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Blind, ohne Ansehen von Rang und Namen, entscheidet Iustitia, die Göttin der Gerechtigkeit: Im Fall "Zinswetten" übernahm das beim Bundesgerichtshof der elfte Zivilsenat, zuständig für Bankrecht.
Blind, ohne Ansehen von Rang und Namen, entscheidet Iustitia, die Göttin der Gerechtigkeit: Im Fall "Zinswetten" übernahm das beim Bundesgerichtshof der elfte Zivilsenat, zuständig für Bankrecht.(Foto: picture alliance / dpa)

Profi-Werkzeug oder irre Wette: Was sind Zinsswaps?

Der Streit um horrende Verluste aus sogenannten Swap-Geschäften wirft ein scharfes Licht auf die Welt der strukturierten Finanzprodukte. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Josef Ackermann: Für den Chef der Deutschen Bank geht es um das Vertrauen zwischen Bank und Kunde.
Josef Ackermann: Für den Chef der Deutschen Bank geht es um das Vertrauen zwischen Bank und Kunde.(Foto: REUTERS)

Die Deutsche Bank muss mehr als eine halbe Million Euro Schadenersatz für spekulative Zinswetten zahlen. Das Finanzinstitut habe seinen Kunden über die hohen Risiken der Anlage nicht genügend aufgeklärt, entschied der Bundesgerichtshof (BGH) in BGH verurteilt Deutsche Bank (Az. XI ZR 33/10).

Was ist ein Swap?

Der Begriff "Swap" stammt aus dem Englischen und steht dort umgangssprachlich für "umdrehen, wechseln, vertauschen". In der Sprache der Investmentbanker bezeichnen Swaps Tauschoperationen im Kredit- und Devisengeschäft.

Wozu dienen Swaps?

Getauscht werden dabei im Prinzip schwer kalkulierbare Zins- oder Währungsrisiken gegen fest vereinbarte Verpflichtungen. Swaps sind also eine besondere Art von Finanzinstrument, mit denen sich ein Unternehmen, eine Kommune oder ein Investor gegen variable, marktabhängige Belastungen absichern können. Daneben setzen Experten Devisen-Swaps ein, um Währungsrisiken in ihren Geschäften zu kontrollieren.

In der Fachwelt zählen Swaps längst zum Alltag: Die Europäische Zentralbank zählt Fremdwährungsswaps zu ihren Standardinstrumenten, mit denen die Währungsgüter im Rahmen ihrer geldpolitischen Operationen steuernd in den Devisenhandel eingreifen.

Wie funktioniert ein Swap?

Auf Unternehmensebene kommen Swap-Geschäfte dagegen vor allem bei der Absicherung von Kreditpaketen zum Einsatz. Dabei kann sich der Kreditnehmer im Anschluss an die eigentliche Kreditvereinbarung vom Risiko steigender Kreditzinsen befreien.

Dazu tauscht er die variablen Zinsverpflichtungen zum Beispiel im Rahmen einer Vereinbarung mit der Hausbank gegen einen starren Zinssatz ein. Der liegt vielleicht etwas höher als der Marktzins, ist dafür aber über einen bestimmten Zeitraum fixiert.

So ist ausgeschlossen, dass sich die Kreditkosten für den Kreditnehmer unerwartet erhöhen. Die Swap-Vereinbarung macht den Kredit und seine Kosten im Idealfall kalkulierbar.

Warum bieten Banken Swaps an?

Doch Swap-Geschäfte gäbe es nicht, wenn sie nicht auch für den Kontrahenten, also die Gegenseite des Tauschgeschäfts, lukrativ wären. Der Tauschpartner übernimmt zwar das Risiko eines beweglichen Zinssatzes, bekommt dafür aber auch die Chancen auf fallende Marktzinsen. Außerdem legt er das Niveau fest, zu dem feste Zinszahlungen vereinbart werden.

