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Donnerstag, 24. August 2017

Problem-Baustelle bei Rastatt: Rheintal-Chaos lenkt Verkehrsströme um

Das Chaos rund um die missglückte Tunnelbaustelle bei Rastatt offenbart eine Schwachstelle im deutschen Güterverkehr. Die Masse der Waren rollt zwar weiterhin über die Straßen. Doch der Ausfall der Hauptstrecke bringt nicht nur Bahn-Logistiker ins Schwitzen.

Schienen, Straßen und Schifffahrtswege sind der Blutkreislauf der deutschen Wirtschaft: Züge, Lastwagen und Schiffe sind pausenlos in ganz Deutschland unterwegs, um Unternehmen und Verbraucher mit den georderten Gütern zu versorgen.

Streckensperrung bei Rastatt

Die für den Personen- und Güterverkehr wichtige Nord-Süd-Verbindung Rheintalbahn ist seit einem Zwischenfall bei den Bauarbeiten am 12. August auf Höhe von Rastatt gesperrt. Sie soll bisherigen Planungen zufolge am 7. Oktober wieder freigegeben werden.

Die Sperrung nach einem Tunneleinbruch im baden-württembergischen Rastatt zeigt, wie schnell das ganze System in Schwierigkeiten gerät, wenn es an einer einzigen wichtigen Stelle klemmt. Der von der Bahn angekündigte Ausfall der Rheintalbahn bis Oktober stellt Planer und Kunden im Schienengüterverkehr vor erhebliche Probleme.

Die betroffene Strecke ist Teil der europäischen Nord-Süd-Hauptachse von der Nordsee durch den Gotthard-Basistunnel bis nach Genua. Die Deutsche Bahn versucht, eine wachsende Zahl von Güterzügen auf andere Strecken umzuleiten, etwa durch das Neckartal, durch Bayern oder Frankreich. Nach eigenen Angaben gelingt ihr das seit der Sperrung am 12. August zunehmend besser.

Enorme Zusatzkosten

Der Geschäftsführer des Netzwerkes Europäischer Eisenbahnen (NEE), Peter Westenberger, sieht dagegen nur zaghafte Erfolge. Die Verluste der Schienen-Güterverkehrsunternehmen dürften am Ende im dreistelligen Millionenbereich liegen. Pro Woche seien es im Moment etwa 12 Millionen Euro. Im September dürften es wegen wachsender Transportmengen und zusätzlicher Kosten 15 bis 20 Millionen Euro pro Woche werden. Besonders betroffen sei die schweizerische Staatsbahn SBB, heißt es.

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Die Umleitungsangebote reichen nach Einschätzung des Eisenbahnen-Netzwerks nicht aus. "Es gibt gar nicht die Kapazität", sagt Westenberger, um die anfallenden Gütermassen auf anderen Schienenstrecken um die Problem-Baustelle herumzulenken. Aktuell könnten nur etwa 20 Prozent der Züge umgeleitet werden. Im September erwarte er eine Steigerung auf höchstens 50 Prozent. Ein guter Teil der Transporte müsse auf Lastwagen und Binnenschiffe verlagert werden.

Westenbergers Worte haben Gewicht: Das Eisenbahnen-Netzwerk vertritt die Schienen-Güterverkehrsunternehmen, die nicht zur Deutschen Bahn gehören. Sie haben nach Verbandsangaben fast 41 Prozent Marktanteil. Ein Teil des Warenstroms weicht offenbar bereits auf den Rhein aus. Nach der Sperrung in einem der wichtigsten europäischen Güterverkehrskorridore ziehen die Aktivitäten in den Rheinhäfen spürbar an, heißt es zum Beispiel aus Basel.

Wie reagieren die Autobauer?

Und Westenberger ist nicht der einzige, der sich Sorgen macht. Die Sperrung des Rheinkorridors zeige, wie groß der Beitrag des kombinierten Schienengüterverkehrs zur Versorgungssicherheit sei, betonte etwa auch der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Speditions- und Logistikverbands (DSLV), Frank Huster. "Umso dringender ist die rasche Umsetzung der im Masterplan Schienengüterverkehr geforderten Infrastrukturmaßnahmen für die Schiene, um sie dauerhaft als verlässlichen Verkehrsträger zu erhalten und auszubauen."

Immerhin: Die deutsche Automobilindustrie sieht sich von der wochenlangen Unterbrechung der Bahnstrecke Karlsruhe-Basel bei Rastatt bislang kaum betroffen. In der Region betreiben zum Beispiel Daimler und die VW-Tochter Porsche größere Werke. Dazu kommen zahlreiche Zuliefer-Unternehmen mit Tausenden Arbeitsplätzen. Sie alle sind auf eine reibungslose Belieferung angewiesen.

"Wir haben keine Meldung über Probleme vorliegen", fasst ein Sprecher des Verbands der Automobilindustrie (VDA) die derzeitige Lage zusammen. "Die Masse der Transporte von Zulieferern geht über die Straße." Außerdem seien die Logistiker flexibel.

Die Deutsche Bahn dagegen trifft die Sperrung hart: Der Konzern wollte mit seinem Güterverkehr dieses Jahr endlich wieder etwas Gewinn machen - ob dieses Ziel jetzt Makulatur wird, lässt die Bahn noch offen. Mehr als 4500 DB-Güterzüge sind jeden Tag unterwegs - über Rastatt fahren üblicherweise insgesamt bis zu 200 Güterzüge der Bahn und ihrer Konkurrenten - pro Tag.

60 neue Loks gekauft

Bei der Deutschen Bahn gilt die Gütersparte seit Jahren als Sorgenkind. 2015 und 2016 fuhr sie Verluste ein. Erst im Februar wurde ein Sanierungsprogramm geschrieben: Stellen fallen weg, Abläufe ändern sich.
Doch in diesem Sommer wuchs wegen der guten Konjunktur die Nachfrage. Das Management steuert nun um, kauft bei Siemens 60 neue Lokomotiven für eine Viertelmilliarde Euro, 4000 neue Waggons werden in den nächsten Jahren angeschafft, auch Hunderte Leute werden eingestellt.

Dabei spielt auch die Aussicht auf niedrigere Kosten eine Rolle: Die Bundesregierung will die Trassenpreise im Güterverkehr im kommenden Jahr halbieren. Das brächte DB Cargo und ihren Konkurrenten eine Entlastung von 350 Millionen Euro.

Quelle: n-tv.de

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