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Die Schweizer Exportindustrie fürchtet, auf ihren Waren sitzen zu bleiben.
Die Schweizer Exportindustrie fürchtet, auf ihren Waren sitzen zu bleiben.(Foto: dpa)

Mit dem Franken fette Beute machen: Schweizer starten zu Shopping-Touren

Von Diana Dittmer

Orte in Grenznähe rüsten sich für den großen Ansturm aus der Schweiz. Der günstigere Euro lässt das Geld der Eidgenossen locker sitzen. Tankwarte und Einzelhändler freut das. Das Nachsehen haben Schweizer Uhrenhersteller. Und die, die Kredite in Franken haben.

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Der Euro kostet nach dem Schweizer Notenbankentscheid ungefähr noch einen Franken. Die Folge: Die Schweiz wird teurer, das Ausland billiger. Das spüren nicht nur Unternehmen, die in beiden Ländern tätig sind, sondern auch Konsumenten, die zwischen den Währungsräumen Euro und Franken pendeln. Auf beiden Seiten der Schweizer Grenze gibt es Gewinner und Verlierer. Die einen befinden sich in Schockstarre, die anderen lassen nach dem Franken-Hammer die Sektkorken knallen. Der stärkere Franken ist sogar noch hinter den Grenzen des Euroraums zu spüren.

Für die eidgenössischen Verbraucher ist es schlicht die Gunst der Stunde. Mit der Aufwertung ihrer Währung können sie so günstig einkaufen wie lange nicht. Seit dem Vortag sind deutsche Waren für sie über 12 Prozent billiger geworden. Zu den glücklichen Gewinnern der neuen Franken-Stärke zählen entsprechend die Einzelhändler im Euroraum. Die Schweizer Notenbank beschert ihnen ein unerwartetes Konjunkturprogramm. Einen Tag, nachdem die Währungshüter den Wechselkurs freigegeben haben, machen sich alle für den Ansturm von Schweizer Einkaufstouristen bereit.

Nicht nur die Stadt Konstanz, die nur einen Steinwurf hinter der Grenze liegt, erwartet am Wochenende eine Flut von Käufern aus dem Nachbarland. Beliebt ist in Orten wie Lörrach entlang der Schweizer Grenze auch der Tanktourismus. Neu ist das nicht. Aber jetzt lockt die eidgenössischen Verbraucher der für sie deutlich bessere Wechselkurs. Auch Internetverkäufer werden profitieren. Das Onlinekaufhaus Hertie.de heißt heute Morgen unter #CHFEURO alle Schweizer willkommen, die jetzt der Kaufrausch packt.

Schweizer sind willkommen

Sektkorken lassen auch die Unternehmen knallen, die Waren in die Schweiz importieren. Bei dem aktuellen Wechselkursverhältnis sind Güter aus dem Euroraum höchst willkommen. Die Rechnungen für die Waren sind jetzt deutlich niedriger. Zu den größten Profiteuren gehören vor allem Autoimporteure wie Amag. Auf der anderen Seite freuen sich die Dienstleister in Deutschland - ebenso wie in anderen Euro-Anrainerstaaten. Der Gang zu einem deutschen Zahnarzt zum Beispiel tut einem Schweizer Eidgenossen jetzt deutlich weniger weh - zumindest auf der Rechnung.

Statt die Skisaison in den eigenen Bergen zu verbringen, wird es viele Schweizer jetzt auch eher in die angrenzenden Skiressorts jenseits ihrer Grenze ziehen, wo so ziemlich alles günstiger ist. Vor allem Familien sind solche Währungseffekte willkommen. Die österreichischen Skiressorts dürften davon profitieren.

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Zu den Profiteuren der Franken-Freigabe gehören auch die knapp 300.000, die jeden Tag die Grenze passieren, um in der Schweiz zu arbeiten. Für sie bedeutet der Wechselkurseffekt eine schöne Lohnerhöhung.

Den Schweizer Finanzplatz kann der feste Franken nur stärken. Den Banken werden voraussichtlich demnächst die Türen eingerannt. Die Flucht der Investoren in die starke Währung wird nicht abebben. Sie wird den Finanzinstituten satte Geschäfte bescheren- auch wenn die Notenbanker den Zufluss von Kapital mit Strafzinsen eigentlich unterbinden wollen.

