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Franken-Mindestkurs aufgegeben: Schweizer Notenbank kapituliert

Drei Jahre lang haben die Schweizer Währungshüter wie die Weltmeister Euro gegen heimische Franken gekauft. Jetzt können sie nicht mehr. Die kleine Schweiz kommt gegen die mächtigen Devisenmärkte nicht an. Der Kurswechsel sorgt für Wirbel.

Die Schweizer Notenbank (SNB) hat wahrhaftig gekämpft, drei Jahre lang hat sie sich an einer festen Kursgrenze von 1,20 Franken zu einem Euro regelrecht festgebissen - aber am Ende trotzdem verloren. Die Devisenmärkte waren einfach zu mächtig. Zur Begründung für die Aufgabe des Euro-Mindestkurses führten die Währungshüter an: Der Mindestkurs sei in einer "Zeit der massiven Überbewertung des Frankens und größter Verunsicherung an den Finanzmärkten eingeführt" worden. Der Franken bleibe zwar hoch bewertet, aber die Überbewertung habe sich "seit Einführung des Mindestkurses insgesamt reduziert."

SNB kippt Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken. Der Euro sackt zum Franken auf Parität ab.
SNB kippt Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken. Der Euro sackt zum Franken auf Parität ab.(Foto: picture alliance / dpa)

Dass die Höhenflüge des Franken nicht auf immer und ewig von der Zentralbank gedeckelt werden konnten, lag vielleicht auf der Hand - erst kürzlich war der Streit über die feste Kursgrenze wieder aufgeflammt. Der radikale Kurswechsel erwischte die Finanzmärkte dennoch eiskalt: Der Kurs der europäischen Gemeinschaftswährung brach auf die Nachricht hin um bis zu 28 Prozent ein. Mit 0,8639 Franken markierte er ein Rekordtief. Der Schweizer Franken wurde umgekehrt binnen Minuten auf ein Allzeithoch zum Euro katapuliert. Im Sog geriet der Euro auch zum Dollar ins Rutschen. Dieser Kurs fiel auf ein Neun-Jahres-Tief von 1,1665 Dollar.

Währungshüter bleiben wachsam

Am Aktienmarkt in Zürich fiel der Leitindex SMI gleichzeitig um bis zu 14 Prozent - das ist der größte Verlust in der Geschichte der Schweizer Börse. Dabei büßten die dort gelisteten Unternehmen zusammen etwa 140 Milliarden Franken an Marktkapitalisierung ein. Das entspricht in etwa der Schweizer Wirtschaftsleistung eines Quartals. Der Aktienumsatz lag am schon am Mittag annähernd vier Mal so hoch wie an einem gesamten Durchschnittstag.

Nach dem Paukenschlag und den heftigen Verwerfungen an den Finanzmärkten kehrte allerdings auch wieder Ruhe ein. Nach kurzer Zeit handelte der Euro zum Franken wieder wie festgenagelt über 1,20 Franken. Eurokäufe durch die Schweizerische Nationalbank auf diesem Niveau hatten in den vergangenen Jahren verhindert, dass der Euro unter genau diese Marke fallen konnte. Devisenhändler vermuten, dass die Schweizerische Notenbank erneut mit Eurokäufen interveniert hat, um eine zu starke Aufwertung des Franken und die damit verbundenen Verzerrungen zu verhindern.

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Erst Anfang Januar hatte SNB-Präsident Thomas Jordan den Mindestkurs als unverzichtbar bezeichnet. "Der Mindestkurs ist absolut zentral um eben adäquate, richtige monetäre Bedingungen für die Schweiz aufrechtzuerhalten", sagte Jordan am 5. Januar in einem Interview des Schweizer Fernsehens.

Schutz gegen zu starken Franken

Die SNB hatte die Euro-Kursuntergrenze im September 2011 gewissermaßen als Schutzschirm über der heimischen Exportindustrie aufgespannt. Damals hatte die Furcht vor einem Auseinanderbrechen der Eurozone zu massiven Zuflüssen in den als sicheren Hafen geltenden Franken geführt. Zur Schwächung der eigenen Währung kaufte sie an den Devisenmärkten Euro in Milliardenhöhe. Hintergrund ist, dass rund 60 Prozent der Schweizer Exporte in Europa verkauft werden. Ist der Franken zu stark, gerät der Absatz ins Stocken.

Das Verteidigen dieser Kursgrenze hat die Bilanz der Notenbank gewaltig anschwellen lassen - und dabei für erheblichen Profit gesorgt. Die Devisenreserven werden mit mittlerweile mit 500 Milliarden Franken beziffert. Da die Notenbank ihre Eurokäufe im zweiten Schritt in Anleihen und Aktien investiert und diese Anlagen über andere Währungen streut, verdiente sie im vergangenen Jahr mit ihren gigantischen Devisenreserven die Rekordsumme von 38 Milliarden Franken.

Die Sache ist den Schweizern offenbar zu mulmig geworden. Denn eine Gewähr für Gewinne gibt es nicht. Mit ihrer Bilanz könnte die Notenbank genauso gut Verluste einfahren. Erst kürzlich hatte der in der Schweiz einflussreiche Ökonom Ernst Baltensperger in der "NZZ am Sonntag" eine neue Debatte um die Kursgrenze entfacht. Er hatte vorgeschlagen, den Franken an einen Währungskorb aus Dollar und Franken anzubinden.

"Das ist Gift für Exportunternehmen"

Zunächst liegt der Blick der Marktakteure aber auf der nunmehr ungeschützten Exportindustrie. Der Tenor ist deshalb einhellig: "Klar ist, dass die Notenbank damit zumindest kurzfristig Glaubwürdigkeit riskiert hat", sagt Manuel Andersch, Schweiz-Stratege bei der BayernLB. SNB-Präsindet Jordan dürfte nun einen schwereren Stand haben. Für die Schweizer Exportwirtschaft sei die Entscheidung kurzfristig Gift.

Das Risiko für eine Rezession in der Schweiz nehme durch den Schritt der SNB schlagartig zu, erklärte UBS-Volkswirt Daniel Kalt. Die Analysten der Berenberg Bank sehen den Schritt noch kritischer: Dem Land drohe eine lange Phase der Deflation, heißt es. Die Exportunternehmen dürften wegen des starken Franken unter zunehmenden Wettbewerbsdruck geraten. Produktionsstätten dürften ins Ausland verlagert werden. Auch der Tourismus sowie der Einzelhandel würden in Mitleidenschaft gezogen.

Die Experten sind aber zuversichtlich, dass die Schweiz letztlich das Problem meistern wird. Das Land habe Erfahrung mit Phasen der Währungsüberbewertung. Hintergrund der Entscheidung dürfte auch die Erwartung der SNB gewesen sein, dass die EZB kurz vor einer signifikanten geldpolitischen Lockerung steht. Die SNB sei offenbar nicht bereit, den Weg der EZB mitzugehen. Auch sei die SNB zunehmend politisch wegen der Eurokäufe unter Druck geraten.

Strafzins wird verschärft

Die SNB kündigte zudem an, dass der Strafzins auf Einlagen von Banken bei der Zentralbank erhöht wird. Der Zins für Guthaben auf den Girokonten, die einen bestimmten Freibetrag übersteigen, wird um 0,5 Prozentpunkte auf minus 0,75 Prozent angehoben. Zudem verschiebt die SNB das Zielband für ihren Referenzzins Dreimonats-Libor tiefer in den negativen Bereich auf minus 1,25 bis minus 0,25 Prozent.

Quelle: n-tv.de

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