Wirtschaft
Präsidentin Cristina Kirchner und ihr wahrscheinlicher Nachfolger Daniel Scioli.
Präsidentin Cristina Kirchner und ihr wahrscheinlicher Nachfolger Daniel Scioli.(Foto: REUTERS)

Angst vor dem Absturz: Warum Argentinien seine Inflation ignoriert

Von Roland Peters, Buenos Aires

Im Zentrum von Buenos Aires floriert ein riesiger Schwarzmarkt und die Regierung schaut zu. Noch kann sich Argentinien den kräftigen Wertverlust seiner Währung leisten. Aber nicht mehr lange.

Für die großen Scheine gibt es bei den Peruanern mehr Geld. Für 50-Euro-Noten oder größer geben die Wechsler in der Calle Florída 17 Peso je Euro, für kleinere nur 16,50. "Die großen sind bei unseren Abnehmern beliebter." Höhere Nachfrage, höherer Preis. Im peruanischen Restaurant im Zentrum von Buenos Aires dudelt Latino-Musik, auf dem Tisch liegen Stapel von Banknoten, gewechselt nach Wert des "Dolar Blue", des Schwarzmarktkurses. Ob sie echt sind oder nicht, das ist auch ein bisschen Glückssache. "Wir handeln nur mit echten Scheinen", beteuern die Wechsler. Sie wollen niemanden verprellen, sind gekommen, um in Argentinien Geschäfte zu machen. Der Nationalstolz fehlt nicht: "Wir sind geschickter und schneller als die Venezolaner oder Kolumbianer. Wir sind die Besten."

Für ein Trinkgeld an den Restaurantbesitzer dürfen sich die Peruaner mit ihren Kunden in ein Hinterzimmer zurückziehen. Natürlich müssen sie sich auch vor legalen Eingriffen schützen. "Wir zahlen monatlich 400 Dollar an einen höherrangigen Polizisten, damit seine Leute uns in Ruhe lassen", sagt einer der Männer. "Jeden Monat kommt er vorbei und kassiert das Geld von jedem Einzelnen." So können die Wechsler nicht nur Touristen mit billigen Pesos versorgen, sondern auch Argentinier mit einer steuerfreien Sparanlage. "Viele Leute hier wollen ihren Verdienst nicht deklarieren. Denn die Finanzbehörde kommt und nimmt die Hälfte deines Geldes weg." Mit anderen Worten: In der Fußgängerzone wird Geld gewaschen.

Zweistellige Inflationsrate, Schweigen der Regierung

Günstig? Die argentinische Regierung...
Günstig? Die argentinische Regierung...(Foto: Roland Peters)

Seit Jahren verzeichnen die Ökonomen in Argentinien hohe Inflationsraten. Die Regierung von Präsidentin Cristina Kirchner bestimmt den Kurs des Peso über die Zentralbank, auch wenn die offiziell unabhängig agiert. Die Tauschrate entspricht schon lange nicht mehr der Lebensrealität. Am Bankautomaten bekommt man für einen Euro rund 10 Peso, für einen Dollar etwas weniger. Die Entwertung des Geldes hat Ausmaße angenommen, die nur noch über Schätzungen die Öffentlichkeit erreichen. Etwa 40 Prozent sollen die Preise im vergangenen Jahr gestiegen sein, für 2015 erwartet der Internationale Währungsfonds 25 Prozent. Argentinien hat ein Haushaltsdefizit von etwa 8 Prozent und gleicht es offenbar mit der Notenpresse aus. Die bislang letzte offizielle Angabe zu Inflation gab es für das Jahr 2013; sie wies einen Preisauftrieb von rund 30 Prozent aus.

Angst vor einer neuen Hyperinflation

Dass sich die Regierung seither bedeckt hält, ist wohl der Angst vor einer neuen Hyperinflation geschuldet – und vor allem dem Verlust der Macht, die bei der Präsidentschaftswahl am 25. Oktober droht. Die Devise heißt also: Stabilität um jeden Preis, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, der Regierung entgleite die Kontrolle über die wirtschaftliche Entwicklung. Mit den Folgen wird der neue Staatschef zu kämpfen haben. Daniel Scioli, der Kandidat Kirchners und zugleich der aussichtsreichste auf den Präsidentenposten, kann sich auf ungemütliche Zeiten einstellen.

Eine Währung lebt vom Vertrauen ihrer Nutzer und das haben die Argentinier kaum. Zu präsent ist la crisis kurz nach der Jahrtausendwende, als eine massive Geldentwertung das Land in den Bankrott trieb. Also versucht die Bevölkerung, abseits ihres Alltags die Peso-Scheine loszuwerden. Gespart wird in Dollar oder Euro, die werden als sichere Anlage gesehen. Niemand außer den US-Amerikanern hortet so viel Bargeld in US-Dollar wie argentinische Haushalte: Einer Hochrechnung von Bloomberg zufolge waren es vor zwei Jahren bereits 50 Milliarden in Scheinen.

