Wirtschaft
1,5 Billionen Euro bunkern US-Großkonzerne in Steueroasen, soviel wie Kanadas Jahreswirtschaftsleistung.
1,5 Billionen Euro bunkern US-Großkonzerne in Steueroasen, soviel wie Kanadas Jahreswirtschaftsleistung.(Foto: picture alliance / dpa)

Steuertricks der Großkonzerne: US-Firmen bunkern Billionen in Steueroasen

Von Hannes Vogel

Die 50 größten US-Unternehmen verschieben jährlich mehr als 1,5 Billionen Dollar in Steueroasen - ganz legal. Und Konzernen wie Netflix, Facebook und General Electric schenkt der Fiskus sogar noch Geld.

US-Unternehmen schleusen laut einer Studie der Entwicklungsorganisation Oxfam jedes Jahr gigantische Summen am Fiskus vorbei. Die 50 größten US-Konzerne haben demnach 2015 mithilfe von Tochterfirmen rund 1,6 Billionen Dollar (1,5 Billionen Euro) in Steueroasen verschoben - soviel wie Kanadas jährliche Wirtschaftsleistung.

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Statt des vorgesehenen US-Steuersatzes von 35 Prozent hätten die untersuchten Firmen dank verschiedener Schlupflöcher im Schnitt nur 25,9 Prozent auf ihre Profite gezahlt. Das Problem betreffe nicht nur die USA, sagt Oxfam-Steuerexperte Tobias Hauschild. "Bei internationalen Konzernen ist Steuervermeidung mittlerweile Volkssport."

Die Steuertricks sind völlig legal: Gesetzeslücken ermöglichten es den Konzernen, sich um ihren fairen Beitrag zum Gemeinwohl zu drücken, kritisiert Oxfam. Die Organisation fordert, Unternehmen weltweit zu mehr Steuertransparenz zu verpflichten und mit Sanktionen gegen Steueroasen den "ruinösen Wettlauf um Niedrigsteuergesetze" aufzuhalten.

Viele US-Firmen zahlen keine Steuern

Für die Studie hat Oxfam gemeinsam mit dem Institute on Taxation and Economic Policy (ITEP) öffentliche Finanzberichte der 50 größten US-Firmen ausgewertet. Die Denkfabrik hatte in einer eigenen Untersuchung schon im März die Steuertricks der 500 größten US-Konzerne zwischen 2008 und 2015 beleuchtet und sich dabei auf deren Pflichtmitteilungen gestützt.

Laut dieser umfassenderen Studie ist die Steuerflucht von US-Großkonzernen sogar noch extremer: Im Schnitt mussten die Firmen im Fortune-500-Index seit der Finanzkrise 2008 effektiv nur rund 21 Prozent ihrer Gewinne abführen statt 35 Prozent wie gesetzlich vorgesehen.

3,8 Billionen Dollar Profit machten die Großkonzerne. Wären die Gewinne wie vorgesehen versteuert worden, hätten die Firmen also rund 1,3 Billionen Dollar ans Finanzamt abführen müssen. Stattdessen zahlten sie nur rund 60 Prozent der Summe, die sie eigentlich schuldeten. Denn vielen gelang es, mit legalen Tricks ihre Steuerlast zu senken.

Netflix bekommt noch Geld geschenkt

Rund 40 Prozent der größten US-Firmen zahlten in mindestens einem der acht untersuchten Jahre keinerlei Steuern oder bekamen vom Fiskus sogar noch Geld geschenkt, darunter die US-Banken JP Morgan, Goldman Sachs und Wells Fargo, der Pharmakonzern Merck, der Telekomkonzern AT&T, der Ölgigant Exxon oder der Chemieriese Dupont. 18 Firmen hatten sogar in allen acht Jahren negative Steuersätze und wurden durch den Fiskus also nicht ärmer, sondern noch reicher.

General Electric zum Beispiel machte zwischen 2008 und 2015 insgesamt rund 40 Milliarden Dollar Gewinn - und bekam trotzdem noch rund 1,4 Milliarden Dollar vom Finanzamt geschenkt. Auch Facebook verbuchte in drei Jahren Profite von über einer Milliarde Dollar, bekam gleichzeitig vom Fiskus aber noch rund 430 Millionen Dollar überwiesen.

Netflix verdiente in zwei Jahren 255 Millionen Dollar, bekam aber noch 37 Millionen ausgezahlt. Und die texanische Raffinerie HollyFrontier schaffte sogar das Kunststück, ihren Vorsteuergewinn von 12 Millionen auf 36 Millionen zu verdreifachen - allein dank des Finanzamts.

Kaffeerösten als "heimische Produktion"

Um sich arm zu rechnen nutzen die Firmen im Wesentlichen drei legale Steuertricks. Der erste ist, Gewinne aus Hochsteuerländern wie den USA auf dem Papier in Steueroasen wie die Cayman Islands zu verschieben. Die Konzerne übertragen ihr geistiges Eigentum an Briefkastenfirmen in den Steueroasen und zahlen ihnen für die Nutzung ihrer Patente, Markennamen und Erfindungen gigantische Lizenzgebühren. Diese Kosten können sie dann in den USA von der Steuer absetzen - und auf den Cayman Islands fallen spiegelbildlich riesige Gewinne an.   

Zweitens nutzen viele der größten Steuersünder Sonderabschreibungen: Sie dürfen milliardenschwere Investments etwa in Maschinen viel schneller von der Steuer absetzen, als sie sich wirklich abnutzen. Vor allem Energiefirmen nutzen den Trick. Unter US-Präsident George W. Bush wurden diese Steuervergünstigungen massiv ausgebaut, um die Wirtschaft nach der Finanzkrise wieder anzukurbeln. Erst Ende 2019 sollen sie auslaufen.

Und drittens rechnen sich viele Konzerne auf dem Papier arm, indem sie ihre Top-Manager mit Optionen überschütten, mit denen sie Aktien ihrer Firma zum Vorzugspreis kaufen dürfen. Denn die Abschläge, die die Unternehmen ihrer Chefetage gewähren, dürfen sie als Verluste von der Steuer absetzen. Am exzessivsten nutzt Facebook diese Lücke: Die Firma hat ihre Steuerlast mit dem Trick über acht Jahre um rund 5,8 Milliarden Euro gesenkt.

Hinzu kommt noch eine Reihe von branchenspezifischen Steuervergünstigungen. Sie sind Meisterstücke der Lobbyisten: Sie haben es beispielsweise geschafft, die Definition von "heimischer Fertigung" so weit zu dehnen, dass inzwischen auch das Rösten von Kaffee, der Bau von Eisenbahnen, das Bohren nach Öl und Gas, Filmdrehs und die Biodieselproduktion steuerlich begünstigt werden. Selbst das kalifornische Startup OpenTable, das nur Online-Reservierungen von Restaurants "herstellt", hat es geschafft, die Lücke für sich in Anspruch zu nehmen.

Quelle: n-tv.de

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