien Markt loswerden.

Bislang liegt Anadarko bei der Investitionsplanung für das Projekt im Zeitplan. Im letzten August verkauften die Texaner 10 Prozent ihres Anteils an dem Gasprojekt an die indische ONGC Videsh für 2,6 Milliarden Dollar. Eigentlich wollte Anadarko bis Ende diesen Jahres endgültig über das Projekt entscheiden; ein Sprecher kündigte inzwischen jedoch an, dass sich Anadarko mit der Entscheidung durchaus bis nächstes Jahr Zeit lassen könnte. Damit könnte sich auch der geplante erste Liefertermin für LNG ins Jahr 2019 verschieben - bislang hat Anadarko dafür 2018 angepeilt, aber selbst das Jahr 2019 halten einige Analysten für sehr ambitioniert.

Derweil bleibt die Lage vor Ort kompliziert. Palma gehört zu den am wenigsten entwickelten Regionen der früheren portugiesischen Kolonie. Auch heute noch tragen die Frauen das Wasser eimerweise und auf ihren Köpfen balancierend von den kommunalen Brunnen in ihre Häuser. Die Fischer gehen immer noch mit kleinen Booten aus Holz aufs Meer und trocknen ihren Fang am Strand auf aufgespannten Netzen.

Allerdings hat sich das Leben in der Region sichtbar verändert, seit 2010 hier Erdgas entdeckt wurde. Die Fahrradfahrer müssen sich inzwischen die Straßen teilen mit Allrad-Pritschenwagen, die das Logo der Firma Anadarko tragen. "Das Gas ist das Versprechen auf eine Weiterentwicklung", sagt Abdul Razak Noormahomed, der stellvertretende Minister für Bodenschätze in Mosambik. Die Regierung, so sagt er, will dafür sorgen, dass zumindest ein Teil des Erdgases im Land bleibt und die wirtschaftliche Entwicklung vorantreibt.

Nicht jeder will freiwillig umsiedeln

Seit 2012 zahlt Anadarko dem Land jährlich eine Gebühr dafür, ein Gebiet von etwa 70 Quadratkilometern nutzen zu dürfen. Etwa 3000 Bewohner dieses Gebiets müssen am Ende umgesiedelt werden und verlieren ihr Land, ihre Ernteflächen und die Grabstätten ihrer Vorfahren. Anadarko arbeitet derzeit einen Plan aus, wie die Menschen für diesen Verlust entschädigt werden sollen. Dazu gehört auch der Bau neuer Häuser und das Roden von Urwaldregionen, damit dort Landwirtschaft betrieben werden kann.

Die Umsiedlung, die von örtlichen Kritikern als Landraub kritisiert wird, verläuft nicht gerade reibungslos. Laut Centro Terra Viva, einer Selbstschutzgruppe, in der sich die Betroffenen zusammengeschlossen haben, weigerten sich die Bewohner einer der am dichtesten besiedelten betroffenen Region, im letzten Jahr an einem Treffen mit Vertretern der Regierung und von Anadarko teilzunehmen. Das Unternehmen selbst sucht den Ausgleich mit den Betroffenen: Anadarko nehme die Sorgen der Landbevölkerung ernst und brauche die Unterstützung der Bewohner, betonte Anadarko-Landeschef John Peffer.

Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass das nicht immer reibungslos klappt. In Tete, einer im Landesinneren gelegenen Provinz mit reichen Kohlevorräten, klagen Tausende von umgesiedelten Bewohnern darüber, dass sie von Rio Tinto und der brasilianischen Vale in Regionen umgesiedelt wurden, die sich nur schlecht für die Landwirtschaft eignen und zu weit von den nächsten Wasserstellen entfernt sind. Demonstranten haben daher häufig vor den Minen gegen die Umsiedlungspolitik der Konzerne demonstriert und die Eisenbahnschienen blockiert, um die Abfuhr der geförderten Kohle zu verhindern.

Kleinbauern gegen Großkonzerne

Rio Tinto und Vale sind die Vorwürfe bekannt. Eine Sprecherin von Vale sagte, das Unternehmen versuche, die Infrastruktur in der Region zu verbessern. Auch Rio Tinto arbeitet nach Angaben eines Sprechers mit den umgesiedelten Gemeinden zusammen und stellt Trainingsprogramme zur Verfügung, um den landwirtschaftlichen Ertrag in den neuen Gebieten zu verbessern. Ende Juli hatte Rio Tinto dann aber offenbar genug: Die Briten verkauften die umstrittene Mine für 50 Millionen Dollar an die indische International Coal Ventures.

Existenzängste sind jedoch nicht die einzigen Sorgen der Bevölkerung vor Ort. Nur wenige verfügen hier über die notwendige Ausbildung und Kenntnisse, um einen Job bei dem Gasprojekt zu ergattern. Und auch bei den Fischern gibt es Sorgen: Zwar habe sich der Preis für Fisch durch den Zuzug fremder Arbeiter erhöht, gleichheit sorgen sich Fischer wie der 30-jährige Ali Mequit darüber, dass die Gasförderung vor der Küste die Fische weiter ins Meer vertreiben könnte.

Und über alle dem schwebt auch noch die ungeklärte Frage, was passiert, wenn das Projekt doch noch abgeblasen wird und die Unternehmen die Region wieder verlassen. "Die werden weiterziehen", befürchtet Mequit, "aber unsere Leben werden sich auf immer verändert haben."

Quelle: n-tv.de

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