Wirtschaft
Skyline von Makati, dem Wirtschafts- und Finanzzentrum der Philippinen im Großraum Manila.
Skyline von Makati, dem Wirtschafts- und Finanzzentrum der Philippinen im Großraum Manila.(Foto: Wikimedia Commons / Benson Kua)

Die Perle im Pazifik: Philippinische Wirtschaft auf dem Sprung

Von Benjamin Konietzny, Manila

Seit Jahren wächst die philippinische Wirtschaft. Der Inselstaat ist ein asiatischer Sonderfall und deswegen besonders attraktiv. Sogar ein Freihandelsabkommen mit der EU ist angedacht. Doch es gibt auch viele alte Probleme.

Wenn alles nach Plan läuft, will Karsten Wagner bis 2017 in seinem philippinischen Werk auf rund sieben Millionen Vergaser herstellen. Von der brandneuen Fabrik aus gehen die Teile an Kettensägenhersteller in aller Welt. Einige Staaten in Asien haben sich zu typischen Zielen für ausländische Investoren entwickelt. Die Philippinen gehören zwar noch nicht dazu. Doch das Land weist beeindruckende Wachstumsraten auf, und die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und dem 7000-Insel-Staat entwickeln sich rasant. Entwicklungen, von denen der Vergaser-Hersteller Zama und der deutsche Unternehmer Wagner profitieren möchten.

Die Philippinen, die in der Wahrnehmung vieler Europäer - abgesehen von Tourismus, Naturkatastrophen und Geiselnahmen der Terrororganisation Abu Sayyaf - eher eine untergeordnete Rolle spielen, sollen näher an den europäischen Markt heranrücken. Nach dem Abschluss von Freihandelsabkommen mit Singapur und Vietnam hat nun auch die Europäische Union mit den Philippinen Verhandlungen gestartet. Die EU ist der viertgrößte Handelspartner der Philippinen.

Die Infrastruktur auf den Philippinen ist vielerorts problematisch. Im Straßenverkehr von Manila braucht man nicht selten Stunden für wenige Kilometer.
Die Infrastruktur auf den Philippinen ist vielerorts problematisch. Im Straßenverkehr von Manila braucht man nicht selten Stunden für wenige Kilometer.

Für Wagner war der Standort ideal. Die Volkswirtschaft brummt, keine andere südostasiatische Nation wächst derzeit so schnell. Für das Jahr 2015 rechnet die Regierung mit einem Wachstum von sechs Prozent. Das politische System sei im Gegensatz zu anderen Staaten in der Region stabil, das Bildungssystem sei gut strukturiert, Englisch ist Amtssprache - alles enorme Pluspunkte, so Wagner. Alle großen Ratingagenturen haben positive Ausblicke und Manila die begehrten Investment-Grades verliehen. Bei Moody's steht das Land nach zwei Aufwertungen inzwischen bei "Baa 2". Damit gehört das Land mit Thailand, Singapur und Malaysia zum Klub der Nationen, in denen Investitionen laut Agenturen nicht spekulativ sind.

Auslands-Filipinos überweisen Milliarden

Den Geschäftsführer der deutsch-philippinischen Außenhandelskammer in Manila, Peter Kompalla, beeindrucken solche Daten. Die Aussagekraft des blanken Wirtschaftswachstums sei zwar begrenzt, sagt er. Doch die Staatsverschuldung sei gering, das Bankensystem stabil, die Devisenreserven komfortabel - alles in allem sei die philippinische Wirtschaft viel weniger anfällig für internationale Finanzkrisen als die der Nachbarstaaten. Auch die gewaltigen Naturkatastrophen der vergangenen Jahre, darunter Taifun Haiyan, der weit über 10.000 Menschenleben forderte und eine Schneise beispielloser Zerstörung hinterließ, konnten diese Entwicklung nicht bremsen.

Dass es den Banken des Landes so gut geht, liegt unter anderem an einer speziellen Situation: Rund zehn Millionen Filipinos leben und arbeiten im Ausland. Im Land selbst gelten die OFW, die Oversea Filipino Worker, nicht selten als solche, "die es geschafft haben". Sie arbeiten als Krankenschwestern in den USA oder als Ingenieure im Mittleren Osten und sie verdienen meistens weitaus mehr als die 500 bis 600 US-Dollar, die auf den Philippinen den Durchschnitt darstellen. Ein erheblicher Teil des Geldes fließt zurück: Fast 20 Milliarden Dollar oder rund neun Prozent des BIP. Büros, in denen das Geld der Verwandten im Ausland angenommen werden kann, finden sich in jedem noch so abgelegenen Dorf des Archipels.

