Wirtschaft
Mehr Geld hätten viele gern. Besonders ungerecht ist es aber, wenn in ein und derselben Branche die Löhne extrem unterschiedlich sind - für die gleiche Arbeit.
Mehr Geld hätten viele gern. Besonders ungerecht ist es aber, wenn in ein und derselben Branche die Löhne extrem unterschiedlich sind - für die gleiche Arbeit.(Foto: picture alliance / dpa)

Ungleichheit innerhalb von Branchen: Tarifflucht drückt die Löhne am stärksten

Von Nora Schareika

Wer oder was ist schuld daran, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden? Eine heute erscheinende Studie kommt zu einer überraschenden Erklärung für die wachsende Lohnungleichheit bei Beschäftigten in Deutschland.

Deutschland wird immer ungerechter, das soziale Klima rauher und der Zusammenhalt der Gesellschaft instabiler. Was viele Menschen subjektiv empfinden, ist auch empirisch schon lange bestätigt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) etwa hat gezeigt, dass in den 1980er-Jahren die reichsten zehn Prozent noch fünfmal so viel verdienten wie die ärmsten zehn Prozent. Heute ist es schon siebenmal so viel.

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Doch warum verdienen die Beschäftigten immer unterschiedlicher? Einige mögliche Gründe benennt eine heute erscheinende Studie.

Die Bertelsmann-Stiftung hat in Zusammenarbeit mit dem Münchner Ifo-Institut untersucht, warum seit Anfang der 1990er Jahre die 20 Prozent derer mit den höheren Einkommen in Deutschland sich über steigende Löhne freuen können, die 20 Prozent am unteren Ende gleichzeitig immer weniger verdienen. Die Besserverdiener hatten zum Ende des Untersuchungszeitraums 2010 um 2,5 höhere Reallöhne als 1992. Bei den Niedrigverdienern waren es 2 Prozent weniger. Die Zahlen sind an Vollzeiteinkommen orientiert.

Ungerechtigkeiten innerhalb von Branchen

Den Hauptgrund für die Lohnkluft sehen die Autoren der Studie in der Aufweichung der Tarifverträge in deutschen Unternehmen. Im Untersuchungszeitraum ist der Anteil der Betriebe mit Tarifbindung von 60 auf 35 Prozent gesunken. Vor vormals 82 Prozent der Beschäftigten wurden 2010 nur noch 62 Prozent der Beschäftigten nach Tarifvertrag entlohnt.

Das führt zu den gravierenden Unterschieden in der Entlohnung - und zwar sogar innerhalb von Branchen. Seit 1996 ist die Lohnungleichheit dann sogar noch schneller gewachsen. Der Studie zufolge übertrifft die Dynamik in Deutschland inzwischen die der USA und Großbritanniens. Persönliche Merkmale wie Alter, Bildung, Geschlecht und die Herkunft aus Ost- oder Westdeutschland können ungleiche Löhne nur in 20 Prozent der Fälle erklären. Rund 80 Prozent der Ungleichheiten treten aber innerhalb von Gruppen von Beschäftigten mit gleicher Qualifikation auf. Insgesamt kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass in 43 Prozent der Fälle die seltener gewordene Tarifbindung der Grund für ungleichen Lohn ist.

Globalisierung erklärt nicht alles

Ein populärer Erklärungsansatz sei bisher gewesen, heißt es in der Studie, dass der verstärkte internationale Handel zu mehr wirtschaftlicher Integration weltweit sowie erhöhtem Wettbewerbsdruck geführt habe. Ergebnis sei zu höhere Lohnungleichheit auch in Deutschland. Dem widerspricht die Studie. Der internationale Handel sei mit 15 Prozent zwar auch ein Faktor, der Lohnungleichheit befördere, jedoch ein deutlich geringerer als gemeinhin angenommen. Protektionistische Maßnahmen könnten nichts an der Entwicklung ändern.

Die gestiegene Flexibilität von Arbeitgebern, die sich aus den guten alten Tarifverträgen verabschiedet haben, hat zwar auch zur Schaffung neuer Jobs geführt. Doch die waren zumeist im Niedriglohnsektor angesiedelt. Der Anteil der Beschäftigten in gering bezahlten Arbeitsverhältnissen ist laut Bertelsmann allein zwischen 2006 und 2010 von 18,7 auf 20,6 Prozent gestiegen.

Die Autoren fordern, es müsse eine neue Balance zwischen Beschäftigung und Verteilung gefunden werden. Auch nach Einführung des Mindestlohns bestehe hier weiter Handlungsbedarf. "Vor allem Langzeitarbeitslosigkeit, mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten aus atypischer Beschäftigung und Altersarmut bleiben andernfalls Treiber von wachsender sozialer Ungleichheit", sagte Bertelsmanns Vorstandsvorsitzender Aart De Geus.

Quelle: n-tv.de

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