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IG Metall warnt vor Kahlschlag: Siemens-Umbau kostet mehr als 10.000 Jobs

Siemens will sich neu aufstellen. Der geplante Umbau kommt einer Zäsur in der rund 170-jährigen Unternehmensgeschichte gleich. Die Kritik lässt daher nicht lange auf sich warten. Die IG Metall poltert los.

Der geplante Konzernumbau bei Siemens kommt bei Investoren nur zum Teil und bei der IG Metall überhaupt nicht an. Während Marktteilnehmer und Fondsmanager die Pläne nicht für einen großen Wurf halten, befürchtet die Gewerkschaft den Abbau Tausender Stellen.

"Es geht vor allem um die Standorte München, Erlangen, Nürnberg. Man muss für die Menschen den Anspruch haben: Raus aus der Verwaltung, rein ins Geschäft", sagte IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner. Die Mitarbeiter der Sektorverwaltung, deren Jobs Konzernchef Joe Kaeser streichen wolle, müssten andere Funktionen bekommen.

Der Gewerkschafter schätzt die Zahl der Betroffenen allein in Deutschland auf mehr als 10.000. "Unsere Vereinbarungen mit Siemens müssen Bestand haben: Es darf keine betriebsbedingten Kündigungen geben", so Kerner. Die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern liefen bereits.

"Unsere Analyse deckt sich zu 95 Prozent. Es geht darum, Komplexität abzubauen, schneller am Markt zu sein. Er spricht die richtigen Themen an", räumt Kerner ein, der im Siemens-Aufsichtsrat sitzt. "Es geht jetzt um die Umsetzung. Es kann natürlich nicht sein, dass das jetzt nur in Kosteinsparungen und Stellenstreichungen mündet. Das wäre der verkehrte Weg." Kaeser will mit dem Umbau die Renditelücke zur Konkurrenz schließen.

"Medizintechnik muss bleiben"

Die IG Metall verlangt von Kaeser auch ein Ende der kontinuierlichen Verkäufe von Unternehmensteilen. "Es muss Schluss sein mit den Portfolio-Maßnahmen. Es muss für eine gewisse Zeit ein Signal an die Mitarbeiter geben, dass sie nicht auf der Verkaufsliste stehen. Da brauchen wir Ruhe." Auch Geschäftsfelder, die vor der Sanierung stünden, müssten nach der Gesundung eine Perspektive innerhalb des Konzerns haben.

Eine Trennung von der traditionsreichen Medizintechnik, wie sie Siemens anklingen ließ, lehnt Kerner grundsätzlich ab. "Die Medizintechnik ist für die IG Metall und den Gesamtbetriebsrat ein fester Bestandteil des Unternehmensverbunds. Eine komplette Verselbständigung würden wir nie mittragen, das weiß der Vorstand auch."

"Es geht auch um politisches Gewicht"

Die Ansiedlung der neuen Energietechnikchefin Lisa Davis in den USA sehen die Gewerkschafter skeptisch. "Im Energiesegment legen wir großen Wert darauf, dass nur das Vorstandsbüro in die USA umzieht. Die operative Führung der Divisionen muss mit ihren Zentralen in Deutschland bleiben."

Die Pläne, mehr Hauptquartiere abseits der Heimat zu haben, trägt Kerner nicht mit. "Kaeser hat uns mit seinen Plänen, 30 Prozent der Zentralen im Ausland anzusiedeln, nicht auf seiner Seite. Wenn Siemens hier unter 100.000 Mitarbeiter sinkt, verliert es auch das nötige politische Gewicht." Weltweit beschäftigt Siemens 360.000 Menschen, in Deutschland sind es gut 100.000.

Alstom als Chance

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Im Übernahmepoker um den französischen Industriekonzern Alstom mahnt die IG Metall den Vorstand zur Vernunft. Ein Angebot für die Energietechnik der Franzosen zu prüfen, sei richtig. "So eine Chance ergibt sich vielleicht alle 50 Jahre, aber man sollte sie nicht um jeden Preis ergreifen", sagte Kerner. Es gebe große Ängste sowohl in den Siemens-Sparten Energie- und Zugtechnik als auch bei den Alstom-Beschäftigten in Deutschland. Sollte Siemens im Zuge eines Deals sein Zuggeschäft nach Frankreich abgeben, dürfte dieses dem Zugriff der Deutschen nicht komplett entzogen werden.

Schritt in richtige Richtung?

Auch unter Investoren bleiben Kaesers Pläne umstritten. "Ein großer Wurf ist es sicher nicht", urteilte Fondsmanager Christoph Niesel von Union Investment. "Kaeser hat aber eine solide Strategiepräsentation abgeliefert, die erkennen lässt, wohin die Reise für Siemens in den nächsten Jahren geht". Der Siemens-Chef will das fast 170 Jahre alte Unternehmen, das mit Zügen, Windrädern, Antrieben und Röntgengeräten über eine riesige Produktpalette verfügt, mehr auf Energietechnik und moderne Fabrikausstattung zuschneiden. Die verkündeten Margenziele für die nun nur noch neun statt 16 Divisionen halten die Experten nicht gerade für ambitioniert, auf positive Resonanz stieß aber die Abkehr von der Medizintechnik.

Die Pläne seien ein Schritt in die richtige Richtung, lobte ein weiterer Fondsmanager, der ungenannt bleiben wollte. Er warnte aber vor Euphorie: "Wir haben schon viele Restrukturierungspläne gesehen und Veränderungen auf verschiedenen Organisationsebenen, die nicht nachhaltig Früchte getragen haben."

"Extremst vorausschauend?"

Mit dem Konzernumbau will Siemens die Lücke zu profitableren Rivalen wie GE oder ABB schließen. Die Energietechnik soll mit dem Kauf des Gasturbinengeschäfts des britischen Motorenbauers Rolls-Royce gestärkt und das Geschäft der Digitalisierung von Produktionsprozessen ausgebaut werden. Mit der Auflösung der vier übergeordneten Sektoren sollen Verwaltungsebenen gestrichen und rund eine Milliarde Euro eingespart werden.

Das hochprofitable Medizintechnikgeschäft soll künftig ganz unabhängig geführt werden - vielleicht als Vorstufe für eine Abspaltung. Ein solcher Schritt sei sinnvoll, erklärte Fondsmanager Niesel. Ähnlich wie bei der Lampentochter Osram, die Siemens 2013 an die Börse brachte, stünden in dem Bereich in den nächsten Jahren enorme Investitionen an, um technologisch mit der Konkurrenz mithalten zu können. Eine US-Notierung könnte den Wert des traditionsreichen Segments auf über 30 Milliarden Euro treiben, schätzt er. "Meines Erachtens sollte mit diesem Schritt aber nicht zu lange gewartet werden, da der Markt alle diejenigen bestraft, die zu spät kommen."

Sein Kollege lobt den sich abzeichnenden Verstoß der Medizintechnik aus der Siemens-Familie als "extremst vorausschauend". Siemens ziehe sehr früh seine Schlüsse aus dem anstehenden Paradigmenwechsel in der Gesundheitsversorgung. "Das hatte ich so bei Siemens noch nie gehört. Bisher war alles immer rosarot und dann ist man in die Technologiefalle getappt wie im Solargeschäft." Der Einstieg der koreanischen Samsung  in die Branche könnte die Industrie völlig umkrempeln und Siemens habe dem kaum etwas entgegenzusetzen.

Quelle: n-tv.de

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