Wirtschaft
Griechenland wird auch nach der Wahl wahrscheinlich nicht aus dem Euro gedrängt werden.
Griechenland wird auch nach der Wahl wahrscheinlich nicht aus dem Euro gedrängt werden.(Foto: picture alliance / dpa)

Was passiert nach der Griechen-Wahl?: Warum Athen den Euro behalten wird

Von Hannes Vogel

Die Börsen zittern: Angela Merkel droht den Griechen mit dem Rausschmiss aus der Eurozone. Athen droht mit dem Schuldenschnitt. Doch das ist bloß Säbelrasseln im Schuldenkrieg an der Akropolis.

Fast fünf Jahre dauert das Ringen nun schon. Seit Europäische Union und Internationaler Währungsfonds (IWF) im Mai 2010 die ersten Hilfsmilliarden nach Griechenland überwiesen, drückt sich Griechenlands Regierung vor dem Sparen, die EU-Beamten drehen regelmäßig den Geldhahn zu. Doch nun sieht es so aus, als könnte es Ernst werden.

Die Börsen zittern: In knapp drei Wochen könnte bei den Wahlen in Athen ein Mann ans Ruder kommen, der die Mechanik der Schuldenkrise durchbrechen will: Alexis Tsipras. Der Chef der radikalen Linkspartei Syriza will den Sparkurs beenden und Athens Schulden nicht mehr bedienen. Angela Merkel und ihr Finanzminister drohen Griechenland deshalb mit dem Rauswurf aus dem Euro. Erstmals scheint der "Grexit", der Austritt der Griechen aus der Währungsunion, eine realistische Option. Doch beide Seiten bluffen. Ein Euro-Aus für Athen ist das unwahrscheinlichste Szenario.

1. Athen knickt ein

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Am liebsten wäre es Angela Merkel, wenn es gar nicht erst zum Showdown im Schuldenkrieg kommt, weil Griechenlands konservativer Premier Antonis Samaras die Wahlen gewinnt. Dann müsste sie allenfalls kosmetische Zugeständnisse machen, aber im Prinzip ginge alles weiter wie bisher: Athen spart brav und zahlt seine Schulden.

Doch das ist unwahrscheinlich: Linken-Chef Tsipras liegt in allen Umfragen vorn. Auch er könnte theoretisch nach einem Wahlsieg die Sparpolitik fortführen. Dieser Verrat an seinen Wählern wäre aber wohl sein politisches Ende.

2. Athen zieht den "Grexit" durch

Gewinnt Tsipras die Wahl, liegt der Ball bei ihm. Zum Austritt aus dem Euro zwingen kann die Griechen niemand. Sie müssten sich dafür entscheiden. Tsipras weiß das: Einseitige Maßnahmen wird es nicht geben, hat er bedeutungsschwanger gesagt. Nur wenn die Verhandlungen mit Brüssel platzen, könnte es zum Ernstfall kommen: Tsipras zieht seine Drohung durch und zahlt Athens Schulden einfach nicht zurück.

Von den Euro-Staaten kriegt Griechenland dann kein neues Geld mehr. Lassen die Euro-Retter den Pleitestaat fallen, kann er sich auf den Finanzmärkten wegen der astronomischen Zinsen auch keines mehr leihen. Bleibt nur noch eine Lösung: Griechenland muss selbst Geld drucken, also aus dem Euro austreten.

Die Gewinner des "Grexit" wären Griechenlands Firmen. Die neue Drachme würde dramatisch abwerten, die Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig: Solarstrom, Wein und Feta-Käse könnten konkurrenzlos billig exportiert werden, griechische Ferienhäuser und Grundstücke wären zu Spottpreisen zu haben. Die Rechnung bezahlen die Griechen. Importierte Waren wie Erdöl, Gas, Autos, Lebensmittel wären plötzlich dreimal so teuer.

Galoppierende Inflation wäre die Folge. Und ein Sturm auf die Banken, wenn die Griechen versuchen, ihre Ersparnisse abzuheben, bevor sie in wertlose Drachmen umgetauscht werden. Die Regierung würde Geldkontrollen einführen, die Griechen versuchen, ihr Bares in Form von Dollar, Euro oder Gold unter der Matratze zu verstecken.

Neue Jobs würden entstehen, aber weite Teile der Bevölkerung könnten noch mehr verarmen. Ob das Euro-Aus ein Erfolg wäre, liegt im Auge des Betrachters. In jedem Fall wäre der Grexit ein unkalkulierbares Abenteuer. Nicht nur für Athen, sondern für Europa: Einen Finanz-Flächenbrand würde es nicht geben, aber womöglich eine politische Kettenreaktion, die die Währungsunion langsam zerbröseln lässt. Denn wenn der Damm in Athen bricht, könnten auch die Spar-Gegner in Rom, Lissabon oder Madrid Gefallen an einem Euro-Austritt finden.

Die Gefahren bei einem Euro-Aus sind für Griechenland höher als für den Rest der Währungsunion. Deshalb wird Tsipras' Rechnung nicht aufgehen. Die Schulden nicht zurückzahlen, aber den Euro behalten, das werden ihm die Euro-Retter nicht durchgehen lassen. Zudem arbeitet die Zeit gegen ihn. Ohne weitere Hilfen aus Brüssel geht Athen im Februar das Geld aus.

3. Schuldenschnitt in Slow-Motion

In Athen und Brüssel wird sich deshalb wahrscheinlich die Einsicht durchsetzen, dass Griechenland seine Schulden nicht zurückzahlen kann, egal ob mit oder ohne Euro. Wem wäre geholfen, wenn sich das Pleiteland mit dem Euro-Austritt auch noch in den Abgrund stürzt und die Währungsunion mitreißt? Solange Griechenland im Euro bleibt, können seine Gläubiger Einfluss auf die Reform-Gegner nehmen. Tritt Athen aus, fällt der letzte Hebel weg: das gemeinsame Geld.

Und auch eine andere Wahrheit wird den Euro-Rettern dämmern: Sie müssen für Griechenland haften, egal ob mit oder ohne Euro. Griechenland ziehen zu lassen, macht kaum Sinn: Deutschland und die anderen Euro-Staaten müssten auch dann bezahlen, wenn das Land nach dem Grexit zusammenbricht. Wer sonst sollte Athen retten? Und wer wollte einen gescheiterten Staat am Rande Europas riskieren?

Am wahrscheinlichsten ist daher ein Kompromiss, den sowohl Tsipras als auch Merkel gesichtswahrend als Erfolg verkaufen können. Die Zinsen auf die Kredite werden noch weiter gesenkt, die Laufzeiten verlängert, die Tilgung ausgesetzt, ein Teil der Schulden gestrichen. Der Schuldenschnitt in Zeitlupe läuft längst. Deutschland und die anderen Euro-Retter werden einen Teil ihres Geldes nicht wiedersehen. Aber der Zahlungsausfall wird über viele Jahre gestreckt.

Angela Merkel kann ihre gescheiterte Rettungspolitik als Sieg verkaufen: Seht her, ich habe das größere Übel verhindert. Wir müssen zahlen, aber weniger, als wenn Griechenland alle Schulden gestrichen und den Euro verlassen hätte. Der Aufschrei der Öffentlichkeit wird kleiner sein. Und statt auf einen Schlag können Deutschlands Steuerzahler die Abschreibungen für das Griechen-Desaster gemächlich über viele Jahre verdauen.

Quelle: n-tv.de

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