Wirtschaft
Beginnt der Schuldenwirbel am Kapitalmarkt für Europa nun von vorn? Nervös blicken Händler hier auf die Ergebnisse einer spanischen Bond-Auktion (Archivbild).
Beginnt der Schuldenwirbel am Kapitalmarkt für Europa nun von vorn? Nervös blicken Händler hier auf die Ergebnisse einer spanischen Bond-Auktion (Archivbild).(Foto: REUTERS)

Gezielter Rating-Schlag zum Gipfel?: S&P zweifelt Europa an

Kurz vor Weihnachten teilt Standard & Poor's den Europäern einen unangenehmen Denkzettel aus. Pünktlich zum EU-Gipfel lenkt die einflussreiche US-Agentur die Aufmerksamkeit der Märkte auf Probleme innerhalb der Europäischen Union.

Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) nährt Zweifel an den finanziellen Perspektiven in Europa: Am letzten großen Handelstags des Jahres entziehen die selbsternannten Bonitätswächter der Europäischen Union die bisher geltende Bestnote in der Bonitätsbewertung. Der Zeitpunkt ist offenbar kein Zufall: Die Herabstufung erreichte die Märkte am frühen Morgen - und damit während des zweitägigen EU-Gipfels der Staats- und Regierungschefs in Brüssel. S&P platzt mit dem überraschenden "Downgrade" mitten hinein die laufenden Verhandlungen.

Die S&P-Analysten senkten das Langfrist-Rating der EU um eine Notenstufe von bislang "AAA" auf "AA+", wie das US-Unternehmen mitteilte. "Unserer Meinung nach hat die Kreditwürdigkeit der jetzt 28 EU-Mitgliedstaaten insgesamt abgenommen." Dabei spiele eine Rolle, dass der Zusammenhalt der EU-Mitgliedsländer abgenommen habe. Das zeige sich in den Spannungen bei den jüngsten Verhandlungen über den EU-Haushalt. Diese signalisierten steigende Risiken, dass die EU in einigen Mitgliedstaaten an Rückhalt verlieren könnte.

Der Gemeinschaftsetat der EU sorgt regelmäßig für Spannungen zwischen den Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament. Die bisherigen Empfängerstaaten aus Osteuropa pochen auf höhere Ausgaben, Großbritannien und Nettozahler wie Deutschland stehen auf der Bremse. S&P weist nun ausdrücklich auf das Risiko einer sinkenden Unterstützung durch einige Mitgliedsländer hin. Die Ratingagentur geht davon aus, dass die verbliebenen Länder mit erstrangiger Bonität in ihrer Bereitschaft zur EU-Haushaltsfinanzierung nachlassen könnten, wenn andere Länder nicht mehr gewillt sind, ihre entsprechenden Anteile zu leisten.

Damit stützen die Analysten ihre Bewertung in der Hauptsache nicht auf ökonomische, sondern auf rein politische Perspektiven. Inwieweit sich die Etat-Debatte jedoch tatsächlich auf die Haushaltszahlen auswirken werden, bleibt weiter unklar. Ein paar Staaten hätten die Verabschiedung des Budgets zumindest zeitweise blockiert, argumentieren die S&P-Experten. "Wir halten es für möglich, dass die Verhandlungen vorzeitig wieder aufgenommen werden müssen", schrieben sie. Die EU hatte sich im Sommer nach monatelangem Streit auf einen Finanzrahmen bis 2020 geeinigt.

Nüchterne Warnung oder Agentur-PR?

Mit der Herabstufung schaltet sich die Ratingagentur mit einer eigenen Einschätzung in die Debatte ein. Die Verhandlungen der EU-Staaten über einen gemeinsamen Haushaltsplan seien schwieriger geworden, heißt es. Diese Erkenntnis ist allerdings weder neu, noch besonders erhellend und sollte Beobachter am Markt nicht weiter überraschen. Abgesehen davon, so heißt es bei S&P weiter, habe sich die durchschnittliche Ratingnote der wichtigsten EU-Länder seit 2012 von zuvor "AA+" auf "AA" verschlechtert. Das durchschnittliche Kurzfristrating bleibe dagegen mit "A-1" weiterhin erstklassig.

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Der Entscheidung vorausgegangen war in den vergangenen Monaten eine Herabstufung der Ratings von Frankreich, Italien, Spanien, Malta, Slowenien, Zypern und den Niederlanden. Die Gefahr, dass das Rating der EU bald weiter gesenkt werde, sei aber gering, befand S&P. Den Ausblick beurteilte die Ratingagentur als "stabil". Die Kreditwürdigkeit Deutschlands beurteilen die S&P-Experten weiterhin mit der Bestnote "AAA".

In der Praxis dürfte die leichte Herabstufung der EU-Bonität zunächst wenig handfeste Folgen haben. Die EU kann zwar auf eigene Rechnung Kredite am Markt aufnehmen, gehört aber zu den eher kleineren Spielern am Anleihemarkt. Derzeit sind nach S&P-Berechnungen Anleihen im Volumen von 56 Milliarden Euro in Umlauf. Das Geld wurde überwiegend für Irland und Portugal benötigt.

Zudem gilt S&P nur als eine von mindestens drei maßgeblichen Stimmen bei der Bonitätsbewertung. Zur Frage etwaiger politischer Risiken in der EU-Haushaltsplanung haben sich die übrigen beiden Agenturen aus der internationalen Ratingszene bislang noch nicht geäußert. Sowohl die Experten von Fitch als auch deren Kollegen bei Moody's sehen dieses Risiko damit offenbar entspannter.

Lob für London, Zweifel am Ausblick

Zeitgleich mit der neuen Beurteilung der EU-Finanzen gab Standard & Poor's eine Bestätigung für die britische Kreditwürdigkeit heraus. Wie die Ratingagentur mitteilte, werden die lang- und kurzfristigen Verbindlichkeiten Großbritanniens weiterhin mit der jeweiligen Bestnote "AAA" beziehungsweise "A-1" eingestuft. Der Ausblick bleibe allerdings weiterhin "negativ", hieß es.

Gestützt wird die Kreditwürdigkeit der Briten laut S&P maßgeblich von ihrer "außerordentlichen monetären Flexibilität", sprich der Bereitschaft der Bank of England (BoE) im Bedarfsfall der Haushaltspolitik durch expansive geldpolitische Maßnahmen beizuspringen.

Zur Verfassung der britischen Wirtschaft äußerten sich die Kreditwächter dagegen skeptisch. Die gegenwärtige Konjunkturerholung beruhe vor allem auf Privatkonsum und Investitionen in Wohnimmobilien, merkten sie an. Vor allem wegen dieser Risiken für die Nachhaltigkeit dieser Erholung bleibe der Rating-Ausblick weiterhin negativ.

Quelle: n-tv.de

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