Wirtschaft
Müssen die Währungshüter an der Zinsschraube drehen?
Müssen die Währungshüter an der Zinsschraube drehen?(Foto: picture alliance / dpa)

Deutschland am Rand der Deflation?: Preisentwicklung beunruhigt Analysten

Paradoxe Situation: Trotz historischer Niedrigzinsen verliert der Preisauftrieb immer mehr an Schwung. Schon sehen kritische Beobachter die größte Volkswirtschaft der Eurozone am Rand eines großen Preisverfalls. Muss die EZB nun handeln?

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In Deutschland lässt der Inflationsdruck weiter nach. Waren und Dienstleistungen kosteten im Februar nur noch 1,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt auf Grundlage vorläufiger Daten mitteilte. Eine niedrigere Teuerungsrate gab es zuletzt im August 2010. Im Vorfeld befragte Ökonomen hatten damit gerechnet, dass die Inflation im Februar auf dem Januar-Niveau bei 1,3 Prozent verharrt.

"Hauptgrund für den Rückgang ist billigere Energie", sagte ein Statistiker. Die sinkenden Preise für Energieträger wie Erdgas, Heizöl und andere Kraftstoffe bremsten den Preisauftrieb deutlich ab. Dagegen liegt der bundesweite Preisanstieg bei Nahrungsmitteln mit 3,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr weiterhin deutlich über der Gesamtteuerung.

Die Preise für Heizöl gaben im Februar um rund 9 Prozent nach. Experten verwiesen auf saisonale Sonderfaktoren. "Der milde Winter ist dafür verantwortlich", sagte Ökonom Christian Schulz von der Berenberg Bank. "Denn dadurch sinkt die Nachfrage, was wiederum die Preise drückt." Auch Benzin und Diesel kosteten deutlich weniger. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise verbilligten sich Kraftstoffe um 6,5 Prozent.

Im Januar 2014 hatte die Inflationsrate bei 1,3 Prozent gelegen. Von Januar auf Februar des laufenden Jahres stiegen die Verbraucherpreise um 0,5 Prozent.

EZB unter Zugzwang

Die unerwartete Entwicklung an der Preisfront bereitet Analysten große Sorgen. Sollte sich die Abschwächung im Frühjahr fortsetzen, stünde die größte Volkswirtschaft der Eurozone womöglich vor dem Beginn eines verhängnisvollen Abwärtstrends, dem Abgleiten in die Deflation, einer anhaltenden Phase sinkender Preise. Entsprechende Anzeichen sind in einzelnen Euro-Mitgliedsstaaten Südeuropas bereits zu beobachten. Bevor auch Deutschland erfasst wird, muss die Europäische Zentralbank (EZB) handeln.

Von stabilen Preisen spricht die Europäische Zentralbank (EZB) bei Teuerungsraten von knapp unter 2,0 Prozent. Mit Absicht bemühen sich die Währungshüter dabei um einen deutlichen Abstand zur rechnerischen Preisstabilität bei 0,0 Prozent. Einerseits berücksichtigen sie damit eine gewisse Fehlerquote in der Berechnung der Preisentwicklung. Andererseits wollen sie bei der Gratwanderung zwischen Deflation und Inflation in jedem Fall auf der sicheren Seite bleiben.

Ein moderater Preisanstieg gilt als weitaus weniger schädlich für Investitionsbereitschaft und Wirtschaftsentwicklung als ein Preisverfall. Allerdings treten die Nebenwirkungen der anhaltenden Niedrigzinsphase bereits verschiedenen Stellen offen zu Tage.

Öl ins Feuer der Deflationsdebatte

Der geringe Inflationsdruck in Deutschland könnte die EZB unter Druck setzen, kommende Woche ihren Leitzins noch einmal zu senken, um nicht nur die Konjunktur in den kriselnden Euro-Ländern weiter anzuschieben, sondern zugleich auch die Gefahr einer Deflation zu bannen.

Mit dem zusätzlich verbilligten Geld könnte die EZB nach landläufiger Auffassung der Gefahr einer Deflation - einem Preisverfall auf breiter Front - begegnen. Allerdings bleibt ihr beim Einsatz an der Zinsschraube nicht mehr viel Platz nach unten. Der für den Euroraum maßgebliche Leitzins liegt schon jetzt bei lediglich 0,25 Prozent.

"Die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung hat sich durch den schwachen Preisdruck in Deutschland erhöht", meint Berenberg-Analyst Schulz. Das sehen andere Experten genauso. "Die Deflations-Debatte wird angeheizt", so Carsten Brzeski von der ING-Bank. "Der Druck auf die EZB steigt, mehr zu tun."

Quelle: n-tv.de

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