Traumstrand nahe der Touristenhochburg El Nido: Kein Geldautomat bis 2015.
Traumstrand nahe der Touristenhochburg El Nido: Kein Geldautomat bis 2015.
Ewige Geißel der Korruption

Die Philippinen sind ein asiatischer Sonderfall: Wer das Land besucht, wird sich weniger in Asien fühlen. Die englische Sprache ist allgegenwärtig, selbst in den entlegensten Winkeln. Die Philippinen sind seit Jahrhunderten christianisiert. Die Kirche schafft ein Wertegefüge, das Europäern vertrauter ist, als das in vielen anderen asiatischen Staaten. Kulturell orientieren sich die Filipinos stark an den USA: Viele Bereiche des öffentlichen Lebens, das Essen, der gesamte Lifestyle wird an Vorbilder aus Nordamerika angelehnt. Man kann diese Entwicklung mögen oder nicht - aber sie schafft ein kulturelles Klima, das vertraut ist. Warum also halten sich ausländische Investoren am Westpazifik noch zurück?

Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten: Den dunkelsten wirft zweifelsohne die Korruption auf den Staat. Sie ist nicht nur in der Wahrnehmung der Filipinos das drängendste nationale Problem, sie ist auch rational betrachtet allgegenwärtig. Kein Präsident seit dem Ende der blutigen Marcos-Diktatur 1986 blieb frei von Korruptionsvorwürfen. Der vorletzte Präsident Joseph Estrada (1998-2001) wurde gar zu lebenslangem Hausarrest verurteilt. Der Ehemann der letzten Präsidentin Macapagal-Arroyo soll stets fünf Prozent von der Gesamtsumme öffentlicher Projekte verlangt haben. Die Weltbank stoppte in ihrer Amtszeit deswegen sogar ein bedeutendes Straßenbauprojekt auf der Hauptinsel Luzon.

Viel Macht in den Händen weniger Familien

Korruption auf den Philippinen zieht sich wie ein roter Faden durch alle Hierarchien der öffentlichen Verwaltung: Vom Präsidenten über Polizeichefs, die in luxuriösen Villen logieren, bis hin zu Governeuren und Bürgermeistern - jeder versucht, ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes ist es eben auch die Korruption, die ausländische Investoren fernhält. Baustellen im Land liegen brach, weil stets Materialien verschwinden und im Privatbesitz von Lokalpolitikern landen. Die Tageszeitungen sind gefüllt mit öffentlichen Ausschreibungen - doch wer den Auftrag bekommt, wird meist auf anderen Wegen geregelt. Dabei sei es nicht unbedingt die klassische Korruption mit dem Geldkoffer, sagt AHK-Chef Kompalla, sondern oft sei die Vergabepraxis von deutlicher Intransparenz geprägt. Viele wirtschaftliche Geschicke lägen in den Händen weniger einflussreicher Familien.

Auch die Tourismusentwicklung wird immer wieder von der Korruption ausgebremst. Die Potenziale in dem Bereich sind gigantisch: Die Schönheit der Landschaft mit ihren über 7000 Inseln lässt Besucher regelrecht erstarren, doch im Gegensatz zu Staaten wie Thailand und Vietnam sind die ganz großen Besucherströme bislang ausgeblieben. Palawan etwa ist die abgelegenste Provinz des Landes mit unzähligen unberührten Buchten und weißen Sandstränden. El Nido im Norden der Insel ist der Anlaufpunkt schlechthin für Rucksack- und Individualtouristen, die die Region erkunden wollen. Doch bis 2015 gab es in der abgelegenen Stadt keinen Geldautomaten - was die Reisenden vor Schwierigkeiten stellte.

Darüber, warum es so lange nicht möglich war, in der Stadt mit fast 40.000 Einwohnern Bargeld zu ziehen, erzählt man sich die Geschichte des Lokalpolitikers, der angeblich darauf bestand, dass fünf Prozent der Umsätze an dem Geldautomaten in seine Tasche wandern sollten. Letztendlich habe er jedoch eingesehen, dass sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen wird, sagt die Legende. Andernorts landen nachts Boote mit Arbeitern an weißen Stränden, die den feinen Sand abbaggern und als günstigen Baustoff verwenden und zum Teil sogar ins Ausland verkaufen. Die Behörden halten still, solange genug Geld fließt.

