Wirtschaft
Die Flüchtlingskrise bringt große Errungenschaften ins Wanken: Droht dem Schengenraum das Ende?
Die Flüchtlingskrise bringt große Errungenschaften ins Wanken: Droht dem Schengenraum das Ende?(Foto: picture alliance / dpa)

Außengrenzen "dicht machen"?: Warum Europa Grenzkontrollen fürchtet

Die Aussicht auf dauerhaft geschlossene Grenzen löst bei Wirtschaftsverbänden und Verkehrspolitikern ernste Sorgen aus. Im Fall einer Rückkehr zu einem national abgeschotteten Europa rechnen Experten mit massiven Konsequenzen. Ein Überblick.

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Auf Bundeskanzlerin Angela Merkel wächst der Druck, angesichts des anhaltenden Flüchtlingszustroms auch die deutschen Grenzkontrollen zu verschärfen. Slowenien und Österreich wollen sogar Grenzschließungen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und die Wirtschaft warnen vor den Folgen der Wiedereinführung von Grenzkontrollen im Schengen-Raum. Sie rechnen mit folgenden Kosten:

Erste Schätzungen aus der Wirtschaft

Der Außenhandelsverband BGA rechnet mit Milliardenschäden, sollte es zu permanenten Grenzkontrollen in Europa kommen. Allein die internationalen Straßentransporte könnten sich um rund drei Milliarden Euro im Jahr verteuern. Der DIHK hält es für möglich, dass sich durch Staus, Wartezeiten, Bürokratie und Umstellungen bei der Lagerhaltung schnell Zusatzlasten für die Wirtschaft von zehn Milliarden Euro im Jahr ergeben könnte.

Einer der stärksten und stabilsten Wirtschaftsräume der Erde - auch dank des freien Grenzverkehrs: Das Gebiet der Schengenstaaten (hier in Rot) umfasst fast ganz Europa.
Einer der stärksten und stabilsten Wirtschaftsräume der Erde - auch dank des freien Grenzverkehrs: Das Gebiet der Schengenstaaten (hier in Rot) umfasst fast ganz Europa.(Foto: n-tv.de / stepmap.de)

Betroffen wäre vor allem der Landverkehr von Waren zwischen Deutschland und seinen Partnerländern in Europa, also über die Straße. Hierauf entfallen nach Zahlen aus der Wirtschaft rund 80 Prozent des Handelsvolumens von Deutschland mit anderen EU-Ländern, das 2014 bei 1,2 Billionen Euro lag.

Folgen für das Transportwesen

Eine Studie der EU-Kommission beziffert die Anzahl grenzüberschreitender Straßentransporte innerhalb der EU auf rund 57 Millionen pro Jahr. Die Brüsseler Experten gehen davon aus, dass zusätzliche Kosten von drei Milliarden Euro entstehen würden, wenn bei diesen Fahrten jeweils eine Stunde an zusätzlicher Wartezeit in Kauf genommen werde müsste.

Die deutsch-österreichische Grenze passieren demnach pro Jahr rund 740.000 Lkw mit über zwölf Tonnen. Bei einer zusätzlichen Wartezeit von ein bis zwei Stunden kämen auf die Spediteure Kosten von 18,5 Millionen Euro pro Jahr zu.

Die Brüsseler Behörde weist zudem auf die zusätzlichen Belastungen für Unternehmen hin, weil sie zu höheren Lagerbeständen gezwungen seien oder auf nationale Zulieferer umstellen müssten, um Verzögerungen infolge der Grenzkontrollen zu vermeiden.

Konsequenzen für Pendler

Die EU-Kommission beruft sich auf eine Studie des dänischen Forschungsinstituts Cepos, wonach die Öresund-Brücke zwischen Dänemark und Schweden täglich von 100.000 Pendlern genutzt wird. Demnach verlängert sich die Fahrzeit wegen der Passkontrollen um 20 Minuten, wodurch allein an dieser Brücke ein volkswirtschaftlicher Schaden von 300 Millionen Euro pro Jahr entsteht.

Die Kosten durch Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Dänemark beziffern die Cepos-Analysten auf 90 Millionen Euro pro Jahr. Die EU-Kommission weist zudem auf eine Erhebung des Forschungsinstituts Bruegel hin, wonach der Anteil der Pendler an der Gesamtbevölkerung in der Slowakei mit 5,7 Prozent, in Estland mit 3,5 Prozent und in Ungarn mit 2,4 Prozent besonders hoch sei. Die slowakische und ungarische Regierung gelten als scharfe Kritiker der Flüchtlingspolitik von EU-Kommission und deutscher Bundesregierung.

Gift für die Konjunktur

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bezeichnet Grenzschließungen als Gift für die Konjunktur. Die Debatte um eine Abkehr vom Schengener Abkommen zum freien Grenzverkehr erhöhe die Unsicherheit noch, die angesichts der Turbulenzen an den Öl- und Finanzmärkten ohnehin schon sehr groß sei. Das wiederum könnte die Investitionen deutscher Unternehmen bremsen, die wegen der ungewissen Aussichten auf wichtigen Absatzmärkten wie China ohnehin vorsichtig planten.

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Quelle: n-tv.de

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