Schweizer Exportindustrie ächzt

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Was des einen Freud, ist des anderen Leid, heißt es bekanntlich. Die feste Schweizer Währung mag die Geschäfte der Banken anheizen. Für die Exportwirtschaft des Alpenlandes ist sie aber schlicht ein Graus. Denn die starke Währung verteuert die Ausfuhr der Waren und nagt an der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Der Chef des Uhrenherstellers Swatch, Nick Hayek, gehörte zu den Ersten, die sich aus der Schweiz zu Wort meldeten. Er sei schlicht sprachlos, sagte er. Die Entscheidung bezeichnete er als "Tsunami" für die heimische Wirtschaft.

Bekannt ist die Schweiz für Käse, Schokolade und Uhren. Was viele nicht wissen, ist, dass auch viele Pharmaprodukte und Maschinen aus der Schweiz kommen. Die Euroländer sind die wichtigsten Handelspartner der Schweiz. Vor zwei Jahren gingen nach Angaben des Bundesamtes für Statistik knapp 40 Prozent der Schweizer Exporte nach Deutschland, auf Rang zwei folgten die USA und dann schon die Euroländer Frankreich und Italien. Die Schweizer Wirtschaft hängt an Europa. Und die Aussichten sind mit dem Wechselkursverhältnis alles andere als rosig.

Auch die Tourismusbranche wird die Stärke des Frankens zu spüren bekommen. Nicht nur die Schweizer werden das Weite suchen. Viele Nicht-Schweizer werden jetzt ebenfalls umdisponieren, weil ihnen das Alpenland schlicht zu teuer ist. Die Zahl der Übernachtungen von Gästen aus Europa ist schon in den vergangenen Jahren stetig gesunken. Was passiert, wenn die Schweiz noch teurer wird, lässt sich leicht ausmalen. Schweizer, die in die Euroländer zur Arbeit pendeln und in Euro bezahlt werden, werden von dem Wechselkursverhältnis zum Franken auch nicht erfreut sein.

Panikreaktionen in Polen

Sollte der Höhenflug der Schweizer Währung von Dauer sein, könnte das auch österreichischen Banken Probleme bringen. Den Instituten drohen mittelfristig Kreditausfälle bei Franken-Darlehen, die sie in Osteuropa vergeben haben. Besonders betroffen sind Banken in Österreich sowie ihre Töchter in Teilen Osteuropas. Allein in der Alpenrepublik hatten diese ausstehenden Kredite in Schweizer Währung zuletzt ein Volumen von 29,5 Milliarden Euro. "Die Entscheidung ist eine extrem schlechte Nachricht für Fremdwährungskreditnehmer in Zentraleuropa, Polen und Ungarn", erklärte BNP-Paribas-Ökonom Michal Dybula: "Sie macht die Rückzahlung teurer, verringert das zur Verfügung stehende Einkommen und bremst den Konsum."

In Polen soll die Franken-Aufwertung laut dem Schweizer Internetportal Watson sogar zu panischen Reaktionen geführt haben. Rund 700.000 Haushalte hätten dort Immobilienkredite in Franken aufgenommen. Diese würden sie nun teuer zu stehen kommen. Auch die polnische Landeswährung Zloty, die in einem Korridor an den Euro gekoppelt ist, hat am Donnerstag im Vergleich zum Franken fast 20 Prozent an Wert verloren.

Insgesamt sollen rund 40 Prozent der Immobilienkredite in Polen in Schweizer Franken abgeschlossen worden sein. Nach Angaben der polnischen Finanzaufsicht belaufen sie sich auf insgesamt rund 31 Milliarden Euro. Grund für den hohen Anteil sind die niedrigen Zinsen in der Schweiz, die deutlich unter den polnischen liegen.

Wo der festere Franken noch überall zu Buche schlagen könnte, ist wahrscheinlich noch gar nicht bekannt. Die Frage ist jetzt auch, wie lange die Schweizerische Notenbank den neuen Spielraum zubilligt. Einige Beobachter rechnen bereits damit, dass die Schweiz Gegenmaßnahmen ergreifen wird.

Quelle: n-tv.de

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