Wirtschaft
Siemens will am Fracking-Boom in den USA mitverdienen - und verabschiedet sich dafür weiter von seiner Öko-Strategie.
Siemens will am Fracking-Boom in den USA mitverdienen - und verabschiedet sich dafür weiter von seiner Öko-Strategie.(Foto: picture alliance / dpa)

Entwicklung zum Ölgiganten?: Siemens will am Fracking verdienen

Von Hannes Vogel

Sechs Milliarden Euro will Siemens für die US-Firma Dresser-Rand ausgeben. Mit dem Deal verabschiedet sich der Konzern weiter von seiner Öko-Strategie. Und setzt auf eine höchst umstrittene Technik, die die Umwelt gefährden könnte.

Siemens-Chef Joe Kaeser treibt den radikalen Konzernumbau voran: Rund sechs Milliarden Euro in bar will er für Dresser-Rand ausgeben, eine US-Firma mit 8100 Mitarbeitern. Dresser-Rand passe "perfekt" zu Siemens, sagt Kaeser. Gemeinsam würde ein "Weltklasse-Anbieter für die wachsenden Öl- und Gasmärkte" geschaffen. Der Deal ist nicht nur einer der teuersten Zukäufe der Unternehmensgeschichte. Er ist eine Wende für den Siemens-Konzern.

Das 45-Fache des Gewinns von Dresser-Rand bezahlt Kaeser für die Firma, die im vergangenen Jahr einen Umsatz von gerade etwa drei Milliarden Dollar machte. Mit dem sündhaft teuren Experiment verfolgt der Siemens-Boss ein Ziel: Endlich kräftig am Boom der Öl-und Gasindustrie in den USA mitzuverdienen, an die Dresser-Rand Turbinen und Kompressoren liefert. Dafür entfernt sich Kaeser weiter von der Öko-Strategie seines Vorgängers Peter Löscher, der Siemens einst zum Umwelt-Konzern ausbauen wollte. Und setzt auf eine höchst umstrittene Technik, deren weitreichende Folgen noch nicht geklärt sind.

Goldgräberstimmung am US-Ölmarkt

Den Siemens-Chef lockt in den USA eine echte Goldgrube. Seit einigen Jahren geht dort die Öl-und Gasförderung durch die Decke. Schon 2015 werden die Vereinigten Staaten Saudi-Arabien als größten Ölproduzenten überholen, schätzt die Internationale Energieagentur (IEA). Billiges Öl überflutet das Land, soviel, dass die USA das schwarze Gold inzwischen sogar wieder exportieren.   

Seine Öl-Renaissance verdankt das Land einer umstrittenen Fördermethode, mit der auch bislang kaum zugängliche Vorkommen ausgebeutet werden können: Fracking. Dabei werden tief liegende Felder mit horizontalen Bohrungen angestochen. Dann werden Chemikalien, Sand und Wasser mit hohem Druck in den Boden gepresst. So werden die Gesteinsschichten wie mit einer Zange geknackt, damit sie im Fels gefangenes Öl und Gas freigeben.

Für das Verfahren braucht man Kompressoren, die den hohen Druck erzeugen, mit der die Chemie-Brühe in die Erde gepumpt wird. Die stellt Dresser-Rand her. Die Firma ist einer der größten Equipment-Lieferanten der Öl-Industrie. 60 Prozent aller Raffinerien weltweit arbeiten laut Dresser-Rand mit seinen Turbinen.

Abkehr von der Öko-Strategie

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Mit der Übernahme der Firma investiert Siemens aber nicht nur in einen Wachstumsmarkt, sondern eine höchst umstrittene Technik. Denn die Umweltfolgen von Fracking sind bisher völlig unklar. Die Ölfirmen behaupten, die Technik habe keine Auswirkungen auf Umwelt und Bevölkerung, da die Chemikalien in tiefe Schichten unterhalb des Grundwasserspiegels gepumpt würden. Forscher haben aber Hinweise gesammelt, die darauf hindeuten, dass Fracking das Trinkwasser verseucht. In Deutschland ist die Methode bislang verboten. Auch in Frankreich dürfen Ölfirmen die Technik nicht einsetzen.

Unter Kaesers Vorgänger Peter Löscher hatte Siemens dagegen noch massiv in erneuerbare Energien investiert, übernahm die israelische Solarfirma Solel. Doch die Öko-Strategie floppte, die gesamte Solarsparte wurde dichtgemacht. Probleme mit Windparks kosteten Siemens hunderte Millionen Euro.

Deshalb treibt Kaeser nun mit Dresser-Rand die radikale Wende voran, die er schon im Mai angekündigt hatte. Er will das Unternehmen stärker auf Gewinn trimmen, vor allem das Energiegeschäft. Es ist sein wichtigstes Standbein und größtes Sorgenkind zugleich: Die größte der vier Siemens-Sparten blieb 2013 mit einer Gewinnmarge von etwas mehr als sieben Prozent deutlich hinter den viel profitableren Bereichen Medizintechnik und Industrie zurück.

Aufholjagd gegen den Erzfeind

Den Löwenanteil ihrer Gewinne macht die Energie-Sparte weiter mit fossiler Energiegewinnung, also Kraftwerken und Generatoren. Das Windkraft-Geschäft hinkt weit hinterher. Kaeser setzt mit der Übernahme von DresserRand nun konsequent auf Ölpumpen statt auf Windräder. Die Wende hatte sich schon abgezeichnet: Als eine seiner ersten Amtshandlungen hatte er das Geschäft mit rotierenden Maschinen wie Kompressoren und Turbinen für die Öl- und Gasindustrie mit den fossilen Energietechniken zusammengelegt.

Es war der Startschuss für eine Aufholjagd, die mit der Übernahme von Dresser-Rand nun richtig losgeht. Siemens-Erzfeind General Electric (GE) hat einen großen Vorsprung: Der US-Konzern hat schon viel früher auf den Fracking-Boom gesetzt. Dresser Industries, John Wood, Wellstream, Vetco Gray, Hydril, Lufkin Industries - schon seit Jahren verstärkt GE sein Öl- und Gasgeschäft systematisch mit Zukäufen. Die Sparte macht schon 12 Prozent des Umsatzes aus.

Nun springt auch Siemens auf den Zug auf. Um endlich mitzuverdienen, holte Kaeser eigens die Shell-Managerin Lisa Davis ins Haus und verlegte den Sitz der Energiesparte ins texanische Houston, wo auch Dresser-Rand sein Hauptquartier hat. Noch ist es zwar nicht zu spät. Doch nachhaltig ist der Fracking-Boom kaum: Schon jetzt gehen durch das Überangebot in den USA die Gaspreise in den Keller. Im Jahr 2030 wird die US-Ölproduktion ihren Zenit wieder überschritten haben, schätzt die IEA.

Quelle: n-tv.de

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