Wirtschaft
Nach einem Tiefpunkt Mitte Januar steigen die Spritpreis wieder.
Nach einem Tiefpunkt Mitte Januar steigen die Spritpreis wieder.(Foto: dpa)

"Spread" auf dem Rohstoffmarkt: Warum Öl billiger, aber Tanken teurer wird

Das Rohöl der Sorte WTI ist derzeit so günstig wie seit sechs Jahren nicht mehr. Die Spritpreise in Deutschland ziehen jedoch seit Mitte Januar wieder spürbar an. Rohstoff-Analyst Frank Schallenberger erklärt die Gründe für das Phänomen.

n-tv.de: Mitte Januar sind deutsche Autofahrer an die Tankstelle gefahren und haben sich über einen Dieselpreis von etwa 99 Cent gefreut. Mittlerweile sind die Preise jedoch wieder gestiegen, der Literpreis für Diesel liegt bei etwa 1,20 Euro. Was ist der Grund dafür?

Frank Schallenberger: Beim Ölpreis kam es nach dem langen Abwärtstrend zu einer Gegenbewegung. Der Preis für das für europäische Verbraucher maßgebende Rohöl der Sorte Brent ist in der Spitze immerhin rund 30 Prozent nach oben gegangen. Ein weiterer Grund für die höheren Spritpreise ist außerdem die derzeitige Euro-Schwäche. Wenn der Euro gegenüber dem Dollar wie zuletzt zehn Prozent an Wert verliert, dann wird das Öl - gerechnet in Euro - nochmal teurer.

Allerdings hat sich seit Mitte Januar nur das Öl der Nordsee-Sorte Brent wieder spürbar verteuert, um ungefähr acht Dollar pro Barrel. Der Preis für US-Leichtöl der Sorte WTI hingegen ist mittlerweile wieder tiefer. Es gibt also eine Schere in der Ölpreisentwicklung, zwischen beiden Sorten liegt ein sogenannter Spread - eine Differenz - von etwa 10 Dollar pro Barrel. Wieso können die Verbraucher in Europa nicht von dem billigeren Öl-Angebot in den USA profitieren?

Es gibt bei beiden Sorten nur eine begrenzte Möglichkeit, Arbitrage zu machen, also den Preisunterschied auszunutzen, indem man US-Öl für den europäischen Markt kauft. Denn das Problem mit der US-Sorte ist: Der Lieferort für WTI ist das Örtchen Cushing in Oklahoma, der weitab von jedem Hafen liegt. Der Transport von dort aus ist schlicht sehr teuer. Das ist auch der Grund dafür, dass der derzeitige Spread zwischen den Ölsorten nicht ausgeglichen wird. Und in Cushing steigen zudem derzeit die Lagerbestände sehr stark an, was das WTI günstig hält.

Dr. Frank Schallenberger ist Leiter der Rohstoffanalyse bei der LBBW.
Dr. Frank Schallenberger ist Leiter der Rohstoffanalyse bei der LBBW.(Foto: Frank Eppler)

Aber diese unterschiedliche Preisentwicklung zwischen den Sorten ist schon ungewöhnlich – meist entwickeln sich WTI und Brent ja doch parallel!?

Wir hatten in den vergangenen Jahren durchaus schon größere Spreads zwischen 20 bis 25 Dollar und Ende 2011 sogar fast 30 Dollar. Das kann kurzfristig immer wieder mal passieren. Tendenziell sollten sie aber parallel laufen. Wenn jedoch, wie derzeit, das Problem auftaucht, dass die Nachfrage in den USA geringer ist als das Angebot und die Öllager in Cushing voll sind, entsteht ein derartiger Spread.

Wie ist die weitere Entwicklung? Wird sich der Preisunterschied zwischen den Ölsorten demnächst wieder verringern - oder weiter anwachsen?

Der Spread wird sich von alleine wieder reduzieren, da im Frühjahr in den USA wieder mehr verbraucht wird, wenn dort die "Driving Season" beginnt. Dadurch dürften sich die vollen Lager demnächst abbauen. Daher kann man davon ausgehen, dass der Unterschied zwischen WTI und Brent sich in den nächsten Monaten etwas einebnet.

Wie sehen sie - unabhängig von dem Preisunterschied - die weitere Entwicklung der Ölpreise?

Impulse könnten sich durch die Atomgespräche im Iran ergeben. Wenn dort das Ergebnis ist, dass man sich wieder annähert, dann könnte auch wieder mehr Öl aus dem Iran kommen. Das Angebot würde sich ausweiten und die Preise würden weiter gedrückt. Gegen steigende Preise sprechen hingegen zwei Punkte: Zum einen ist die Weltwirtschaft weiter auf einem moderaten Wachstumskurs und von daher wird der Ölverbrauch tendenziell peu a peu steigen. Zum anderen sieht man bereits, dass die Strategie der Opec, durch ein hohes Öl- Angebot und daraus resultierende niedrige Preise die Konkurrenz der US-Schieferöl-Industrie aus dem Markt zu drängen, ein Stück weit aufgeht. Wir beobachten jetzt bereits, dass in den USA der ein oder andere Schieferöl-Produzent Probleme bekommt. Eine höhere Zahl von Ausfällen auf der Produzentenseite würden das Öl-Angebot wieder verringern und damit auch zu einem Preisanstieg führen. Bis zum Jahresende könnte damit Brent durchaus wieder bis auf 65 USD ansteigen.

Mit Frank Schallenberger sprach Kai Stoppel

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Quelle: n-tv.de

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