... subventioniert Produkte im Supermarkt.
... subventioniert Produkte im Supermarkt.(Foto: Roland Peters)

Aber nicht nur privat gibt es Bargelddepots, auch der Staat hat Devisenreserven. Wegen des fehlenden Zugangs zum internationalen Geldmarkt sind sie zwar geschrumpft. Trotzdem sollen noch etwa 30 Milliarden US-Dollar zur Verfügung stehen. Argentinien braucht das ausländische Geld, um Schulden zu bedienen. Wegen der unsicheren Bedingungen sind auch die ausländischen Investitionen seit Jahren rückläufig. Schwach ist die Wirtschaft indessen nicht. Sogar der Fraktionschef der oppositionellen Liberalen sagt: "Die wirtschaftliche Situation ist nicht sehr schlecht." Er ist sich auch mit der deutsch-argentinischen Handelskammer einig: Unternehmen seien zu Investitionen bereit, wenn die Rahmenbedingungen wieder stabiler würden. Rund 200 deutsche Firmen sind in Argentinien tätig und für 20.000 Jobs verantwortlich. Darunter sind deutsche Autobauer wie Volkswagen mit einem riesigen Werk in Cordoba, aber auch BASF, Bayer oder Wintershall. Die Niederlassungen haben den Vorteil gegenüber nationalen Firmen, dass sie Mutterkonzerne haben, die ihnen mit Geld helfen können.

Im Teufelskreis

Dass die Armut bei den derzeitigen Bedingungen nicht um sich greift, dafür sorgt die Regierung. Die katholische Universität von Argentinien beziffert die Armutsrate auf 29 Prozent im Jahr 2014, nach einem Tiefpunkt von 25 Prozent 2011. Rund die Hälfte der Bevölkerung erhält Geld vom Staat, entweder über Gehälter oder Sozialleistungen. Verschiedene oppositionelle Ökonomen sagen, die Regierung müsse ihre Ausgaben kürzen, um den Teufelskreis von Ausgaben, Inflation und Geldmengenerhöhung zu durchbrechen.

"Wir haben zwei Hauptprobleme: Das Haushaltsdefizit und die hohe Steuerlast", meint etwa der ehemalige argentinische Wirtschaftsminister Ricardo López Murphy. Ihn fegten während der Krise 2001 eben solche Maßnahmen nach nur zwei Wochen aus dem Amt. Arbeiter bilden in Argentinien die größte Wählergruppe, es sind über 30 Prozent. Eine linksorientierte Regierungskoalition kann sich in der Zeit vor der Präsidentschaftswahl nicht leisten, dieses Stimmenreservoir zu verkleinern.

Um die eigene Währung zu stärken, hat die Regierung Cristina Kirchners mehrere Schrauben angezogen. Der Einkauf von Dollar für Privatpersonen ist untersagt, Exporte sind besteuert und wie Geldtransfers ins Ausland begrenzt, was vor allem für die Industrie ein Problem ist. Eigentlich sollen die Ausfuhrbegrenzungen Produkte im Inland halten und die Preise niedrig. Doch die Privatwirtschaft verringert ihre Produktionsmengen, weil lukrative Absatzmärkte fehlen. Also steigen die Preise, was die Gewerkschaften mit entsprechenden Tarifabschlüssen kontern, und die Regierung mit "precios cuidados", mit subventionierten Preisen in privaten Supermärkten. Die nationale Wirtschaft erhält also weniger ausländisches Geld für ihre Waren, als sie könnte. Auf die Einnahmen aus dem Verkauf zu Weltmarktpreisen ist sie aber angewiesen, weil sie Vorprodukte importieren muss. Zusätzlich sind Einfuhrlizenzen nötig, und die werden nicht immer erteilt.

Fantasiegebäude vor dem Einsturz

Weil einheimische Unternehmen schlecht mit Geldcontainern in der Fußgängerzone der Calle Florída anrücken können, wo vor allem Privatleute ihre Geschäfte anleiern und in "cuevas", in Wechselhöhlen abwickeln, holen sie sich die nötigsten Dollar woanders. Die Firmen erwerben mit Peso US-amerikanische Wertpapiere, die sie in den Vereinigten Staaten wieder abstoßen. Dafür erhalten sie dann die begehrten Devisen.

Der nächste Präsident in der Casa Rosada wird die höchst unpopuläre Aufgabe haben, das Fantasiegebilde Cristina Kirchners zu zerstören. Auch für Daniel Scioli, der die Vorwahlen gewann und auch die Umfragen anführt, wäre es ein Balanceakt. Zwar spricht auch er davon, nach der Wahl mit den Zahlen "ehrlicher" umgehen zu wollen. Doch links von ihm werden die ideologischen Kirchner-Anhänger jeden Schritt in die Mitte, wie den Abbau von Handelsbeschränkungen und schrittweiser Freigabe des Wechselkurses, mit Getöse begleiten. Von rechts wird derweil die Opposition tönen und einen schnelleren Wechsel zum freien Handel fordern - womöglich auch unter Verweis auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit und das geplante Handelsabkommen des Wirtschaftsbündnisses Mercosur mit der EU.

Kirchner hatte sich in den vergangenen Jahren vor allem Russland und China zugewandt, zugleich gab es immer wieder schnippische Töne gegenüber den USA und der EU. Aus Peking flossen Finanzhilfen in Milliardenhöhe, die wohl bald aufgebraucht sind. Spätestens im ersten Quartal 2016 muss etwas passieren, damit Argentinien sich wieder aus dem Inflationsstrudel herausziehen kann. Der Zugang zum internationalen Geldmarkt ist ein möglicher Schlüssel - damit Argentinien kein Geld drucken oder es sich zu horrenden Zinsen bei anderen Staaten leihen muss. Dafür müsste aber der Streit mit US-Fonds beigelegt werden, die auf die Rückzahlung der Schulden aus la crisis pochen.

Quelle: n-tv.de

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