Wirtschaft
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kämpft dafür, dass die Türken am 16. April für seine Verfassungsreform stimmen. Sie soll ihm zu fast absoluter Macht verhelfen.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kämpft dafür, dass die Türken am 16. April für seine Verfassungsreform stimmen. Sie soll ihm zu fast absoluter Macht verhelfen.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 16. März 2017

THEMENTAG TÜRKEI: Wie Erdogan die Türkei runterwirtschaftet

Von Diana Dittmer

Es ist schizophren: Der türkische Staatschef Erdogan beleidigt deutsche Politiker mit Nazi-Vergleichen. Zugleich wirbt sein Land händeringend um deutsche Freunde. Weil das Geld von Investoren und Touristen wegbleibt, kollabiert die Wirtschaft.

Wie es in den Wald hineinruft, schallt es bekanntlich heraus. Fragwürdige Terrorvorwürfe, Nazikeulen und die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel: Die Eskalationsspirale in den türkisch-deutschen Beziehungen dreht sich immer schneller. Was der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan unterschätzt: Er gibt den starken Mann, aber für die Wirtschaft ist das verheerend.

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Dass die Beziehungen an einem kritischen Punkt angekommen sind, Politik und Wirtschaft ab jetzt nicht mehr voneinander zu trennen sind, hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nunmehr unmissverständlich klar gemacht. Er plädiert ausdrücklich für einen "klugen" Umgang im Streit mit dem Land. Man werde kein "Öl ins Feuer schütten", sagt Schäuble. Zugleich stellt er aber klar, dass die Türkei nicht mehr auf stärkere wirtschaftliche Unterstützung aus Deutschland hoffen kann. "Klar ist: Solange die Lage so ist wie momentan, ist es illusorisch zu meinen, man könnte Schritte zur engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit vereinbaren."

Die türkische Wirtschaft kollabiert

Die Manöver in Ankara wirken in diesen Tagen fast schizophren: Trotz ständiger politischer Provokationen wünscht sich die Türkei nichts sehnlicher als engere Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland. Die heimische Wirtschaft schmiert ab. Früher war sie Erdogans Trumph-Karte. In seinen elf Jahren als Premier verdreifachte sich das Pro-Kopf-Einkommen. Seit 2015 geht es nur noch abwärts.

Selbst nach der Finanzkrise 2010 wuchs die Türkei noch um neun Prozent. Inzwischen hat sich das Wachstum deutlich auf unter vier Prozent abgekühlt. Für 2017 senkte die Weltbank ihre Wachstumsprognose auf 2,7 Prozent. Für europäische Verhältnisse ist das zwar immer noch viel, für ein Schwellenland wie die Türkei jedoch wenig. "Die Wirtschaft kollabiert", warnen die Analysten die Commerzbank .

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Wegen Terroranschlägen und Erdogans zunehmend autoritärer Politik machen immer mehr Investoren einen Bogen um die Türkei. Vergangenes Jahr brachen die Direktinvestitionen laut türkischem Wirtschaftsministerium um 31 Prozent ein. Wie stark sich das Wirtschaftsleben in der Türkei insgesamt verschlechtert hat, zeigen auch andere Konjunkturbarometer.

"Im Herbst letzten Jahres sackte das Investitionsklima auf neutral, während das Land vorher der 'place to be' war", sagt der stellvertretende DIHK-Geschäftsführer Volker Treier. Der deutsche Mittelstand bewertet die Bedingungen für Geschäfte in der Türkei als weltweit am schlechtesten. Das Interesse deutscher Firmen, die sich bei den Handelskammern melden, um Geschäfte in der Türkei anzubahnen, habe sich 2016 halbiert, so Treier weiter. Alle drei großen Ratingagenturen stuften türkische Staatsanleihen mittlerweile auf "Ramsch"-Niveau herab. Je unberechenbarer Erdogan auftritt, desto riskanter werden Investitionen.