Da sich Kreditzinsen am Marktniveau orientieren, läuft ein Zinsswap letztendlich auf eine Wette hinaus. Gewinner ist, wer die Entwicklung am Markt besser vorhersehen kann. Wenn der Swap-Anbieter die Entwicklung richtig prognostiziert, kann er die Erträge aus der Differenz zwischen starrem Zinssatz und tatsächlicher Zinsverpflichtung als Gewinn einstreichen.

Was ist ein Spread Ladder Swap?

Auf der Grundlage einfacher Swap-Geschäfte haben Banken in den vergangenen Jahren kompliziertere Strukturen entworfen, die sie unter anderem Finanzchefs in Unternehmen und neugierigen Stadtkämmerern als besondere Spezial-Produkte angeboten haben.

Eine Sonderform dieser neuartigen strukturierten Produkte stellen die sogenannten "Spread Ladder Swaps" dar. Dabei einigen sich die beiden Kontrahenten in einer Vereinbarung auf ein Geschäft, das sich - bildlich gesprochen - wie eine gespreizte Leiter auf die Entwicklung zweier Referenzzinzsätze wie zum Beispiel die von kurz- und langlaufenden Staatsanleihen stützt.

Was lief diesmal schief?

In der Regel liegt die langfristige Verzinsung von Anleihen deutlich über dem Niveau kurzfristiger Papiere - ganz einfach deshalb, weil sich Geldgeber bei einer zehnjährigen Anleihe länger binden und damit ein größeres Risiko eingehen. Eine Verringerung des Abstands beider Zinssätze gilt als ungewöhnlich.

Im aktuellen Fall der Deutschen Bank vor dem Bundesgerichtshof ist genau das eingetreten. Das hessische Hygienetechnik-Unternehmen Ille hatte sich als Käufer und die Deutsche Bank als Swap-Anbieter im Rahmen eines Spread-Ladder-Geschäfts zunächst auf einen Nominalwert geeinigt.

Anschließend hatten beide Seiten "auf dieser Basis de facto eine Wette über den Zinsabstand zwischen zweijährigen und zehnjährigen Staatsanleihen in den Folgejahren" abgeschlossen, wie es in einer Analyse der "FAZ" dazu heißt. Für den Fall, dass sich dieser Abstand ("Spread") vergrößert, sollte sich daraus ein Gewinn für Swap-Kunden ergeben. Nur im unwahrscheinlich angesehenen Fall eines geringeren Abstands, sollte - abgesehen von den Gebühren, natürlich - Geld an die Bank fließen.

Was bedeutet das Urteil für die Deutsche Bank?

Die Niederlage in letzter Instanz ist für die Deutsche Bank zunächst ein schwerer Imageschaden. Die finanzielle Belastung aus dem Schadenersatz bleibt dagegen für das Institut überschaubar. Dem betroffenen mittelständischen Unternehmen stehen laut BGH nun 541.000 Euro Schadenersatz zuzüglich Zinsen zu.

Die möglichen Folgekosten aus dem BGH-Urteil sind dagegen nach Einschätzung von Analysten zunächst kaum zu quantifizieren. In der Urteilsbegründung heißt es, dass das Finanzinstitut seinen Kunden über die hohen Risiken des Spread Ladder Swaps nicht genügend aufgeklärt habe.

"Nun muss erst einmal abgewartet werden, inwieweit das Urteil auf andere Swap-Geschäfte zu übertragen ist", meinte ein Analyst. Da es sich um das erste Urteil vor dem Bundesgerichtshof handele, an dem noch weitere Klagen anhängig seien, dürften weitere Schadenersatzforderungen auf die Deutsche Bank zukommen.

Das Klagevolumen aus den bereits anhängigen und den möglicherweise noch folgenden Klagen seien am Markt nicht bekannt. "Da bewegen wir uns im Bereich der Spekulationen", meinte ein anderer Analyst.

Die Deutsche Bank hatte diese Art von Swap-Geschäften an deutlich mehr als 100 Unternehmen und Kommunen verkauft.

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Quelle: n-tv.de

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