Wirtschaft
Medienauflauf vor dem Präsidentenpalast in Nikosia auf Zypern.
Medienauflauf vor dem Präsidentenpalast in Nikosia auf Zypern.(Foto: picture alliance / dpa)

Ökonomen: "Kein Erpressungspotenzial": Zypern wird nachgeben müssen

Zypern braucht dringend einen Plan B, um den finanziellen Gau abzuwenden. Alle Hoffnungen ruhen auf Russland. Die Zeit drängt, aber ein Kredit ist nicht in Sicht. Andere Alternativen? Fehlanzeige. Spielraum für Nachverhandlungen mit den Geldgebern der Troika sehen Ökonomen nicht. Eher werde das Land fallen gelassen.

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Zypern hat nach Einschätzung von Ökonomen keine andere Wahl, als sich den Forderungen seiner möglichen Kreditgeber zu beugen. Zwar habe das Parlament ein Hilfsangebot seiner europäischen Partner, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) abgelehnt, doch lasse sich die Troika nicht von dem kleinen Inselstaat erpressen, lautet am Tag nach dem Nein des zyprischen Parlaments der Tenor der Experten.

"Die zyprische Regierung wird versuchen, das Rettungsprogramm neu zu verhandeln. Wir glauben aber nicht, dass EZB, IWF und die Euro-Finanzminister substanzielle Zugeständnisse machen werden", prognostizierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Überhaupt keinen Verhandlungsspielraum sieht Krämer bei der Höhe des Eigenanteil Zyperns, sondern allenfalls bei der Art und Weise, wie dieses Geld aufgetrieben werden könnte.

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Das Parlament des Inselstaats hatte ein Hilfsangebot seiner europäischen Partner und des IWF am Vortag abgelehnt. Es sah vor, dass zyprische Bankkunden über eine einmalige Abgabe auf ihre Einlagen an den Kosten der Rettung beteiligt werden. Diese Abgabe sollte progressiv nach der Höhe der Einlagen gestaffelt werden.

Zypern setzt auf Russland

Nun wird offenbar nach Auswegen gesucht. Medienberichten zufolge  schlägt die zyprische Regierung Russland vor, auf 30 Prozent der russischen Bankeinlagen zu verzichten und im Gegenzug Russland einen Zugang zu den Gasvorkommen vor Zypern zu gewähren. Ein Gazprom-Sprecher hat allerdings Berichte dementiert, laut denen der Staatskonzern der Inselregierung bereits ein entsprechendes Angebot gemacht habe.

Zyperns Finanzminister Michael Sarris in der russischen Hauptstadt.
Zyperns Finanzminister Michael Sarris in der russischen Hauptstadt.(Foto: dpa)

Aber was nicht ist, kann ja noch werden: Gegenwärtig hält sich Zyperns Finanzminister Michalis Sarris im Moskau auf, um mit seinem russischen Amtskollegen Anton Siluanov über eine Verlängerung eines Kredits von 2,5 Milliarden Euro zu verhandeln. Darüber hinaus hat Zypern nach einem weiteren Darlehen über 5 Milliarden Euro angefragt.

Möglicherweise kommt bei diesen Gesprächen auch eine Besicherung der Kredite zur Sprache. Bisher gibt es diesbezüglich aber kein Ergebnis, wie Sarris mitteilte. Die Diskussionen würden aber "so lange wie nötig" weiter gehen, sagte Sarris. "Wir hoffen, dass wir Unterstützung von Russland erhalten."

Ein Deal mit weitreichenden Folgen

Zypern setzt offenbar alles auf die eine Karte und lässt sich damit auf ein gefährliches Spiel ein. Ökonomen beurteilen die Wahrscheinlichkeit einer solchen Lösung zurückhaltend. "Diese Option hätte weitreichende geostrategische Auswirkungen", gab zum Beispiel ING-Volkswirt Carsten Brzeski zu bedenken.

Derweil läuft die Zeit für Zypern, einen neuen Vorschlag zu unterbreiten, ab. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, nimmt an, dass die Europäer Zypern dafür noch einige Tage geben werden. "Während Zypern nach einem Plan B sucht, dürften die Banken wohl noch über Donnerstag hinaus geschlossen bleiben", meint er. Auch Diskussionen über begrenzte Kapitalverkehrskontrollen hält Schmieding für durchaus möglich.

Schmieding glaubt nicht, dass das Erpressungspotenzial Zyperns gegenüber seinen Partnern groß genug ist, um noch bessere Konditionen herauszuschlagen. "Sollte das wirklich notwendig werden, würde die Eurozone das kleine Zypern wohl fallen lassen und sich darauf konzentrieren, den Schaden zu begrenzen, anstatt die Rettungskonditionen so weit zu lockern, dass andere Länder auf die Idee kommen könnten, ihrerseits bessere Konditionen zu fordern", sagte er.

Ende mit Schrecken nicht ausgeschlossen

In diesem Falle würde die EZB die zyprischen Banken als insolvent betrachten und ihre Versorgung mit Zentralbankgeld einstellen. Die Versorgung mit Notfallkrediten (ELA) durch die zyprischen Zentralbank ließe sich mit einer Zweidrittelmehrheit im EZB-Rat beenden. Der Rat beginnt am Abend seine turnusmäßigen zweiwöchentlichen Beratungen in Frankfurt.

Auch UniCredit-Chefvolkswirt Erik Nielsen gibt Zypern wenig Chancen, den Bedingungen der Troika zu entgehen, die er auch nicht unangemessen findet. Nielsen macht folgende Rechnung auf: Ein Anleger, der 2008 in Zypern 100.000 Euro angelegt hat, hätte dafür bis heute rund 15.000 Euro mehr Zinsen erhalten, als wenn er das Geld in Italien oder Spanien angelegt und rund 23.000 Euro mehr als bei einer Anlage in Deutschland.

"Warum glauben das zyprische Parlament und manche Kommentatoren, dass eine Steuer von 15 Prozent auf Bankeinlagen von über 100.000 Euro, die eine Besteuerung niedrigerer Einlagen überflüssig machen würde, unvernünftig wäre, und dass man die Rechnung stattdessen den Steuerzahlern in Deutschland, Italien und anderen Länder präsentieren sollte?", fragte Nielsen und fügte hinzu: "Ich glaube, dass sich für diese zyprische Position in der Eurozone kein Verständnis finden wird."

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