Wirtschaft

Franken gegen Euro: Die Schweiz obenauf

Robert Rethfeld, Wellenreiter-Invest

Scheinbar unaufhaltsam fällt der Kurs des Euro gegenüber dem Schweizer Franken. Am Freitag notierte der Wechselkurs bei 1,1885. Damit rückt die Parität EUR/CHF in den Bereich des Möglichen.

Im Langfristchart zeigt sich, dass die Ausgeglichenheit des Währungspaars der vergangenen 30 Jahre passé ist. Die Schwankungsbreite betrug in der Regel zwischen 1,40 und 1,80. Wenn man von einem Mittelkurs von 1,60 ausgeht, bedeutet dies eine Abweichung von plus/minus 12 Prozent. Mittlerweile hat sich der Kurs etwa 25 Prozent von seinem Mittelkurs entfernt.

Die Gründe für diese Entwicklung liegen nahe. Nachdem die Deutsche Mark als sicherer Hafen nicht mehr existiert, hat der Schweizer Franken diese Rolle ausgebaut. Die öffentliche Verschuldung der Schweiz beträgt etwa 209 Mrd. Franken (etwa 177 Mrd. Euro). Da die Schweiz über 1.040 Tonnen Gold im Wert von etwa 48 Mrd. Euro verfügt, ist die Schweizer Staatsverschuldung zu 27 Prozent mit Gold gedeckt. Würde der Goldpreis auf 5.700 US-Dollar steigen, betrüge der Golddeckungsgrad 100 Prozent.

Der hohe Golddeckungsgrad der Verschuldung dürfte für die Flucht in den Schweizer Franken mit verantwortlich sein.

Zum Vergleich: Die deutsche Staatsverschuldung ist zu etwa 7 Prozent durch den Goldpreis gedeckt.

Man könnte sagen: Alles perfekt in unserem südlichen Nachbarland. Wenn nicht ein Titelblattindikator die Alarmglocken schrillen lassen würde. Das Schweizer Wirtschaftsmagazin Bilanz macht seine Juli-2011-Ausgabe mit dem Titelblatt „Super Schweiz“ auf. Ähnliches hatten wir schon mal, und zwar im Februar 1985. Damals zeigte der Spiegel den „Super Dollar“ auf dem Titelbild. Das Hoch vom Februar 1985 bedeutet ein Mehr-Dekaden-Hoch für den US-Dollar.

Auch wenn ein Titelblatt-Indikator nicht immer ein perfektes „Contrarian“-Signal liefert, so scheint klar, dass die Thematik „Fluchtpunkt Schweiz“ bereits recht ausgereizt ist. Das Schweizer Wohlergehen hängt nicht zuletzt von seinem nördlichen Nachbarn Deutschland ab. Sollte das Wirtschaftswachstum im „großen Kanton“ ins Stocken geraten, würde die Schweiz darunter leiden. Unabhängig davon führt der starke Franken zu steigenden Exportpreisen. Es geht jetzt Richtung Schmerzgrenze für die Schweizer Unternehmen.



Charttechnisch ergibt sich an dieser Stelle noch kein Umkehrsignal. Der Abwärtstrend des Euro gegenüber dem Schweizer Franken bleibt intakt. Angesichts des explodierenden Renditespreads der Renditen für 10jährige italienische Anleihen zu den Bundesanleihen mag der Euro kurzfristig weiter unter Druck geraten.

 

Das Signal des Marktes an die EZB lautet: Stoppt die Leitzinserhöhungen, oder die Renditen Italiens und Spanien steigen weiter. Nachdem die Banken sich weitgehend aus den griechischen Anleihen verabschiedet haben, scheinen sie jetzt die Anleihen Italiens und Spaniens „wegdrücken“ zu wollen. Die Politik ist zunehmend gefordert. Gerade im Sommer können sich unter dem Deckmantel der Ferien Dinge zusammenbrauen, die frühzeitige Reaktionen erfordern. Das die Politik gerade im Sommer kaum agiert, erscheinen im Herbst harsche und hektische politische Dispositionen vorgezeichnet.

 

Sollte es so kommen, so könnte sich die Stärke des Schweizer Franken gegenüber dem Euro kurzfristig noch fortsetzen. Der Titelblattindikator ist ein ernst zu nehmendes Anzeichen dafür, dass sich die Schweiz keine Insel der Seligen ist, sondern im Falle des Falls in die Turbulenzen der Euro-Zone mit hineingezogen werden würde.

Mehr Informationen: www.wellenreiter-invest.de

 

Quelle: n-tv.de