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Auch die Lira stürzte ab. Das verteuerte Importe und trieb die Inflation auf mehr als acht Prozent. Das trifft die Türkei hart, da sie viel mehr ein- als ausführt. Auch sonst geht es bergab: Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund zwölf Prozent. Unter den Jugendlichen ist der Prozentsatz fast doppelt so hoch. Etwa jeder vierte im Alter von 15 bis 24 Jahren hat keinen Arbeitsplatz - es herrschen fast griechische Verhältnisse. "Die Arbeitslosigkeit ist eines unserer größten Probleme", räumt Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci ein.

Erdogans Griff nach der Macht

Abhilfe soll eine im Februar von Erdogan gestartete Initiative für mehr Beschäftigung im Privatsektor bringen. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Statt weiterer Wirtschaftsmaßnahmen kümmert sich Erdogan lieber um seinen Machterhalt. Bei einem Referendum am 16. April will er die Befugnisse des Präsidenten mit einer Verfassungsreform ausbauen. Auch deshalb hat der Konflikt mit zahlreichen westeuropäischen Ländern zuletzt stetig zugenommen, was sich negativ auf die türkische Wirtschaft und insbesondere den Tourismus auswirkt.

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Die Türkei kann kaum auf Urlauber verzichten. Laut World Travel & Tourism Concil hängen rund 13 Prozent der Wirtschaft am Tourismus. Die Angst vor Anschlägen hält viele von Reisen ab. Kamen vor zwei Jahren 5,6 Millionen Deutsche in die Türkei, waren es 2016 nur noch vier Millionen. Die Tourismus-Einnahmen fielen um fast 30 Prozent. Der neue Reisehinweis des Auswärtigen Amtes wird die Zahlen eher noch schrumpfen lassen: "Im Zuge des Wahlkampfes muss mit erhöhten politischen Spannungen und Protesten gerechnet werden, die sich auch gegen Deutschland richten können", heißt es dort seit Anfang der Woche. "Hiervon können im Einzelfall auch deutsche Reisende in der Türkei betroffen sein."

"Kommt, deutsche Freunde"

Nur wenn es ums Geld geht, scheint Ankara immer noch etwas an der deutsch-türkischen Freundschaft gelegen zu sein. Das machte auch der Berlin-Besuch des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu in der vergangenen Woche deutlich. Während er im Streit über Wahlkampfauftritte türkischer Politiker das heutige Deutschland erneut mit der Nazi-Zeit verglich, warb er beim Besuch auf der Tourismusmesse ITB  dafür, die "deutschen Freunde" mögen bitte Urlaub in der Türkei machen. Ein weiteres Beispiel für die Schizophrenie in den Beziehungen.

Nicht nur deutsche Touristen, auch deutsche Geschäftspartner sind wichtig für die Türkei. Deutschland ist der größte Handelspartner der Türkei, der wichtigste Absatzmarkt für türkische Exporte. Direkt hinter China ist Deutschland auch der größte Lieferant für die Türkei - mit ausgefeilten Produkten wie Autos, Maschinen und Elektrotechnik, die die Türkei nur schwer ersetzen könnte.

Schäuble sprach zuletzt mit dem türkischen Vizepremier Mehmet Simsek auch darüber, "was in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage der Türkei getan werden könne, um partnerschaftlich zu helfen". Man habe einen "ganzen Katalog" an Maßnahmen aufgestellt, wie der Türkei geholfen werden könne, so der Finanzminister. Nach der Verhaftung von Yücel habe er dem türkischen Vizepremier aber gesagt, das es jetzt "sehr schwierig unter diesen Umständen" werde. Ob die Botschaft angekommen ist, wird sich zeigen. Seinem Ziel, die Türkei bis 2023 zu einer der weltweit zehn größten Wirtschaftsnationen zu machen, kommt Erdogan so auf jeden Fall nicht näher.

Quelle: n-tv.de

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