Hohe Importzölle sind problematisch

Auch die Steuern in dem Land sind für viele Unternehmer und Investoren ein Problem. Magnus Nielsen, der mit seinem Partner Amado Alar ein Tauchgeschäft im Süden der Insel Negros betreibt, gerät ins Schwärmen, wenn er an ein Freihandelsabkommen mit der EU denkt. Zum Teil muss er mit horrenden Kosten kalkulieren, wenn er Ausrüstung im Ausland bestellt. Bei einer größeren Bestellung im Ausland habe er kürzlich mehr als den Gegenwert der Bestellung inklusive Lieferkosten an Importzöllen zahlen müssen. So lange bis er bezahlt hat, wurde die Ware für viel Geld in einem Lagerhaus eingelagert. Das Lagerhaus gehöre dem Behördenchef in dem Hafen, habe Nielsen erfahren. Auch das ist eine typisch philippinische Geschichte.

Trotz des beeindruckenden Wachstums hält sich die Armut im Land hartnäckig: Rund 30 Millionen Menschen gelten als arm.
Trotz des beeindruckenden Wachstums hält sich die Armut im Land hartnäckig: Rund 30 Millionen Menschen gelten als arm.(Foto: REUTERS)

Die hohen Importzölle sind auch für Auch Surasak Soimee ein Problem. Der Thailänder betreibt seit sechs Jahren eine Shrimp-Farm im Süden des Landes. Rund 100 Millionen Krustentiere verlassen jeden Monat seine Produktionsanlagen. Für Laborgeräte etwa aus Deutschland muss er deutlich draufzahlen. Ein Freihandelsabkommen mit Europa wäre großartig, so auch sein Einvernehmen. Als ausländischer Unternehmer im Land bewertet er viele Aspekte jedoch auch als sehr gut. Die Löhne seien niedrig und er bekomme viel Unterstützung durch den Staat. Das habe freilich seinen Preis: Die Steuern seien eben hoch und er verstehe nicht, wohin das Geld fließe, sagt Soimee. Für Ausländer aus der Region sei es sicherlich einfacher, hier Geschäfte zu machen. Grundsätzlich verstehe er jedoch nicht so recht, warum Asiaten die Chancen des Landes bereits nutzen, während sich Europäer noch zurückhielten.

Kein Frieden in Sicht auf Mindanao

Das positive Bild eines aufstrebenden asiatischen Staates wird jedoch nicht nur von Korruption und Intransparenz getrübt. Die Nationale Entwicklungs- und Wrtschaftsbehörde (Neda) sieht die Entwicklung von zwei Seiten her gefährdet. Zum einen kommt der Friedensprozess auf der südlichen Insel Mindanao immer wieder ins Stocken, wo Separatisten für einen eigenen islamischen Staat kämpfen. Die Regierung in Manila hatte sich dort immer wieder enorme Investitionen versprochen. Zum anderen basiert das enorme Wachstum laut Neda zu stark auf dem Konsum, der rund zwei Drittel der Ausgaben darstellt.

Darüber hinaus erfasst das Wachstum nie die ganze Breite der Gesellschaft. Die Armut im Land hält sich hartnäckig und manifestiert sich in den großen Städten durch immer weiter wachsende Slums. In der 24-Millionen-Metropole Manila leben inzwischen Schätzungen zufolge fast fünf Millionen Menschen in solchen Elendsvierteln. Landesweit leben laut Asiatischer Entwicklungsbank rund 30 Prozent in Armut. Dieser Wert ist selbst für südostasiatische Verhältnisse hoch.

Die meisten Filipinos schauen angesichts dieser Entwicklungen mit Spannung auf die Wahlen in diesem Jahr. Präsident Benigno Aquino hat in Ansätzen die Korruption wirksam bekämpft und die außenwirtschaftliche Entwicklung des Landes forciert. Sein Wahlversprechen, die Infrastruktur des Landes entscheidend zu verbessern, konnte er jedoch nur in Teilen einlösen. Die Infrastruktur ist auch nach Auskunft des Unternehmers Wagner das drängendste Problem. Doch schon nach einer Amtszeit sieht die Verfassung einen neuen Präsidenten vor. Peter Kampalla wünscht sich für die Zeit nach der Wahl, dass sich die Entwicklung weiter beschleunigt und die Bedeutung der Philippinen in der Wahrnehmung Europas weiter wächst.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen