Wirtschaft

Spekulanten am Pranger: Nahrungspreise werden zum Sprengsatz

von Jan Gänger

Weltweit klettern die Nahrungsmittelpreise auf Rekordhöhen, Millionen Menschen hungern. Verantwortlich gemacht werden gierige Spekulanten. Politiker wollen ihnen das Handwerk legen – und machen sich die Problemlösung damit viel zu einfach. Denn die Ursachen liegen anderswo.

Eine Inderin wartet auf eine Essenspende.
Eine Inderin wartet auf eine Essenspende.(Foto: REUTERS)

Die Nahrungsmittelpreise laufen aus dem Ruder. Anfang des Jahres erreichten sie ihren bisher höchsten Stand. Der Blick auf das von der UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung ermittelte Preisbarometer verheißt nichts Gutes: Der Trend zeigt weiterhin nach oben, ein Ende der Rally ist nicht in Sicht.

Für viele Menschen sind das schlechte Nachrichten. Besonders verheerend sind die Preissteigerungen für Entwicklungsländer. Die Preise für Getreide, Mehl, Brot, Mais oder Zucker mögen verglichen mit Europa gering erscheinen. Doch schon vor dem jüngsten Preisschub mussten viele Kleinverdiener mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben.

Die Folgen sind dramatisch. Nach dem Preisschub für Nahrungsmittel in den Jahren 2007 und 2008 schätzten die Vereinten Nationen die Zahl der Hungernden und Unterernährten weltweit auf 870 Millionen. Mittlerweile dürften es rund 900 Millionen sein.

Drastischer Preisanstieg

Viele Agrarrohstoffe kosten mittlerweile mehr als im Jahr 2008. Damals hatten Rekordpreise Hungerrevolten ausgelöst – unter anderem in Afrika und in der Karibik. Und auch jetzt sorgen die steigenden Preise für soziale Unruhen. Zu den Revolten in Tunesien und Ägypten kam es erst, nachdem sich Grundnahrungsmittel erheblich verteuert hatten. Angesichts von Rekordpreisen stürzten In Indien Regierungen in einzelnen Bundesstaaten.

Der Preisanstieg ist atemberaubend: Allein in der zweiten Hälfte des vorigen Jahres schoss der Getreidepreis um 57 Prozent nach oben, der für Öle und Fette um fast genauso viel, und der Zuckerpreis gar um 77 Prozent. Asien blieb von Protesten bislang wohl verschont, weil sich der Preis für Reis dem scharfen Aufwärtstrend bislang nicht anschloss - anders als vor drei Jahren. "Wir müssen uns auf weiter steigende Rohstoffpreise einstellen, das gilt auch für Agrarrohstoffe", warnt Weltbank-Präsident Robert Zoellick und fordert die Gruppe der größten Industrie- und Schwellenländer (G20) auf, das Thema Ernährung endlich ganz oben auf die Agenda zu setzen.

Damit rennt Zoellick bei Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, der gegenwärtig der G20 vorsitzt, offene Türen ein. Sarkozy hat auch schon die Ursache des Problems ausgemacht: die Rohstoffmärkte. Schwerpunkt seiner G20-Präsidentschaft solle der Kampf gegen Rohstoffspekulationen sein, kündigt der Franzose an.

Der Applaus ist ihm sicher. Nicht nur in Frankreich, wo Sarkozy im kommenden Jahr wiedergewählt werden möchte, finden Parolen gegen Spekulanten großen Anklang. Auch hierzulande sind sie äußerst populär. Schließlich könne es nicht sein, dass sich Spekulanten bereichern und damit Menschen in den Hunger treiben. Die Empörung ist nachvollziehbar, aber unnütz – denn die wesentlichen Ursachen für die Preisexplosion bei Agrarrohstoffen sind andere.

Das Wetter wird extremer

Wie an anderen Märkten wirkt vor allem ein Mechanismus: Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmt den Preis. Agrarrohstoffe werden seit Anfang 2009 wieder teurer, zu diesem Zeitpunkt hatte die weltweite Konjunkturflaute die Talsohle durchschritten - die Nachfrage nahm spürbar zu. Von einer Rally konnte aber keine Rede sein, die Preise stiegen lediglich moderat. Das änderte sich schlagartig im Sommer 2010.

Russland wurde im vergangenen Sommer von einer Dürre heimgesucht.
Russland wurde im vergangenen Sommer von einer Dürre heimgesucht.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

In Russland und der Ukraine herrschten Rekordtemperaturen, die Dürre sorgte für massive Ernteausfälle. Die Regierungen verhängten Exportschranken, um die Versorgung der eigenen Bevölkerung sicherzustellen. Die Folge: Die Getreidepreise stiegen kräftig. Auch anderswo auf der Welt sorgten Wetterkatastrophen für schlechte Ernten, beispielsweise in Brasilien oder in Australien. In Indien treiben unerwartete Regenfälle die Preise für Gemüse auf Rekordniveau.

Schon die explodierenden Reispreise der Jahre 2007 und 2008 wurden durch Ausfuhrbeschränkungen ausgelöst. Auch damals zeigten viele mit dem Finger auf Spekulanten und machten sie für die Rekordpreise verantwortlich. Doch eine Studie der OECD kommt zu einem anderen Ergebnis. Die Autoren Scott Irwin und Dwight Sanders betonen, es habe keinen Zusammenhang zwischen der Menge der gehandelten Terminkontrakte und den Preisen gegeben.

Zudem weisen sie darauf hin, dass auch als die Preise stark fielen, die Spekulation an den Märkten groß war. Außerdem kam es auch bei Rohstoffen, die nur mit geringem Volumen an den Terminbörsen gehandelt werden, zu heftigen Ausschlägen.

In Australien vernichten Fluten die Ernte.
In Australien vernichten Fluten die Ernte.(Foto: REUTERS)

Die Preise für Nahrungsmittel klettern derzeit aus fundamentalen Gründen. Missernten sind nur einer davon. Wachsende Mittelschichten in aufstrebenden Riesenländern wie Indien und China können sich mehr Fleisch leisten, was wiederum die Nachfrage nach Futtermitteln hochtreibt. Wegen des Trends zu Biokraftstoffen werden Teile der Maisernten zu Öko-Sprit. Das Angebot von vielen Agrarrohstoffen ist derzeit gering und es sinkt weiter. Das liegt nicht an den Termingeschäften. Sie verknappen weder die Vorräte, noch steigern sie die Nachfrage.

Wer also den Finanzmärkten die Schuld an der Misere gibt, macht es sich zu einfach. Die Welt muss mit einer globalen Nahrungsmittelkrise fertigwerden – mit der zweiten innerhalb von nur drei Jahren. Die Auswirkungen sind erheblich, die Konsequenzen nicht absehbar.

Statt vermeintlich finstere Mächte zu bekämpfen, sollten wir uns deshalb dringend Gedanken darüber machen, wie eine stetig wachsende Bevölkerung ernährt werden kann. Es ist höchste Zeit. Denn wegen des Klimawandels werden die Wetterextreme – und damit die Missernten - weiter zunehmen.

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Quelle: n-tv.de

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